AJ and The Queen: Review der Pilotepisode

© J and The Queen (c) Netflix
Worum geht's?
Bereits in den ersten Sequenzen der neuen Netflix-Serie AJ and The Queen werden zwei Welten präsentiert, die verschiedener nicht sein könnten. So lernen wir zuerst die elfjährige AJ (Izzy G.) kennen, die sich als mittellose Waise in der Großstadt New York durchschlagen muss. Durch einen musikalischen Bruch und einen abrupten Wechsel der Lokalität wird dem Zuschauer anschließend die legendäre Dragqueen „Ruby Red“ (RuPaul) vorgestellt, welche gerade dabei ist, in einem Club eine Show zum Besten zu geben. Auf visueller Ebene übernehmen künstlicher Dekor und Kostüm die Oberhand, so dass man sich an den vielen Farben und dem übertrieben in den Vordergrund gesetzten Dekor gar nicht sattsehen kann. Von einer Welt der Armut und des Existenzkampfes werden wir in ein Universum des Glamours übergeführt, ein Wechsel, der intensiver nicht sein könnte.
Auch wenn Ruby Red uns also in einer künstlichen, oberflächlichen Welt zum ersten Mal vorgestellt wird, so zeigt sich im weiteren Verlauf dennoch die Tiefe des Charakters.
Denn auch über Ruby erfährt man im Verlauf der Episode, dass dieser außerhalb seines Starkults ein doch eher zurückhaltendes Leben führt, welches weit davon entfernt ist, perfekt zu sein. Er wohnt in einer überraschenderweise recht bescheidenen Wohnung. Sein größter Wunsch ist es, seinen eigenen Club zu eröffnen und privat in der Liebe sein Glück zu finden. Als sein derzeitiger fester Freund sich allerdings als Betrüger herausstellt, welcher lediglich finanzielle Absichten verfolgte und an das Vermögen des vierzigjährigen Mannes kommen wollte, platzt nicht nur Rubys utopische Vorstellung von Liebe und Romantik, sondern auch sein Traum, einen eigenen Club zu erwerben und zu managen. Beraubt und schwer verletzt von seinem vorgetäuschten Freund steht Ruby nun ohne Job und ohne Rücklagen da, so dass er nur noch auf den Betrag zurückgreifen kann, welchen er bei der letzten Vorstellung verdient und zu Hause gelagert hatte. Sein einziger Verbündeter, welcher ihn in dieser schwierigen Situation unterstützt, ist zudem sein blinder Freund und Kollege Louis (Michael-Leon Wooley), welcher ihm mit Rat und Tat zur Seite steht, auch wenn seine Empfehlungen nicht immer besonders hilfreich sind.
Auch zeigt sich in dieser ersten Folge der Serie bereits die Kohärenz der beiden Hauptfiguren „Ruby Red“ und AJ. Denn, auch wenn die beiden in den ersten filmischen Sequenzen als komplett gegensätzliche Figuren präsentiert werden, stellt sich anschließend heraus, dass es in ihren verschiedenen Welten dennoch eine Schnittstelle gibt, die die beiden schlussendlich auch in Kontakt treten lässt: AJ wohnt alleine in einem heruntergekommenen Apartment über der überraschenderweise recht bescheidenen Wohnung von Ruby. Da das junge Mädchen kein Geld hat und auch durch das Betteln alleine nicht genug verdient, um sich etwas zu essen kaufen zu können, bestiehlt sie Ruby, welcher das Fenster offengelassen hatte und ihr somit den Zutritt ermöglicht hatte. Als Ruby das Mädchen schlussendlich über diverse Notfallgitter bis nach oben in das vereinsamte Apartment verfolgt, stellt er die prekäre Situation des Kindes fest und nimmt sich ihr für kurze Zeit an. Begleitet wird diese Sequenz der Verfolgung durch das symbolhafte Lied „I Will Survive“, welches bereits ein Hinweis darauf sein könnte, dass AJ und Ruby nur durch Zusammenarbeit ihre Wünsche erreichen werden. Zudem ist festzustellen, dass sie gar nicht so unterschiedlich sind wie zuerst gedacht: Beide sind mehr oder weniger mittellos und leiden an ihrer Einsamkeit. Dennoch beschließt Ryan, die Zuständigkeit für das Mädchen in die Hände Dritter zu geben, was allerdings lediglich dazu führt, dass diese wieder das Weite sucht.
Die Pilotepisode endet quasi mit dem Auftakt des kommenden Hauptgeschehens der Serie: Ruby steigt in sein Wohnmobil, um auf Tour zu gehen und seinen Traum verwirklichen zu können, sprich das Geld für seinen eigenen Club aufzutreiben. Doch wird auch sein Wunsch nach Liebe erfüllt werden?
Fazit
Die Serie AJ and The Queen zeigt neben stark klischeehaften Sequenzen bezüglich der Dragqueen-Thematik auch ein anderes Bild vom Leben in Ruhm und Glamour. Zwar nehmen in einigen Szenen Showelemente und künstliche Inszenierung die Überhand, so dass durchaus auch Stereotype in der Serie aufgegriffen und zugespitzt werden. Zudem sehr typisch erscheint die Wahl eines ihm zur Seite stehenden Freundes, der ins filmische Schema des immer etwas hässlicheren, weniger talentierten Begleiters der Hauptfigur passt.
Doch die in die oberflächliche Show Welt eingebettete Rahmenhandlung um die beiden Protagonisten spricht von Themen mit Tiefe und Relevanz, welche sich auch auf die heutige Gesellschaft beziehen lassen. So zeigt sich besonders bei Ruby selbst seine zwiegespaltene Persönlichkeit: Neben seiner selbstbewussten, inszenierten Rolle als „Ruby Red“ schlummert auch der verletzliche, an sich selbst zweifelnde, private Ruby in ihm, der Angst davor hat, einsam zu sein. Diese facettenreiche Persönlichkeitsstruktur macht ihn zu einem sehr interessanten, tiefgründigen Charakter, der viel komplizierter zu lesen und zu verstehen ist, als er auf den ersten Blick zu sein scheint. In seiner Beziehung zu AJ, welche in dieser Pilotfolge erst ihren Anfang genommen hat und sich im Verlauf der Serie wohl noch vertiefen wird, wird sich eventuell noch zeigen, ob Ruby auf seiner Suche nach Liebe noch eine Antwort finden wird. Gut möglich, dass Ruby noch herausfindet, dass Romantik nur eine von vielen Arten der Liebe ist und er diese eventuell gar nicht braucht, um sein Glück zu finden. Ob die beiden Protagonisten das finden, wonach sie suchen, und was das zu Suchende überhaupt ist, wird sich in den folgenden Episoden herausstellen.
Insgesamt lässt sich sagen, dass die Serie AJ and The Queen sowohl komische als auch dramatische Momente enthält, welche den Zuschauer zum Lachen, zum Kopfschütteln oder auch zum Nachdenken bringen. Es wird mit bestehenden Klischees und Stereotypen gespielt, allerdings werden diese Elemente nicht auf eine störende, stark ins Lächerliche ziehende Weise eingesetzt, sondern ergänzen sich zu einer inhaltlich recht überzeugenden Handlung, welche die gesamte Thematik zu einer soliden Serie aufwertet. Filmische Parameter wie Musik, Dekor und Farbgestaltung werden in den entscheidenden Momenten geschickt eingesetzt, um wichtige Emotionen und Stimmungswechsel zu übermitteln. Somit ist AJ and The Queen eine Serie, welche man sich durchaus ansehen kann, wenn man für Unterhaltung dieser Art offen ist und sich an Dramedy-Formaten erfreuen kann.
Hier ist der Trailer zur Serie: