
Wenngleich die Ausläufer des Justiz-Tsunamis um den berühmten Sportler und Schauspieler OJ Simpson Mitte der 90er Jahre auch die deutsche Öffentlichkeit in Atem hielt, so war dies wohl kein Vergleich zum medialen Wahnsinn, der sich in den USA abspielte. OJ war einer der besten Spieler, die jemals in der amerikanischen Footballliga NFL gespielt hatten. Als erster Spieler überhaupt durchbrach er die magische 2.000-Yard-Marke. Er sah gut aus, war eloquent und liebenswert. Sein Spitzname „Juice“ war abgeleitet von den Initialen seines vollen Vornamens Orenthal James.
This is a fiasco
Seine immense Ausstrahlung brachte ihm nicht nur Legionen von Fans ein, sondern auch das Interesse Hollywoods. Noch während seiner Zeit als Profisportler begann er mit der Schauspielei. Die größten Erfolge feierte er nach seiner Football-Karriere an der Seite von Leslie Nielsen in der Filmreihe „Die nackte Kanone“. Als besonders pikantes Detail wurde deren letzte Ausgabe im gleichen Jahr veröffentlicht, in dem Simpson wegen doppelten Mordes angeklagt wurde. Auf der Liste der Kuriositäten, die dieser Fall hervorbringen sollte, steht das Veröffentlichungsdatum seines letzten Films jedoch weit hinten.
Auf einem der vorderen Plätze rangiert hingegen die kurzzeitige Flucht des von Selbstmordgedanken geplagten OJ und seines Freundes und Teamkameraden aus Collegetagen, AC Cowlings. Es war die erste Flucht, die live auf mehreren Fernsehsendern übertragen wurden. NBC unterbrach dafür die fünfte Partie der Basketball-Playoff-Serie zwischen den New York Knicks und den Houston Rockets. Zwischendurch waren so viele Nachrichtenhelikopter am Himmel über OJs Fluchtwagen versammelt, dass sie sich gegenseitig die Funksignale unterbrachen.
Neben dem NBA-Finale fanden am 17. Juni 1994 in den USA weitere Sportgroßveranstaltungen statt. Die deutsche Nationalmannschaft bestritt in Chicago gegen Bolivien das Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft. Das Eishockeyteam New York Rangers feierte in der Stadt seinen ersten Stanley-Cup-Triumph seit über 40 Jahren. Der damals als beste Golfer aller Zeiten gehandelte Arnold Palmer spielte seine letzte Runde als Profi bei den US Open. Der Baseballer Ken Griffey, Jr. egalisierte einen jahrzehntealten Homerun-Rekord der Legende Babe Ruth.
Und OJ Simpson floh in seinem weißen Ford Bronco über die Autobahn von Los Angeles.

Diese Szene dient als schauriger Schlusspunkt der exzellenten Auftaktepisode von American Crime Story. Die erste Staffel des neuen Anthologieformats trägt den Untertitel „The People v. OJ Simpson“ und erzählt die turbulenten Ereignisse rund um den Mord an Simpsons Exfrau Nicole Brown Simpson und deren Bekannten Ronald Goldman. Hierfür adaptierten die Drehbuchautoren Scott Alexander und Lara Karaszewski das Sachbuch „The Run of His Life: The People v. O.J. Simpson“ von Jeffrey Toobin. Regie führte im Auftakt Serien-Großmeister Ryan Murphy.
We don't want a Belushi situation
Alexander und Karaszewski hatten dem Kabelsender FX das Format ursprünglich als Miniserie angeboten und wurden von den Senderverantwortlichen mit Murphy zusammengebracht. Dass dies zunächst eher eine arrangierte denn eine Liebeshochzeit war, dürfte angesichts Murphys Art, seine Geschichten - zum Beispiel in American Horror Story oder Scream Queens - zu erzählen, kein Wunder sein. Schon nach der Pilotepisode kann jedoch festgehalten werden, dass die beiden Autoren ihren seriösen Stil durchsetzen konnten. Murphy beschränkt sich darauf, ein paar der für ihn typischen exquisiten Kamerafahrten einzusetzen.
Um das politisch-gesellschaftliche Klima zu verdeutlichen, das die USA, vor allem aber Los Angeles zum Tatzeitpunkt in Atem hielt, stellen Alexander und Karaszewski ihrer Nacherzählung reale Aufnahmen der Unruhen in Los Angeles im Jahre 1992 voran. Diese ereigneten sich nach dem Freispruch der vier Polizisten, die den schwarzen Verkehrsteilnehmer Rodney King verprügelt hatten. Diese Prügelorgie war auf Video festgehalten worden. Nach deren Veröffentlichung herrschte in L.A. tiefes Misstrauen zwischen der schwarzen Bevölkerung und der Polizei. Bis heute hat sich dahingehend nichts gebessert.
Deshalb fühlen sich die Dinge, die in der ersten Episode von American Crime Story geschehen, auch sehr familiär an. Die Geschichte beginnt, als sich OJ (Cuba Gooding Jr.) nach dem mutmaßlichen Mord von einem ihm unbekannten Chauffeur an den Flughafen fahren lässt, um nach Chicago zu fliegen. Gleichzeitig findet ein Nachbar am Tatort die Leichen von Nicole Brown und Ronald Goldman. Ein herbeigerufener Polizist inspiziert ihr Haus, in dem die beiden gemeinsamen Kinder noch schlafen. Die eingelassene Badewanne ist von brennenden Kerzen umsäumt. In der gleichen Nacht finden die Mordermittler Blutspuren an und in OJs Wagen sowie einen schwarzen Handschuh, an dem ebenfalls Blut klebt. Sie überbringen OJ telefonisch die Nachricht vom Tod seiner Exfrau - und sind verwundert, dass er nicht fragt, wie sie gestorben ist.

Wer diese Geschichte und ihren Ausgang nicht kennt, dem sei geraten, sich in den nächsten zehn Wochen von jeglicher Internetrecherche dazu fernzuhalten. Die Auftaktepisode deutet nämlich bereits an, dass hier detailreich und vor allem im Stile eines spannenden Justizthrillers vorgegangen wird. Ich hatte währenddessen ein ähnliches Gefühl wie bei der Netflix-True-Crime-Serie Making a Murderer, obwohl ich seit knapp 20 Jahren weiß, wie der Prozess ausgegangen ist. Genau darin ist das größte Lob für dieses hervorragende neue Format verborgen: Es ist unheimlich spannend, auch wenn man das Ende schon kennt.
Let's put him behind bars
Respekt dafür gebührt nicht nur dem Drehbuch, sondern auch dem glänzend besetzten Ensemble. Hierfür ist wiederum Ryan Murphy verantortlich - ohne seinen Einfluss hätten Alexander und Karaszewski wohl nicht so eine illustre Schauspielerschar um sich versammeln können. Zu Beginn sticht vor allem Sarah Paulson heraus, die in die Rolle der ehrgeizigen Staatsanwältin Marcia Clark schlüpft. Sie ist von Beginn an davon überzeugt, in OJ den Schuldigen für den Doppelmord gefunden zu haben. Als Zuschauer, dem lediglich die Faktenlage aus der ersten Episode bekannt ist, ist man sofort geneigt, ihr zuzustimmen.
Ab dem Moment, an dem sie sich des Falles annimmt, steht Marcia unter Strom. Ihre Empörung wächst von neuer Erkenntnis zu neuer Erkenntnis mehr. Weil OJ viele Freunde bei der Polizei hat, wird er in der ersten Vernehmung mit Samthandschuhen angefasst. Überdies stellt sich bald heraus, dass OJ - in Widerspruch zu seinem öffentlichen Saubermann-Image - ein erratisch handelnder Hitzkopf sein konnte, der Nicole während der Ehe mehrmals körperlich misshandelt hatte und dafür bereits verurteilt worden war. Marcia kann da nur noch entgeistert feststellen: „The system failed her.“
Der Verdächtige plant indes seine Verteidigung. Er engagiert den Staranwalt Robert Shapiro (von John Travolta gnadenlos, aber sehenswert überspielt) sowie seinen guten Freund Robert Kardashian (dessen Töchter später zu It-Girls und Reality-Stars wurden und auch kurz im Piloten auftauchen). David Schwimmer spielt Letztgenannten mit ehrlicher Besorgnis und ungläubigem Staunen gegenüber den Vorwürfen. In späteren Episoden wird Johnnie Cochran (Courtney B. Vance) als Strafverteidiger zu ihnen stoßen - im Auftakt arbeitet er aber noch als politisch engagierter Staatsanwalt, der sich vehement gegen die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerungsminderheit durch die Polizei einsetzt.

Bevor Shapiro das Mandat seines berühmten Klienten annimmt, stellt er ihm eine Frage, die er angeblich allen seinen Klienten stellt: „Did you do it?“ Sofort antwortet Simpson darauf: „No“, und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „I loved her.“ Gooding Jr. spielt diese Szenen herausragend - wir Zuschauer können zu keinem Zeitpunkt erahnen, ob er lügt oder die Wahrheit sagt. Jedoch belasten ihn die DNA-Spuren vom Handschuh sowie diverse Zeugenaussagen und ein von Shapiro beauftragter Lügendetektortest schwer.
Who the hell brings their lawyer to a funeral?
Für Faye Resnick (Connie Britton) und Kris Jenner - ehemals Kardashian - (Selma Blair), beides Freundinnen seiner Exfrau, gibt es an seiner Schuld schon auf der Trauerfeier für Nicole kaum Zweifel. Als er dort auftaucht, um der von ihm angeblich Ermordeten Lebewohl zu sagen, ereifern sich viele Gäste über soviel Chuzpe. Marcia Clark arbeitet derweil fieberhaft an den juristischen Formalien für seine Verhaftung. Als es dagegen für die eilig zusammengetrommelte Verteidigungsmannschaft kein Mittel mehr gibt, verliert OJ den Lebensmut. Er schreibt sein Testament sowie Abschiedsbriefe an seine Mutter, seine Töchter und seine Fans.
Dann nimmt er sich einen Revolver und hält ihn vor den Augen von Robert Kardashian an seine Schläfe. Sein Freund bittet ihn inständig darum, sich nicht umzubringen - vor allem nicht im Kinderzimmer von Kim, was mir zum ersten Mal in der knapp einstündigen Auftaktepisode ein Lächeln entlockte. Schließlich entscheidet sich OJ gegen den Selbstmord, flüchtet aber mit Kumpel AC (Malcolm-Jamal Warner), der Waffe und seinem mittlerweile legendären weißen Ford Bronco auf die Autobahn. Es erklingt eine Coverversion des Bob-Dylan-Songs „I Shall Be Released“ - ein nahezu perfekter Abschluss dieser sehr guten ersten Episode.
Obwohl ich weiß, wie diese verrückte Geschichte ausgeht, kann ich es kaum erwarten, die nächste Episode zu sehen und tiefer in dieses heillose Durcheinander einzutauchen. Der Aufstieg und Fall von OJ Simpson ist vielleicht das gesellschaftspolitische und popkulturelle Phänomen der jüngeren amerikanischen Geschichte. Wie bei keinem anderen Ereignis überkreuzen sich darin solch hochtrabende Themenkomplexe wie Rassismus, Klassenbewusstsein, Geschlechterrollen und Ruhm. Die Anthologieserie American Crime Story findet dafür in ihrer Pilotepisode genau die richtige Mischung aus bedächtiger journalistischer Aufarbeitung und mitreißender Dramaturgie.
Jeder Zuschauer - ob informiert oder nicht - kann hieran Gefallen finden. Diese aufsehenerregende Geschichte ist einfach wahnsinnig juicy.