A Million Little Things: Review zur 1. Folge der neuen Dramaserie auf ABC

A Million Little Things: Review zur 1. Folge der neuen Dramaserie auf ABC

ABC präsentiert uns mit A Million Little Things einen gefühlsduseligen Hybriden aus This Is Us und 13 Reasons Why, bei dem sich ein paar beste Freunde auf eine morbide Schnitzeljagd begeben, um herauszufinden, warum sich einer von ihnen das Leben genommen hat. Die extrem manipulative Pilotepisode ist bisweilen eine absolute Zumutung.

„A Million Little Things“ (c) ABC
„A Million Little Things“ (c) ABC
© ??A Million Little Things“ (c) ABC

Es ist schon bezeichnend, wenn das Beste an einer Serie ein beliebiger Typ ist, der sagt, dass er Bier liebt und man ihm vielleicht bitte Platz machen könnte, damit er sich noch ein weiteres Erfrischungsgetränk holen kann. Ganz abgesehen von diesem Glanzmoment macht mich die Pilotepisode von A Million Little Things sehr wütend. Meine Erwartungen an die Fall Season 2018 gehen ohnehin gen null und in den nächsten Wochen wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit noch der eine oder andere Serienneustart aus dem US-amerikanischen Networkfernsehen daherkommen, der mich hart auf die Probe stellen wird. Das ABC-Drama „A Million Little Things“ ist aber bereits jetzt schon ein heißer Anwärter auf den Titel „Die unerträglichste Serie 2018“.

Wir von SERIENJUNKIES.DE® hauen ja gerne mal ordentlich auf einen Titel drauf, wenn sich dieser eine derartige Schelte in unseren Augen verdient hat. Manchmal übertreiben wir es möglicherweise mit der Kritik, eventuell liegen wir auch mal komplett daneben und vielleicht hat die vorgestellte Serie ja sogar genau Euren Geschmack getroffen. Und das ist in Ordnung. Im Fall von „A Million Little Things“ empfinde ich es aber schon beinahe als meine Pflicht, deutlich zu machen, warum der Neustart von Drehbuchautor D. J. Nash eine Ausgeburt der Serienhölle ist und so schamlos um die emotionale Aufmerksamkeit seines Publikums buhlt, dass man bei der Sichtung fast körperliche Schmerzen bekommt.

Nach einem denkbar einfachen Schema hat man eine pseudodramatische Erzählung über echte Menschen mit echten Problemen konzipiert, in deren Zentrum der rätselhafte Selbstmord von Pete „Strahlemann“ Thompson - Entschuldigung, gemeint ist natürlich Jonathan Dixon (warum, Ron Livingston, warum?) - steht, der eigentlich alles im Leben hatte, was man sich nur wünschen konnte. Johns Freitod wirft seine besten Kumpels Eddie (David Giuntoli), Rome (Romany Malco) und Gary (James Roday) völlig aus der Bahn, die allesamt von ihren ganz eigenen Sorgen geplagt werden. Doch irgendetwas Gutes muss dieser schreckliche Vorfall doch haben (zum Beispiel, dass man nicht mehr in der Lage dazu wäre, „A Million Little Things“ zu schauen!), das hat John immer wieder gepredigt. Während die Freunde ihre Leben auf die Reihe kriegen wollen, gehen sie gleichzeitig der Frage nach, warum ihr bester Freund diesen drastischen Schritt gewählt hat.

Ihr müsst fühlen!

Beginnen wir mit einem ganz grundsätzlichen Problem: Alles an „A Million Little Things“ ist so gewöhnlich und abgedroschen, wie es nur sein könnte. Die vier Superfreunde erfüllen alle notwendigen Kriterien für eine Allerweltsserie (für einen asiatisch-stämmigen Zeitgenossen war anscheinend kein Platz, aber das gleicht man mit Grace Park aus) und fordern permanent unser Mitgefühl ein. Sie haben es schon nicht leicht, mit ihren geheimen Affären, ihrer überstandenen Krebserkrankung und ihrem erfolglosen Filmprojekt. Ich möchte gar nicht abstreiten, dass man mit derartigen Charakteren Empathie erzeugen kann. In „A Million Little Things“ baut sich jedoch niemals auch nur der Hauch einer Verbindung zu den austauschbaren Figuren auf, die so wenig Eindruck hinterlassen, dass man am Ende der Folge Schwierigkeiten hat, sich überhaupt an deren Namen zu erinnern.

Wo Autor D.J. Nash glaubt, auf Emotionen und große Gefühle zu setzen, manifestiert sich viel eher manipulative Rührseligkeit, die stets mit sanften Gitarrenklängen einhergeht, damit wir auch ja nicht verpassen, wenn ein Charakter sein Herz ausschüttet und emotionalen Klartext redet. Über diesen Trick möchte man den Zuschauer in diese furchtbar morbide Geschichte involvieren, in der sich obendrein auch nicht wirklich Zeit gelassen wird, um Empfindungen wie Trauer, Zorn, Unverständnis und Ratlosigkeit Raum zur Entfaltung zu geben. Die Figuren und ihre rundgelutschten Ecken und Kanten werden im Schnelldurchlauf vorgetragen, denn das Publikum wird schon verstehen, worauf man hinaus will.

ABC
ABC - © ABC

Gute Freunde kann niemand trennen

A Million Little Things verallgemeinert alles, was mit dem schmerzhaften Verlust einer geliebten Person einhergeht, auf nahezu dreiste und unverschämte Weise, so dass sich Teile der Handlung nicht nur gegenüber dem Toten wahnsinnig respektlos anfühlen. Auch Menschen, die selbst eine vergleichbare schreckliche Erfahrung durchgemacht haben, dürften von der Art und Weise irritiert sein, wie sich Chefautor J. D. Nash in das Thema stürzt. Dafür, dass die vier Freunde seit gut zehn Jahren durch dick und dünn gegangen sind, stecken sie den Tod von John erstaunlich sportlich weg. Da darf man sich auch nicht von einer sehr klischeehaften Andacht zur Beerdigung und den wenigen Versuchen der Selbstreflexion, an denen sich der eine oder andere probiert, blenden lassen.

Tonal schlägt „A Million Little Tings“ so wild um sich wie ein Mike Tyson zu seinen besten Zeiten. Irgendwo zwischen der anstrengenden Gefühlsduseligkeit (die Gitarrenklänge, die doppeldeutigen Liedermachersongs - und vor allem die Gitarrenklänge!) und dem makaberen Interesse daran, was John zum Selbstmord bewegt hat, möchte man natürlich auch eine Serie über Freundschaft sein. Es soll darum gehen, was es bedeutet, sich gegenseitig zu unterstützen und wie wichtig es doch ist, direkt von der Trauerfeier zu einem Eishockeyspiel zu fahren, weil der Hingeschiedene sich das ja bestimmt genau so gewünscht hätte. Egal, was die Charaktere anstellen, wie sie sich verhalten oder was sie von sich geben: Kaum etwas davon ist nachvollziehbar.

Erneut ist dies der Tatsache geschuldet, dass es keine Zeit zu verlieren gibt. Es wäre ja verrückt, wenn sich eine der Figuren tatsächlich wie ein Mensch aufführen und sich mehr als nur ein paar Stunden nehmen würde, um mit der komplexen Gedankenwelt zurechtzukommen, die einen nach dem Tod einer liebgewonnenen Person umgibt. Nein, nein, das wäre ja Unsinn. Viel wichtiger ist es, und das ist eine große Krankheit des Networkfernsehens, in den letzten fünf Minuten noch mehrere schockierende Überraschungen unterzubringen, damit die leichtgläubigen Zuschauer auch ja wieder einschalten. Wie bitte? Johns bester Kumpel hat was mit seiner Frau? Hab' ich das richtig verstanden? Die eine Frau, die von jetzt auf gleich zu einhundert Prozent in Johns Freundeskreis integriert ist, ist schon wieder an Krebs erkrankt? Schockschwerenot!

This Is a Million Reasons Why

Die von Allison Miller gespielte Maggie treibt mich komplett in den Wahnsinn, steht der Charakter doch sinnbildlich für alles, was in dieser Serie verkehrt läuft. Aus dem Stand heraus ist sie ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der exklusiven Freundesgruppe und Familie um John. Wie gesagt: Wir haben ja keine Zeit zu verlieren. Dann ist sie natürlich auch noch eine promovierte Psychologin auf dem Fachgebiet Depression. Besser könnte es gar nicht laufen! Und selbstverständlich braucht sie als Figur auch noch ein Problem, einen Makel, eine Hürde, die sie überwinden muss. Wir greifen in den Beutel mit dem großen Fragezeichen darauf und ziehen eine erneute Brustkrebserkrankung raus.

Das alles hört sich sehr lapidar beschrieben an, doch nichts anderes ist A Million Little Things: lapidar. Oberflächlich. Für manch einen vielleicht sogar geschmacklos. Ich kann es verstehen, wenn man so empfindet. Was uns nun sehr wahrscheinlich erwartet, ist die wöchentliche Auseinandersetzung der Charaktere mit sich selbst nach diesem persönlichen Trauerfall (This Is Us, ick hör dir trapsen...), eine Prise Rätsel (Johns Assistentin verheimlicht doch was!) und die Suche nach Antworten, wie John das alles nur tun konnte aka „A Million Little Reasons Why“. Wer sich das antun möchte, der soll nicht aufgehalten werden. Ohne zu übertreiben: Mir fallen in etwa eine Million kleine bis sehr große Gründe dafür ein, es besser bleiben zu lassen.

Und um Himmels Willen, was macht Constance Zimmer da?!?

Trailer zur neuen ABC-Serie „A Million Little Things":

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