Verträgt der sonntägliche Animations-Programmbiock Animation Domination noch ein weiteres freches und altkluges Kind? Diese Frage testete FOX mit dem Start der neuen Serie Allen Gregory aus. Wenn es nach den Einschaltquoten und der Qualität des Serienpiloten geht, lautet die Antwort wohl: nein.

Die Figuren aus „Allen Gregory“ / (c) FOX
Die Figuren aus „Allen Gregory“ / (c) FOX

Wenn ein Sender einem neuen Format einen prestigeträchtigen Sendeplatz zwischen zwei der beliebtesten Formate eines Sendetages gönnt, sind die Erwartungen an selbiges in der Regel hoch. Denn nun muss nur noch eine sichere Vorlage verwandelt werden. Die neue Cartoonserie Allen Gregory hat diese Vorlage aber in keinster Weise nutzen können und enttäuscht auf ganze Linie.

Inhalt Allen Gregory

Allen Gregory ist eine Animationsserie, bei der sowohl der titelgebende Protagonist als auch dessen besondere Familie und sein neues schulisches Umfeld im Vordergrund stehen beziehungsweise stehen werden. Denn zunächst muss der verwöhnte, gemeine, snobistische und vermeintlich hoch intelligente „Allen Gregory“ den größten Dämpfer seines noch jungen Lebens verkraften. Statt auf eine exklusive und teure Privatschule, soll er nun auf eine gewöhnliche öffentliche Grundschule gehen.

Aber wie macht man das einer männlichen Diva wie Allen Gregory nur klar? Womöglich mit einer Zeremonie, die dem ach so klugen Jungen vorgaukelt, die Aussicht auf einen Tony-Award zu haben. Doch müsste dieser nicht durchschauen, dass ein Musical, das im heimischen Wohnzimmer aufgeführt wurde, keinerlei Chance auf solch eine Auszeichnung hat?

Im Laufe der Episode lernt man außerdem Allen Gregorys Familie näher kennen. Da ist zum einen sein merkwürdiger Vater Richard (French Stewart), der seinen homosexuellen Lebensgefährten Jeremy (Nat Faxon) fest unter seiner Knute hat und eher als Lustknaben, denn als gleichberechtigten Partner behandelt. Neben Allen Gregory haben die beiden ein zweites Adoptivkind: Julie (Joy Osmanski) aus Kambodscha bereichert die nach außen hin progressiv erscheinende Familie.

Probeweise geht Allen Gregory also in die „Feldstein Elementary School“, die auch seine ältere Schwester besucht. Schnell versucht er, die Aufmerksamkeit auf sich zu richten und beispielsweise die Kontrolle von der Klassenlehrerin Ms. Winthrop mit einer Frage-und-Antwort-Runde an sich zu reißen. Auch sonst verhält sich der neue Schüler sonderlich: statt wie alle anderen sein Mittagessen in der Cafeteria zu sich zu nehmen, möchte er mit anderen offizielle „Lunchtermine“ festlegen, sucht direkt die Nähe der beliebtesten Schüler und verliebt sich spontan in Judith Gottlieb (Renee Taylor). Diese ist die Schulleiterin gesetzteren Alters, die ihre besten Tage wahrscheinlich bereits hinter sich hat und seine Gefühle verständlicherweise nicht erwidert, was das Wunderkind fast dazu bringt, die Flinte ins Korn zu werfen.

Oberschulrat Stewart Rossmyre (Will Forte, Saturday Night Live) versucht sein Bestes, den vielversprechenden Schüler an der Schule zu halten. Das ist jedoch nur so lange nötig, bis Jeremy Allen ernsthaft ins Gewissen redet und erzählt, wie er und sein Vater sich kennengelernt hatten. Früher war Jeremy nämlich ein heterosexueller Mann mit Frau und Kindern. Erst durch Richards besondere Hartnäckigkeit, die an Kriminalität grenzte, konnte er ihn für sich gewinnen. Die Moral aus der Geschichte: Nur durch wahre Überzeugungsarbeit kann man andere von seiner Qualität überzeugen.

Einordnung und Kritik

Serienpiloten von Animationsserien zu beurteilen ist teilweise schwieriger als bei konventionellen Drama- oder Comedyserien, denn durch die lange Vorlaufzeit dauert es etwas, bis sich Änderungen und Optimierungen bemerkbar machen. Häufig ändert sich nach einer gewissen Zeit die Prämisse gehörig oder das Autorenteam findet seine Nische erst nach einigen Staffeln. Die goldene Ära der The Simpsons hat immerhin erst ab der dritten Staffel stattgefunden, Trey Parker und Matt Stone sind heutzutage von ihren ersten Staffeln South Park auch eher peinlich berührt als mit Stolz erfüllt, wie sie in einem EW-Interview preisgegeben haben. Dennoch hatten die ersten Episoden von „Die Simpsons“, Family Guy, Futurama, Archer oder eben „South Park“ deutlich mehr Charme und Potenzial als Allen Gregory. Und vor allem: sympathische Figuren.

Klar ist Cartman bei „South Park“ eine gemeine Figur, aber er wird durch Stan oder Kyle in gewisserweise neutralisiert. Natürlich ist Bart Simpson ein Satansbraten und Stewie aus „Family Guy“ in den frühen Staffeln ein diabolisches Genie, dass den Tod seiner Mutter im Sinn hat, aber dennoch gibt es Momente der Wärme oder der Identifikationsmöglichkeit.

Diese sucht man bei Allen Gregory, dessen Name übrigens erstaunlich oft im Serienpiloten fällt, (fast) vergebens. Einzig Jeremys Vier-Augen-Gespräch mit seinem Ziehsohn kann mit viel Wohlwollen als solcher gezählt werden. Doch wenn man das außen vorlässt, sind alle zentralen Figuren der Familie Unsympathen.

Figuren zum Abschalten

Wenn die Hauptfigur dem Zuschauer bereits nach wenigen Minuten gegen den Strich geht, muss etwas falsch laufen. Einer der Hauptunterschiede zu den anderen FOX-Animationsserien besteht darin, dass der Protagonist das Kind und nicht der Familienvater ist. Gleichzeitig versucht man jedoch erneut, ein Kind in den Vordergrund zu rücken, das angeblich schlauer und weiser als alle anderen ist und die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Spätestens seit Stewie Griffin hat sich das Konzept aber schon selbst überholt und bei Rallo aus The Cleveland Show schon bedingt bis gar nicht funktioniert - sofern man nicht einen neuen interessanten Ansatz findet, was hier nicht der Fall ist. Nur Arschloch-Sein bringt keine Figur voran.

Vater Richard und sein Verhältnis zu sowohl seinem Lebensabschnittsgefährten Jeremy als auch zu seiner Adoptivtochter Julie sind weder witzig noch besonders kreativ. Dass Richard das Alphamännchen in der homosexuellen Beziehung ist, kann man auch weniger beleidigend und erniedrigend deutlich machen.

Julie selbst leidet unter dem chronischen „Keiner der Autoren kann weibliche Figuren schreiben, also machen wir sie zu einer wütenden Karikatur“-Syndrom - oder kurz: dem Meg-Griffin-Phänomen - und wird von fast allen Figuren wie Dreck behandelt. Auch hier lässt die Kreativität zu wünschen übrig und ein origineller Ansatz wäre begrüßenswert.

Insgesamt wirkt die Animationsserie Allen Gregory bemüht kontrovers und gehässig, kaschiert dies jedoch mit Schein-Progressivität. Dass dem gezeigten Familienmodell eine Bühne gegeben wird, ist in der Theorie erfreulich, aber wird dann für fehlgeleiteten Klischee-Humor der niedersten Stufe vergeudet. Ebenso beleidigend ist die Szene, in der „Allen Gregory“ über seine Schulleiterin phantasiert und dabei ins Groteske abgleitet. Gemeiner schwarzer Humor, groteske Situation und sexuelle Grenzwertigkeiten sind zwar auch bei South Park oder Archer zu Hause, aber dort werden sie dem Zuschauer in einem clevereren und sehenswertem Gesamtpaket verkauft. Nach einer Folge von Allen Gregory besteht kaum der Wunsch, mehr davon zu sehen.

Fazit

Wenn die Einschaltquoten „35508“ und die Qualität des Auftakts ein Indiz für die weitere Zukunft von Allen Gregory sind, dann sieht diese düster aus. Die Pilotfolge hat sowohl das starke Lead-in durch die Simpsons-Halloween-Episode verschenkt als auch auch die sonst relativ starke Performance von Family Guy beeinträchtigt. Womöglich heißt es bereits nach der zweiten Episode Abschied nehmen oder aber FOX versendet tapfer die sieben bestellten Episoden. Eine lange Zukunft beim erfolgsverwöhnten Sender ist jedenfalls kaum vorstellbar.

Glücklicherweise hat FOX noch eine volle Staffel von Bob's Burgers in der Hinterhand „35505“. Obwohl diese Serie auch zunächst gewöhnungsbedürftig erschien, mauserte sie sich jedoch bald zum Animation Domination-Geheimtipp, nicht zuletzt durch die grandiosen Sprecher und den einzigartig schrägen Erzählansatz.

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