AlRawabi School for Girls: Review der Pilotepisode

© oster zur Serie AlRawabi School for Girls (c) Netflix
Die jordanische Produzentin und Komikerin Tima Shomali, von Kollegen gerne als „Tina Fey der arabischen Welt“ gefeiert, hat eine Serie zu Netflix gebracht über eine Welt, in die man nicht so oft blicken darf. Sie erzählt die Geschichte einer Klasse junger, gebildeter Frauen, die in einer Großstadt der arabischen Welt leben. Dort entspinnt sich in einer Eliteschule ein Mobbingskandal, auf den auch die moralische Prägung des Landes einen großen Einfluss hat. Kann das Drama begeistern?
Wovon handelt die Serie AlRawabi School for Girls?
Unser Einstieg in die Welt von AlRawabi School for Girls gelingt an der Hand von Mariam (Andria Tayeh), einer Musterschülerin, die sich auf ihren Unterricht an der Elitemädchenschule freut. Bis zu dem Tag, an dem sie von ihren Mitschülerinnen zusammengeschlagen wird und im Krankenhaus landet. Wir erfahren zunächst nicht, welche Schäden sie davontragen wird. Die Pilotepisode geht einen Schritt zurück und erzählt uns von den Anfängen des Mobbings.
Mariams beste Freundin ist Dina (Yara Mustafa), eine quirlige, manchmal etwas ungeschickte Mitschülerin. Die beiden fahren gemeinsam im Schulbus. Dort sind ebenso Layan (Noor Taher) und Rania (Joanna Arida). Die beiden sind weniger an Schule als mehr an Dates interessiert. Die beiden Streberinnen halten sie für einfache Opfer und beleidigen sie ohne Grund öfters. Layan will sich an einem Tag aus dem Schulbus schleichen, um ihre Flamme zu treffen, doch Mariam weigert sich, ihren Anweisungen für eine Ablenkung zu folgen. In kleinen Schritten wird Mariams Unbeugsamkeit zum Problem für die beliebten Mädchen der Schule. Zu dieser Clique gehört neben Layan und Rania noch Ruqayya (Salsabiela).
In diese Situation kommt Noaf (Rakeen Sa'ad) in die Klasse. Mit ihren Piercings und ihrem Stil sticht sie aus der Masse der Schülerinnen hervor, auch nachdem sie die Schuluniform angelegt hat. Nach dem Sportunterricht kommt es in der Umkleide zur Konfrontation, als Layan Mariam wieder einmal mobbt.
Doch Mariam ist noch lange nicht bereit, sich kampflos zu ergeben und wegzuducken wie die meisten anderen, die ins Visier von Layan geraten. Das liegt aber auch daran, dass ihr Vater ein Mann von großem Einfluss ist. Darum wird es auch schwierig, als Mariam die Lehrer über Layans Schulschwänzerei informiert. Dabei entspinnt sich ein weiterer Konflikt zwischen der Klassenlehrerin, die Layan bestrafen möchte und der Direktorin, die ihre Schule lieber auf der guten Seite von Layan und ihrem Vater wissen möchte.
Um herauszufinden, wer sie verraten hat, schreckt Layan nicht einmal davor zurück, die Putzkraft der Schule zu bedrohen. Nachdem Layan nun zu wissen glaubt, dass Mariam sie verraten hat, greift sie sie an und die Pilotepisode schließt an die Auftaktszene an, in der Mariam mit blutiger Kopfwunde zurückbleibt, während Layan und ihre Freundinnen davonlaufen.
Die Polizeiermittlungen führen ins Leere, aber wir erfahren, dass Noaf die ganze Sache aus Versehen beobachtet hat. Auf einer großen Klassenversammlung, bei der auch die Mütter der Mädchen anwesend sind, muss Layan etwas unternehmen. Sie behauptet, Mariam in Notwehr geschubst zu haben, nachdem Mariam sie unmoralisch angefasst haben soll. Ihre Klassenkameradinnen, außer Dina und Noaf, bestätigen ihre Version der Dinge, Mariam wird suspendiert und leidet unter der Enttäuschung ihrer Mutter. Sie schwört Rache und damit nimmt die Geschichte ihren ohnehin schon furchtbaren Lauf.
Wie kommt es rüber?
Das Innenleben der gebildeten Elite eines arabischen Landes wird auf der Mattscheibe gezeigt und ist dabei doch ein so interessanter Konfliktpool. Zwischen der religiösen Moral und der wissenschaftlichen Bildung, mit Generationskonflikten, unglaublich großen Einkommensunterschieden und Chancenungleichheiten entspinnen sich faszinierende Geschichten, in denen jeder Schritt eine Nachricht an die Umgebung ist, in der man nicht unpolitisch, unentschieden sein kann. Das kann man noch intensiver in der großartigen türkischen Netflix-Produktion Bir Baskadir - Acht Menschen in Istanbul sehen. Weniger subtil und in mancher Hinsicht kurzweiliger und spannender aufbereitet wird das in dieser neuen Serie ebenfalls auf die Mattscheibe gebracht.
In AlRawabi School for Girls werden zwei der zentralen Stränge dieses gesellschaftspolitischen Konflikts unter anderem von der Klassenlehrerin, Kopftuch und streng moralisch, und der Direktorin, Designerkleidung und strategisches Verhalten, repräsentiert. Der Konflikt der beiden wirkt als Katalysator für das Drama, das sich zwischen den Mädchen entspinnt. Denn dort sind die alten Gegensätze nicht mehr so zentral. Dass Ruqayya ein Kopftuch trägt, hat auf ihren Alltag keine Auswirkungen. Viel wichtiger sind Einfluss, auf der Teenager- wie auch auf der Erwachsenenebene. Immer wieder ist das Mobbing durch Layan universell, sowohl zeitlich als auch örtlich. Sie beleidigt gerne Körperformen, das würde wohl überall und zu jeder Zeit funktionieren. Doch die jordanische Serie bringt in diese Geschichte im „Carrie“-Stil noch eine weitere Ebene, die einer zerrissenen Gesellschaft, in der Frauen einen schweren Stand haben.
Die AlRawabi-Schule ist eine typische Subkultur, in der nur die Frauen unter sich sind und damit alle Positionen füllen: die der Täterinnen und der Opfer, die der Mächtigen und der Machtlosen. Manch eine findet ihre Macht durch einen Mann, der aber in der Regel nicht anwesend ist, sondern als bedrohliches Name-Dropping genutzt wird.
Endlich finden immer mehr Serien zu den großen Streamingdiensten, in denen Frauen in der arabischen Welt all das sein dürfen und sich vom Klischee der unterwürfigen Kopftuchträgerin befreien können. Wir werfen einen Blick in eine oft abgeschottete Welt, die im Inneren nicht so anders funktioniert wie unsere. In der es aber zusätzliche Stolperfallen für Frauen gibt, die für uns manchmal absurd wirken, in der Welt von Mariam und Layan aber unter Umständen gravierende Konsequenzen haben können. All das wird spannend präsentiert und von den Serienmacherinnen und Darstellerinnen mit Charakteren bevölkert, die man lieben und hassen kann, die sich entwickeln und verändern.
Dieses interessante Feld eignet sich bestens für die Geschichte, die Tima Shomali uns erzählen will. Was sie außerdem auszeichnet, ist Netflix-typisch ein hohes Produktionsniveau und eine Riege junger Schauspielerinnen, die allesamt glänzen können.
Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „AlRawabi School for Girls“: