Add a Friend 1x01

Add a Friend 1x01

Auf TNT Serie ist die erste eigenproduzierte fiktionale Serie im deutschen Pay-TV gestartet. Add a Friend zeigt Ken Duken als Fotograf, der nach einem Unfall im Krankenhaus liegt und mit seinen Freunden via Social Media in Kontakt bleibt.

Felix (Ken Duken, l.) und Tom (Friedrich Mücke, r.) bleiben über's Web in Verbindung. / (c) TNT Serie
Felix (Ken Duken, l.) und Tom (Friedrich Mücke, r.) bleiben über's Web in Verbindung. / (c) TNT Serie

Den Fotografen Felix (Ken Duken, „Nachtschicht“) hat es schwer getroffen: Er ist von einem Auto überfahren worden - und deshalb schwer verletzt ans Krankenhaus-Bett gefesselt. Wo er weder seinem kalauernden Arzt (Martin Brambach, KDD - Kriminaldauerdienst) noch seinem nervenden Zimmernachbar Norbert (Sierk Radzei) entkommen kann. Seine einzige Verbindung zu seinem bisherigen Leben ist ein Laptop, den sein Freund Tom (Friedrich Mücke) ihm schenkt - und mit dessen Hilfe er reichlich sozial netzwerken und videotelefonieren kann.

Das hat allerdings nicht nur positive Seiten: Seine Eltern (Gisela Schneeberger, Dietrich Hollinderbäumer) haben das Internet für sich entdeckt - und lassen es sich nicht nehmen, mit ihrem Sohn Dinge zu teilen, von denen er es lieber gehabt hätte, wenn sie sie für sich behalten hätten. Und schließlich ist da noch Julia (Friederike Kempter), seine große Liebe aus der Schulzeit, bei der er sich nicht sicher ist, ob er sie kontaktieren soll - oder lieber nicht. Schließlich hat sie ihm schon einmal das Herz ganz böse gebrochen. Wie aus heiterem Himmel nimmt da auf einmal die junge, verführerische Vanessa (Emilia Schüle) mit Felix Kontakt auf. Angeblich ist sie selbst eine angehende Fotografin und will seine Meinung zu ihren Arbeiten einholen. Aber ist das wirklich die ganze Wahrheit, oder steckt doch noch mehr dahinter?

Der lange Weg des Pay-TV zur eigenen Serie

Lange hat das deutsche Pay-TV gebraucht, um selbst eine eigenproduzierte fiktionale Fernsehserie auf die Beine zu stellen. Während die Amerikaner - auf HBO, Showtime oder Starz - schon seit Jahren eigenproduzierte Serienware vom Feinsten geboten bekommen, war das Pay-TV in Deutschland eher als Abspielstation für Einkaufsware und für den ewigen Kampf von Premiere/Sky Deutschland um die Bundesliga-Rechte bekannt.

Das hat natürlich auch mit der sehr unterschiedlichen Entwicklung des Fernsehsystems in beiden Ländern zu tun. Das starke Free-TV in Deutschland, samt zweier gebührenfinanzierter Sender „22303“, hat es dem Bezahlfernsehen hierzulande in der Tat schwer gemacht, ein Publikum zu finden. Als HBO in den 70er und Sky in den 80er Jahren an den Start gegangen sind, da konnten sie mit dem Argument punkten, dass sie die Vielfalt des TV-Angebots in den USA beziehungsweise Großbritannien jeweils maßgeblich erweitert haben.

Das war im Deutschland der 90er, als ein Free-TV-Kanal nach dem anderen aus dem Boden schoss, einfach nicht der Fall. Dem Pay-TV fehlte stets ein überzeugendes Alleinstellungsmerkmal. Ein Grund, warum man wirklich und unbedingt einen Pay-Kanal buchen muss. Etwas, das man nirgendwo sonst geboten bekommt. Wie zum Beispiel eine eigenproduzierte Fernsehserie.

TNT Serie hat dies nun als erster Abosender in Deutschland geändert. Was schon mal per se Anerkennung verdient. Auch wenn die Serie selbst den Erwartungen nicht ganz gerecht wird.

Freundschaft im Netz - wie geht das?

Add a Friend gibt sich zwar bereits vom Titel und von den in Englisch gehaltenen Credits (Written by...) her ganz und gar international. Mit einer US-Serie, gar vielleicht von HBO, wird trotzdem niemand die Produktion aus dem Hause Wiedemann & Berg verwechseln. Es ist eine deutsche Serie. Im Guten wie im Schlechten.

Es dauert eine Weile, bis man in die Narration hinein und einen Draht zu den Figuren findet. TNT Serie tut gut daran, zum Auftakt gleich zwei Folgen zu zeigen. Denn eigentlich wird es erst ab dem Ende der ersten Episode interessant. Dabei überzeugt in der Dramedy vor allem der Drama-Teil. Insbesondere Felix' Freund Tom ist eine sehr spannende, weil widersprüchliche Figur: Egal ob es um die Frauen oder um das Geld anderer Leute geht, zeigt sich der Investmentbanker als ausgesprochener Leichtfuß. Wenn es jedoch um seinen Sohn geht, dann offenbart er, auch wenn seine Ex-Frau das zumeist geflissentlich übersieht, eine sehr viel ernsthaftere und mitfühlendere Seite. Das ist sehr subtil - weil auch auf einen längeren Zeitraum verteilt - geschrieben und von Friedrich Mücke hundertprozentig überzeugend gespielt.

Auch dem Handlungsstrang um Felix und seine Ex-Freundin sowie um seine mysteriöse Verehrerin kann man einiges abgewinnen, weil hier die grundlegende Prämisse der Serie nicht bloß zeit- und ortswechselsparendes Gimmick ist, sondern tatsächlich die Unsicherheiten thematisiert, welche mit den neuen Kommunikationsformen der Social Media einhergehen: Wie nähern wir uns (Ex-) Freunden und Bekannten im Netz? Was denkt er/sie, was ich will, wenn ich ihn/sie als Freund in meinem sozialen Netzwerk hinzufüge? Was gibt er/sie von sich online preis? Und was wird möglicherweise verborgen? Das sind Fragen, die nicht nur Felix, sondern sicher auch viele Menschen in ihrem Online-Alltag umtreiben, weshalb die Serie in diesem Punkt sehr authentisch wirkt.

Mit wenigen glücklichen Ausnahmen scheitert Add a Friend leider, wenn es um den Comedy-Teil geht: Vor allem die Figuren im Krankenhaus (egal ob Arzt, Schwester oder Bettnachbar) nerven mehr, als dass sie unterhalten. Und auch die Storyline um Felix' Eltern kommt zumeist eher - in jedem Sinne des Wortes - witzlos daher.

Die Gretchen-Frage: Wie hälst Du's mit dem Pay-TV?

Das größte Problem von Add a Friend ist allerdings sicherlich die nagende Frage, die sich schon sehr bald beim Anschauen einstellt: Ist das wirklich Pay-TV? Ja, da und dort ist mal von „ficken“ die Rede. Und in der dritten Folge gibt es sogar mal einen nackten Busen zu sehen. Aber wir sind hier in Deutschland und nicht in den USA: Bei uns läuft so etwas auch schon mal im Free-TV. Am Vormittag. Das kann es also nicht sein, was Add a Friend abhebt.

Keine Frage, es ist von der Grundidee schon mal ein ganzes Stück weit origineller, als was die Free-TV-Sender so zu bieten haben (was sich ja zu weiten Teilen auf Krimi, Krimi und noch mehr Krimi reduziert). Und es ist fortgesetzt erzählt. Sogar einschließlich Cliffhanger-Enden. Das ist kein schlechter Anfang. Aber es reißt einen, was die Innovations- und Experimentierfreude angeht, auch nicht gerade vom Hocker. Letztlich liegt das einzig wirklich Neue im Erzählen von Beziehungen unter den Bedingungen der Online-Kommunikation.

Das ist zeitgemäß. Das ist trendy. Aber ist das auch ein guter Grund, um zu meinem Kabelnetzbetreiber zu gehen - und ein Pay-TV-Paket mit TNT Serie zu buchen? Ist es eine Serie, von der sich Serienjunkies hier oder anderswo im Netz zuflüstern werden „Du, so was hast Du noch nicht gesehen! Das musst Du Dir unbedingt anschauen!“? Da sind doch ernste Zweifel angebracht.

Fazit

Add a Friend ist - alles in allem - keine schlechte Serie. Es ist eine Serie, die ungeachtet kleinerer Schwächen sehr wohl zu unterhalten versteht. Aber es ist eben auch eine Serie, die man sich genau so gut im ORF anschauen kann - wo sie in der kommenden Season auch tatsächlich laufen wird „42964“. Was ihr fehlt, ist etwas, das sie so herausstechen lässt, dass sie zum unbestreitbaren Must See wird. Das ist sie, zumindest in dieser Form, noch nicht.

Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 19. September 2012
Episode
Staffel 1, Episode 1
(Add a Friend 1x01)
Titel der Episode im Original
Operation Mathilda
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 19. September 2012 (TNT Serie)
Regisseur
Tobi Baumann

Schauspieler in der Episode Add a Friend 1x01

Darsteller
Rolle
Ken Duken
Friedrich Mücke
Tom
Emilia Schüle
Gisela Schneeberger
Dietrich Hollinderbäumer

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