„Alien: Earth“ Sorgt endlich wieder für richtiges Alien-Feeling

© Disney+
Das passiert in der Pilotfolge der Serie Alien: Earth
Das mit hochgefährlichen Organismen beladene Langstreckenforschungsschiff USCSS Maginot der Weyland-Yutani-Corporation stürzt in Alien: Earth im Jahr 2120 unkontrolliert auf eine Großstadt der Erde ab. Bei dem Aufprall kommen zahlreiche Menschen zu Schaden, doch das ist noch nicht die eigentliche Katastrophe. Denn schon bald stellt sich heraus, dass der Unfall eine mordgierige Spezies auf dem Planeten freigesetzt hat, die das Potential zur Vernichtung der Menschheit hat. Eine Gruppe Elitesoldaten, ein Sanitäter und sechs Mensch-Cyborg-Hybriden, in die der mächtige Unternehmer Kavalier (Samuel Blenkin) den Geist todkranker Kinder übertragen hat, stellen sich der Bedrohung entgegen...
Ein echter „Alien“-Start
Abgesehen von einigen „Star Wars“-Serien und vielleicht noch Star Trek: Strange New Worlds ist es lange her, dass ich während des Schauens einer seriell aufbereiteten Geschichte zu einem altehrwürdigen Franchise das Gefühl hatte, dass dieses gebührend gefeiert und weitergeführt wird.
Zu den oben genannten rühmlichen Ausnahmen gesellt sich nun der neueste Streich aus dem „Alien“-Universum namens „Alien: Earth“. Schon der Anfang lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass Serienerfinder Noah Hawley (Fargo) ein Riesenfan der säurehaltigen riesigen Biester mit der puren Mordlust in den Klauen ist.
Die ersten zu sehenden Szenen spielen auf dem Langstreckenfrachter USCSS Maginot, dessen Innenleben detailgetreu an den Look der ikonischen Nostromo angeglichen ist. Selbst der Supercomputer „Mutter“ ist wieder mit der Partie, nebst Kryokammern und Weltraummissionen, die sich mangels Lichtantrieb über Jahrzehnte erstrecken.
Die Uniformen, die Requisiten, selbst die Frisuren sind zudem so konzipiert, dass es niemanden auffallen würde, wenn sie plötzlich im ersten Film von 1978 auftauchen würden. Allein schon dafür gebührt dem riesigen Produktionsteam höchstes Lob. Hier schreit jede Faser: „ich bin Teil der Alien-Saga“. Auch der durch seine Arbeit an diversen „Star Trek“-Serien und Bosch: Legacy bekannte Jeff Russo trägt sein sprichwörtliches Scherflein dazu bei, dass die neuste Adaption der Horror-Reihe ein absoluter Hingucker und Hinhörer ist.
Alte Ideen neu gedacht
Abgesehen von dem durchdachten und Hommage-trächtigen Set- und Requisitendesign gibt es aber natürlich noch eine Sache, die wesentlich wichtiger als all die gute Optik ist: die Story nämlich. Auch hier erlaubt sich Noah Hawley kaum Ausrutscher. Vorbei ist zum Glück die Zeit, in der man aus beinharten Action-Gruselschockern einen weichgespülten Kosmos wie in „Prometheus - Dunkle Zeichen“ (2012) und „Alien: Covenant“ (2017) machen wollte.
Die große Wende hatte dahingehend bereits 2024 „Alien: Romulus“ eingeleitet, gefolgt nun von der ersten TV-Serie, die sich den Traditionen der guten alten Ridley-Scott- und James-Cameron-Zeit offensichtlich verpflichtet fühlt. Im Kern geht es wie gehabt um eine kleine Gruppe von Personen, die auf engem Raum gegen mindestens ein Alien antreten und verzweifelt um ihr Überleben kämpfen.

Angereichert ist der Plot mit einer Erweiterung der Hintergrundgeschichte um einen Kampf der nun fünf weltbeherrschenden Corporations um die Vorherrschaft in Sachen K. I., Cyborg und Hybridlebensform (menschlicher Verstand in einem künstlichen Körper). Einen großen Diskurs um posthumanistische Themen sollte man indes dennoch nicht erwarten. Allerdings ist die unumstrittene Hauptfigur Wendy (Sydney Chandler) ein solcher Hybrid und begibt sich gemeinsam mit fünf weiteren Personen ihresgleichen trotz ihres kindlichen Verstandes in einem Frauenkörper auf die Suche nach ihrem Bruder.
Dieser ist der Sanitäter des Sicherheitsteams, das soeben die Maginot entert, um nach Überlebenden zu suchen. Das ist eine gute Ausgangsmotivation, auch wenn der Gedanke, Kinderseelen in fast unzerstörbare Hüllen zu packen, um sie ausgerechnet gegen ein Alien antreten zu lassen, recht mutig klingt.
Zumindest gibt es dafür aber eine sinnvolle Erklärung. Alle sechs für den Transfer ausgewählten Kids waren todkrank. Zudem ist der Verstand von Erwachsenen zu unflexibel, um den Übergang in einen künstlichen Körper unversehrt zu überstehen. Das mag insgesamt ein wenig dünn sein, ist aber besser als nichts und innerhalb der Alien-Welt stimmig.
Inwieweit sich die fehlende Reife der Protagonisten auf die kommenden blutigen Kämpfe auswirkt, muss sich in den kommenden sieben Episoden zeigen. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie sich der harten Realität anpassen werden. Schön wäre es allerdings, wenn zumindest ein Hybrid all das Blut und die Brutalität nicht verkraften könnte und damit selbst zu einer Gefahr wird.
Noch mehr Ärger
Um das Gefahrenpotential weiter zu erhöhen führen die Serienmacher on top den Cyborg Morrow (Babou Ceesay ein, der als Sicherheitsoffizier auf der Maginot diente und eiskalt dabei zusah, wie das wie auch immer freigekommene Alien die Crew massakrierte. Er ist so sehr auf die Mission fixiert, eines der Wesen zu Weyland-Yutani zu bringen, dass er alles riskiert, um die gefährliche Fracht zu retten. Er tötet ohne Gewissen und setzt die fiesesten Methoden ein, um sein Ziel zu erreichen. Dramaturgisch und technisch arbeitet die Serie in den entsprechenden Szenen mit den typischen Mitteln des Horrorfilms, angefangen mit jump scares bis hin zu harten Schnitten, schockigen Sounds, reichlich Kunstblut und Ekelfaktor.

Als drittes großes Story-Standbein erweist sich eine durchaus kluge Mischung aus What-if und Ticking-Clock-Event. Erstes kommt in der Idee zum Ausdruck, die Aliens auf die Erde loszulassen und damit möglicherweise die Menschheit auszurotten, der zweite Teil sorgt dafür, dass die Retter das Biest so schnell wie möglich aufhalten müssen.
Last but not least sei noch erwähnt, dass wir es bei „Alien:Earth“ mit einem Prequel zu tun haben, dass zwei Jahre vor den Ereignissen in „Alien“ (1978) ansetzt. Das erklärt auch die stark an den Film angelehnten atmosphärischen Elemente.
Fazit
Alles in allem muss ich zugeben, dass ich trotz meiner anfänglichen Skepsis von der Pilotfolge von Alien: Earth begeistert bin. Die Macher haben sich alle erdenkliche Mühe gegeben, das alte Film-Feeling auf audiovisueller Ebene neu aufleben zu lassen und sich unnötige Modernisierungen erfreulicherweise geschenkt. Eine Computertastatur wie aus den 70ern? Ein Supercomputer, der aus rechteckigen, blinkenden Lichtern und einem altbackenen Monitor mit grüner Schrift besteht? Na und? So ist die alternative Zukunft im „Alien“-Kosmos halt und das ist gut so.
Der Actionanteil ist hoch und mit typischen, gut getimten Horrorelementen gespickt, das Ganze ist nicht zu seicht, die Hintergrundgeschichte um den Krieg der Corporations ist spannend und die schauspielerischen Leistungen gehen bis jetzt auch vollkommen in Ordnung. In einem Satz: Bitte mehr davon!
4,5 von 5 Facehugger