Selten fühlt man sich als Kritiker so nutzlos wie beim Beurteilen der Netflix-Adaption von Lemony Snickets Series of Unfortunate Events. Über gut oder schlecht entscheidet hier allein der persönliche Geschmack. Rein technisch betrachtet ist die Serie jedoch gelungen.

Lemony Snicket (Patrick Warburton) führt als Erzähler durch die tragische Geschichte der Serie. / (c) Netflix
Lemony Snicket (Patrick Warburton) führt als Erzähler durch die tragische Geschichte der Serie. / (c) Netflix
© emony Snicket (Patrick Warburton) führt als Erzähler durch die tragische Geschichte der Serie. / (c) Netflix

Look away“, warnt uns die neue Netflix-Serie A Series of Unfortunate Events (im Deutschen: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“) zu Beginn ihrer Pilotepisode The Bad Beginning: Part One. Und während manch einer diese Warnung durchaus ernst nehmen sollte, rate ich all denjenigen, die ein offenes Herz für das Bizarre und für außergewöhnliche Filmkünstler wie Wes Anderson, Baz Luhrmann oder Tim Burton haben, sie zu ignorieren.

Netflix' A Series of Unfortunate Events ist das Ergebnis des riskanten Versuches, die beliebte, gleichnamige Buchreihe Lemony Snickets neu auf die Bildschirme zu bringen, nachdem eine Verfilmung mit Jim Carrey 2004 zahlreiche Fans enttäuschte. Die achtteilige Auftaktstaffel soll dabei die betrüblichen Ereignisse der ersten vier Bände wiedergeben - je zwei Episoden pro Band.

Dass Netflix bei alldem nichts dem Zufall überlassen will, wird schon anhand des zur Unglücksthematik passenden Veröffentlichungsdatums deutlich: Freitag, der 13. Januar 2017. Auf Nummer sicher ging der VoD-Anbieter aber auch in Sachen Casting; so wählte man mit How I Met Your Mother-Star Neil Patrick Harris einen Hauptdarsteller, der auch den einen oder anderen Nicht-Buchkenner zum Einschalten bewegen dürfte.

Das Kommando hinter der Kamera übergab man dem routinierten Produzenten Mark Hudis (True Blood), während Barry Sonnenfeld (Pushing Daisies) als Regisseur verantwortlich zeichnete. Und auch Daniel Handler aka Lemony Snicket höchstpersönlich konnte für das Projekt rekrutiert werden - als Drehbuchautor, wie sich versteht.

The Sorry History Of The Baudelaire Children

Doch worum geht es nun eigentlich in A Series of Unfortunate Events? Grob und schonungslos gesagt geht es um drei kürzlich verwaiste Geschwister, die nach dem traumatisierenden Feuertod ihrer Eltern ein neues Zuhause suchen und durch ein Missverständnis an den obskuren Grafen Olaf (Harris) geraten, der es auf ihr beträchtliches Erbe abgesehen hat.

Graf Olaf (Neil Patrick Harris) und seine Freunde - hat man je einen verrückteren Haufen gesehen?
Graf Olaf (Neil Patrick Harris) und seine Freunde - hat man je einen verrückteren Haufen gesehen? - © Netflix

Als neuer Vormund der Kinder zwingt er sie zu allerhand quälenden Hausarbeiten, während er und seine nicht minder exzentrischen Freunde ihrer Liebe zum Schauspiel frönen - selbstverständlich glänzen sie dabei mit einer bemerkenswerten Portion Talentlosigkeit. Die Serie macht somit früh klar, dass man als Zuschauer weder eine subtile noch eine differenzierte Charakterzeichnung zu erwarten hat. Eine Figur wie Graf Olaf wäre wahrscheinlich sogar dem einen oder anderen Comicheft zu radikal.

Doch man darf eben nicht vergessen, dass die Geschichte in erster Linie für Kinder konzipiert wurde und so trägt sie der Erzähler Lemony Snicket, hier fabelhaft verkörpert durch Patrick Warburton, auch vor, indem er zum Beispiel hin und wieder Fremdwörter erklärt. Und was auch immer Olaf an erlösenden Qualitäten vermissen lässt, machen die drei Waisen wieder wett. Ihre Namen lauten Violet (Malina Weissman), Klaus (Louis Hynes) und Sunny Baudelaire (Presley Smith) und jeder von ihnen ist mit einer besonderen Gabe gesegnet.

Die Älteste, Violet, zeichnet sich als geniale Erfinderin aus, die wie MacGyver aus den unscheinbarsten Alltagsgegenständen wundersame Dinge zaubern kann. Ihr Bruder Klaus ist als waschechte Leseratte bekannt, der alles jemals Gelesene Wort für Wort rezitieren kann. Über die verblüffendste Superkraft verfügt jedoch Baby Sunny, die alles zerbeißen kann, was ihr zwischen die kräftigen Milchzähne gerät.

Zusammen bilden die drei Baudelaires ein absolutes Dreamteam und nur so schaffen sie es, sich gegen den trickreichen Olaf zu behaupten. Auf die Hilfe von Erwachsenen, wie zum Beispiel dem Testamentsvollstrecker Mr. Poe (K. Todd Freeman) oder Justice Strauss (Joan Cusack), können sie nicht vertrauen. Denn wer würde ihnen schon glauben?

Better Than Nothing

Aber anstatt sich zu beklagen oder einfach aufzugeben, beschließen Violet, Klaus und Sunny, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Erstaunlich, mit welchem Herzblut sie etwa an die Aufgabe gehen, Olaf und seine Freunde zu bekochen. Doch als sie trotz aller Mühen am Ende bestraft statt belohnt werden, eskaliert die Situation: Klaus platzt der Kragen und Olaf schlägt zu. Spätestens jetzt überwiegt die Tragik der Geschichte, so ulkig sie bis dato auch vorgetragen wurde.

Mr. Poe (K. Todd Freeman) und Justice Strauss (Joan Cusack) ignorieren den Kummer der Kinder.
Mr. Poe (K. Todd Freeman) und Justice Strauss (Joan Cusack) ignorieren den Kummer der Kinder. - © Netflix

Einen kleinen Hoffnungsschmimmer gibt es allerdings zum Ende der Pilotepisode. Überraschend tauchen nämlich die Eltern der Kinder auf, die offensichtlich doch nicht im Feuer gestorben sind, sondern entführt wurden. Gespielt werden die beiden von den Gaststars Will Arnett (Arrested Development) und Cobie Smulders (How I Met Your Mother). Werden sie sich befreien und ihre Kinder retten können? Und wer hält sie überhaupt gefangen?

Fazit:

Fragen über Fragen am Ende der Auftaktepisode The Bad Beginning: Part One. Doch genau das ist das Ziel von A Series of Unfortunate Events, eine unvergleichliche Welt zu schaffen, die zahlreiche interessante Mysterien bereit hält. Besonders das der Verfilmung in nichts nachstehende Setdesign sorgt hierbei für Staunen. Bleibt nur zu hoffen, dass man zeitnah mehr über rätselhafte Gegenstände wie etwa das Erbstück, das Klaus mit sich schleppt, erfährt und sie nicht zu bedeutungslosen MacGuffins verkommen.

Weitere Facetten wären sicherlich auch mit Blick auf die Figur des Olafs wünschenswert. Doch, wer mit der Buchvorlage vertraut ist, weiß, dass da noch einiges kommen wird. Denn Olaf ist ein Meister der Verwandlung, der in verschiedensten Formen erscheinen kann. Die Porträtierung Neil Patrick Harris' sagt mir bereits zu, wobei er im noch recht ereignislosen Pilot nur einen Bruchteil seiner Bandbreite abrufen darf - zumindest war schon eine erste Gesangseinlage dabei. Im Vergleich zum Gesichtsakrobaten Jim Carrey halte ich NPH ohnehin für den geeigneteren Olaf, da seine Darbietung nicht übermäßig überzogen wirkt.

Doch auch der restliche Cast macht zu Beginn der Serie eine gute Figur. Besonders Patrick Warburton gibt einen deutlich humorvolleren Lemony Snicket als etwa Jude Law im Film. Sehr lustig ist aber auch K. Todd Freeman als taktloser Bänker Mr. Poe. Und sogar bei der Besetzung der Baudelaire-Waisen hat Netflix ein gutes Händchen bewiesen - gebt dem Baby einen Emmy!

Doch ob dem Individuum „ASOUE“ am Ende gefällt oder nicht, ist - wie eingangs erwähnt - noch mehr als bei anderen Serien eine reine Geschmacksfrage. Man hat es hier schlichtweg mit einem extrem ausgefallenen Stil zu tun. Das, was die Serie sein will, ist sie quasi in Perfektion. Und es ist wirklich beeindruckend, wie kompromisslos Netflix den Stoff aufarbeitet, selbst wenn das auf Kosten eines Massenpublikums gehen sollte. Doch vielleicht findet manch ein Skeptiker zumindest Freude am selbstironischen und selbstbewussten Ton der Serie, der einige Absurditäten auszugleichen weiß.

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