A Series of Unfortunate Events 3x07

© zenenbild von „A Series of Unfortunate Events“: Die Baudelaires als Aushilfspagen im passend benannten Hotel Denouement. (c) Netflix
Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, wieso, aber irgendwie flatterte vor gut zwei Jahren die Pilotreview zur Netflix-Serie A Series of Unfortunate Events ausgerechnet auf meinen Schreibtisch. Mit der Buchvorlage von Daniel Handler alias Lemony Snicket verband mich nichts, und selbst die erste Filmadaption mit Jim Carrey hatte ich nie zuvor gesehen. Mit Ausnahme der Beteiligung des How I Met Your Mother-Stars Neil Patrick Harris gab es für mich keinen besonderen Grund, „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ auch nur im Entferntesten interessant zu finden. Aber man kennt es ja: Die Liebe schlägt gerade dann zu, wenn man es am wenigsten erwartet...
Ehe ich mich versah, war ich völlig versunken in der herrlich skurrilen und für eine Kinderserie überraschend makaberen Welt, die die Showrunner Mark Hudis und Barry Sonnenfeld da auf den Bildschirm übertragen hatten. Die visuelle Gestaltung und der märchenhafte Stil der Erzählung erinnerten mich rasch an Pushing Daisies - was kein Zufall war, denn einer der beiden Produzenten war damals auch an diesem wunderbaren Werk beteiligt. Unverwechselbar waren derweil die Figuren, die allesamt mit irgendeinem faszinierenden Wesenszug daherkamen und obendrein hervorragend besetzt waren. Vor allem für die Verpflichtung der zauberhaften Jungdarsteller Malina Weissman, Louis Hynes und Presley Smith muss man vor den Verantwortlichen den Hut ziehen.
Endgültig überzeugt war ich von der Besonderheit der Serie aber erst im Finale der Auftaktstaffel, als sich der böse Graf Olaf (Harris) und die von ihm gejagten Baudelaire-Waisen ihren Kummer von der Seele sangen und so eine willkommene Verschnaufpause nach all dem Wahnsinn boten, den sie uns zuvor durchleben ließen. Damals hieß es in dem Lied: „There's no happy endings, not here and not now. This tale is all sorrows and woes. You dream that justice and peace win the day, but that's not how this story goes.“ Hat sich diese düstere Prognose im Serienfinale nach drei Staffeln nun also erfüllt?
In einer Welt voller Korruption und Arroganz fällt es oft schwer, seinen philosophischen und literarischen Prinzipien treu zu bleiben.
In The End (3x07), der Abschlussepisode von A Series of Unfortunate Events, die gemeinsam mit dem Rest der dritten Staffel nun am Neujahrstag 2019 erschien, kommt es tatsächlich zum finalen Kampf zwischen Gut und Böse. Durch die Enthüllung zahlreicher Mysterien müssen die Guten allerdings zugleich erkennen, dass die Bösen keinesfalls grundlos böse sind und ebenfalls eine Vorgeschichte haben, die erklärt, warum sie handeln, wie sie handeln. Dies ist die letzte und vielleicht auch wichtigste Lektion, die der Erzähler Lemony (Patrick Warburton), der dieses Jahr erstmals auch selbst ins Geschehen eingreift, für die jungen Zuschauer parat hält.

Alle losen Fäden laufen am Ende natürlich bei V.F.D. zusammen, der Freiwilligen Feuerwehr. Die Geheimorganisation im Auftrag des Erhalts von Wissen verband einst Helden wie unseren leidgeplagten Lemony, seine taffe Schwester Kit (Allison Williams), die sich nun doch nicht als Mutter der Baudelaires erweist, und die Quagmires genauso wie Graf Olaf, seine fiese Freundin Esmé (Lucy Punch) sowie die neuen Oberschurken „Man mit Bart, aber ohne Haare“ (Richard E. Grant) und „Frau mit Haaren, aber ohne Bart“ (Beth Grant). Sie alle dienten einst der selben Sache, angeführt vom weisen Schuldirektor Ishmael (Peter MacNicol) - man nenne ihn Ish.
Wie konnte es also passieren, dass Olaf und Konsorten so weit vom rechten Pfad abkamen und folglich Häuser, Bücher und sogar Menschen verbrannten? Zunächst ist nur von einem Schisma die Rede, doch bald schon wird deutlich, dass die Differenzen nicht etwa in Glaubensfragen lagen, sondern in zwischenmenschlichen Ressentiments. Ausgerechnet Lemony soll letztendlich derjenige gewesen sein, der die Reihe betrüblicher Ereignisse lostrat. Ein Giftpfeil, der sein Ziel verfehlte, tötete Olafs Vater und weckte in diesem den Durst nach Rache, während Kit, die er einst liebte, die sagenumwobene Zuckerdose stahl. Die vermeintlich Guten begannen also den Krieg.
Der finstere Fels, die grimmige Grotte, das haarsträubende Hotel und das erstaunliche Ende...
Doch auch vor dem langersehnten Blick in die Vergangenheit hat A Series of Unfortunate Events in den letzten sieben Kapiteln noch einiges zu bieten: Von der fulminanten Rückkehr des rothaarigen Plagegeistes Carmelita (Kitana Turnbull) über ein U-Boot-Abenteuer, das selbst Das Boot in den Schatten stellt, bis hin zu einem dreifachen Max Greenfield, der mit Schnurrbart sogar noch schnieker aussieht als bei New Girl. Besonders erfreulich ist, dass die süße Sunny, die inzwischen längst nicht mehr so klein ist, deutlich mehr zu tun bekommt als in den ersten beiden Staffeln. Meine Forderung von vor zwei Jahren bleibt daher bestehen: Gebt dem Baby einen Emmy!
Als begrüßenswert erachte ich außerdem die Entscheidung, den Bösewicht Olaf für all seine Missetaten doch noch vor Gericht zu stellen. Die ehrenwerte Richterin Strauss (Joan Cusack) hat über Monate hinweg alles vorbereitet und nahezu jeden Weggefährten der Waisenkinder zusammengetrommelt, damit sie nun als Zeugen für sie aussagen können. Doch die Baudelaires wurden schon zu oft von den Erwachsenen, allen voran ihrem Vermögensverwalter Mr. Poe (K. Todd Freeman), im Stich gelassen, um nun ihre Deckung fallen zu lassen. Wenn sie eins gelernt haben, dann, dass sie nur einander trauen können - und vielleicht noch den Quagmires, die aber ihre eigenen Probleme haben, zumal sich nun herausstellt, dass ihr dritter Drilling doch noch lebt.

Am Ende kommt es natürlich so, wie es kommen musste: Olaf verwandelt die Versammlung mit Leichtigkeit in einen buchstäblich blinden Mob - die Parallelen zu Trump sind eben auch in dieser Staffel wieder zahlreich und beabsichtigt. Gemeinsam mit Violet, Klaus und Sunny gelingt ihm dann sogar die Flucht, wobei das Schicksal dafür sorgt, dass die Vier ausgerechnet auf der Insel stranden, die all ihre Fragen beantwortet und die Baudelaires auf die Spuren ihrer Erzeuger führt.
Für Beatrice
Ja, wir bekommen sie wirklich zu sehen, die wahren Eltern der Baudelaires, die zum Glück für die Integrität der Geschichte und zum Pech für die Kinder tatsächlich tot bleiben. Die Rolle der Mutter Beatrice, die sich zugleich als Muse von Lemony entpuppt, ging an Morena Baccarin (Firefly). Der im Vergleich eher farblose Vater Bertrand - sozusagen der James Potter der Geschichte, was Lemony im Umkehrschluss wohl zu Snape machen würde - wird derweil von Matthew J Dowden gespielt.
Besonders in den letzten Minuten überstürzen sich dann noch einmal die Ereignisse, was in Anbetracht der berüchtigten Repetitivität der Serie sicherlich besser gelöst hätte werden können. Aber wie dem auch sei: Eine hochschwangere Kit wird angespült, kurz nachdem Ishmael Olaf mit einer Harpune in den Bauch schießt und versehentlich ein tödliches Virus freisetzt. Während alle Infizierten um ihr Überleben kämpfen, nutzt der einstige Fiesling die Chance auf Wiedergutmachung und hilft seiner Geliebten bei der Geburt. Das Baby bekommt den Namen Beatrice, benannt nach der Mutter der Baudelaires - die eine wirklich tolle Frau gewesen sein muss, so sehr sie alle offenbar verehrten. Olaf und Kit sterben Hand in Hand im Sand, sodass die Waisen keine Wahl haben, als das Neugeborene zu adoptieren. Ein Jahr lang leben die vier Kinder nun auf der Insel und durchstöbern im Strandhaus ihrer Eltern sämtliche Bücher, die ihnen endlich alle Antworten bescheren.
Als die Gezeiten schließlich eine Rückkehr zum Festland ermöglichen, sehen wir sie in See stechen. Ein wunderbarer Abschluss, der durchaus zu Tränen rühren darf. Tatsächlich fällt es schwer, sich von diesen tapferen und klugen Geschwistern nun ein für allemal zu trennen. Dank ihnen hatte A Series of Unfortunate Events so viel Herz, wie man es sich von einer Kinderserie nur wünschen kann. Gleichzeitig wurden die Schattenseiten des Lebens aber nie verklärt, ein äußerst schwieriger Spagat, den nur äußerst weise Autoren hinbekommen würden. Fast wünscht man sich selbst Kinder, um mit ihnen diese wunderschöne Serie zu teilen.
Verfasser: Bjarne Bock am Sonntag, 6. Januar 2019(A Series of Unfortunate Events 3x07)
Schauspieler in der Episode A Series of Unfortunate Events 3x07
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