
Diese Reviews werden über die nächsten 13 Wochen verteilt jeweils sonntags erscheinen. Alle Episoden der ersten Staffel von 'The Sopranos' sind derzeit bei Amazon, Maxdome, iTunes, Wuaki und Sky Snap zum Streamen verfügbar. Oder eben auf DVD:
Die Pilotepisode der HBO-Serie The Sopranos wurde am 10. Januar 1999 ausgestrahlt. Man könnte sie als eine perfekte Pilotepisode bezeichnen. Sie wirft uns mitten hinein in die Welt von Tony Soprano (James Gandolfini), dem aufstrebenden Mafiaboss aus New Jersey, der eines Tages einen Nervenzusammebruch erleidet und deswegen therapeutische Hilfe aufsucht. Nach einer knappen Viertelstunde wissen wir bereits, wie er tickt, und wie die meisten Figuren ticken, die in seinem Leben eine wichtige Rolle spielen.
Sadness accrues
Überdies registriert man in der Auftaktepisode The Sopranos sofort den Ton, den Serienschöpfer David Chase (der hier das Drehbuch schrieb und Regie führte) treffen wollte. Dieser bewegt sich irgendwo zwischen Comedy und Drama, so richtig lässt sich das nicht auseinanderhalten. Es ist nun schon mehrere Jahre her, dass ich eine Episode dieser Serie gesehen habe. Sofort in der ersten Szene war ich jedoch wieder in dieses Universum eingetaucht und musste über den Verlauf der Episode mehrmals lauthals lachen.
Dass David Chase ein begnadeter Drehbuchautor ist, wissen wir längst. Dass aber schon die Pilotepisode seiner bald immens populären Serie vor zitierbaren Dialogzeilen beinahe platzt, ist doch eine Überraschung. Es ist erstaunlich, wie sicher sich Chase seiner Sache war. Von Alan Sepinwall wissen wir, dass Chase nicht damit rechnete, mehr als den Piloten zugestanden zu bekommen, hätten die Programmverantwortlichen von HBO diesen einmal gesehen.
Wäre es nicht zur Serienbestellung gekommen, hätte er den Plan in der Hinterhand gehabt, den HBO-Entscheidern wenigstens einen Film aus den Rippen zu leihern. Dafür hätte er die Geschichte des Piloten einfach etwas aufbauschen müssen. Daran liegt es denn auch, dass sich hier alles rund anfühlt, dass jede Dialogzeile messerscharf sitzt, dass keine Sekunde Langeweile aufkommt. Für eine Pilotepisode war es überdies ein besonders gelungener Kniff, Tony die Geschichte seiner beiden Familien - der eigentlichen und der Mafia - gegenüber seiner Therapeutin Jennifer Melfi (Lorraine Bracco) selbst erzählen zu lassen. So kommt die notwendige Exposition nicht zu aufgesetzt daher.
Schon die allererste Szene - Tony sitzt vor seinem ersten Termin in Dr. Melfis Wartezimmer und betrachtet die Plastik einer nackten Frau - macht deutlich, welchen Abhängigkeiten unser Antiheld ausgesetzt ist. Die einflussreichsten Personen in seinem Leben sind allesamt Frauen: Seine Mutter Livia (Nancy Marchand), seine Ehefrau Carmela (Edie Falco), seine Tochter Meadow (Jamie-Lynn Sigler) - und nun auch seine Therapeutin Dr. Melfi. Sie alle haben Anteil daran, dass er sich so fühlt, wie er es in seiner ersten Sitzung ausdrückt: „Lately I had the feeling that I came in at the end. The best is over.“
Whatever happened to Gary Cooper?
Nun ist das ein Gefühl, wie auch Dr. Melfi sofort anmerkt, das zur Jahrtausendwende Millionen von Amerikaner plagte. Aber es ist auch ein Gefühl, das heute noch vorherrscht, denn die Welt - und vor allem Amerika - ist nicht in einem besseren Zustand. Frank Sobotka (Chris Bauer) formulierte das in der zweiten Staffel von The Wire so: „We used to build shit in this country, make shit. Now we just put our hands in the other guy's pocket.“ Genau dieses Gefühl ist es, das Tony plagt, das ihn an bessere Zeiten denken lässt - die es vielleicht niemals gegeben hat und niemals wieder geben wird.
Er macht das in Geschichten über seine Verwandten deutlich, die wir nacheinander zu Gesicht bekommen und die alle gleichermaßen tragisch wie komisch sind. Mit Livia verbindet ihn ein toxisches Verhältnis, weil auch die Mutter unter schweren Depressionen leidet. Sie bezeichnet ihren verstorbenen Ehemann, Tonys Vater, als „Heiligen“, obwohl sie ihn laut Tonys Aussage solange gepeinigt habe, bis von ihm nichts mehr übrig gewesen sei. Außerdem wehrt sie sich mit Händen und Füßen dagegen, von Tony in ein Seniorenwohnheim verfrachtet zu werden, weil sie glaubt, er würde sich ihr auf diese Weise entledigen wollen. Der Dauerstreit zwischen den beiden um die richtige Bezeichnung des Wohnheims - „nursing home“ versus „retirement community“ - ist der vielleicht witzigste Running Gag der ersten Staffel.
Über seinen „Neffen“ Christopher (Michael Imperioli) beschwert sich Tony genau so, wie sich Livia und sein Onkel Junior (Dominic Chianese) über ihn beschweren. Das Lamentieren über die jüngere Generation gehört zum Vorrecht einer jeden älteren Generation: „These kids today.“ Aus beiden Animositäten wird aber am Ende bitterlicher Ernst. Tony wird erstmals handgreiflich gegenüber Christopher, als der mehr Anerkennung verlangt und droht, seine Geschichte an Hollywood zu verkaufen. Gleichzeitig fühlt Junior schon einmal bei Livia vor, ob er von ihr die Absolution erhalten würde, seinen eigenen Neffen aus dem Gefecht zu ziehen: „Something may have to be done, about Tony.“
Junior und Christopher bleiben indes die einzigen Mitglieder von Tonys Mafiafamilie, die im Piloten eine eingehendere Charakterisierung bekommen - eben weil sie auch Teil seiner echten Familie sind. Tony beschwert sich bei Melfi darüber, wie Junior früher über ihn geredet habe: „He told my girl cousins I would never be a varsity athlete and frankly, that was a tremendous blow to my self esteem.“ Das mag zunächst unbedeutend erscheinen, denkt man aber über die eigene Vergangenheit nach, stößt man sicher auf eine ähnlich degradierende Aussage irgendeines nahen Verwandten.
How many fuckin' hours did I spend playing catch with you?
Seine Kollegen Big Pussy (Vincent Pastore), Silvio (Steven Van Zandt), Paulie (Tony Sirico) und Hesh (Jerry Adler) kommen nur am Rande vor, wobei nicht alle sofort die Rollen einnehmen, die sie über den Rest der Staffel ausfüllen werden. Sein Freund aus Kindertagen, Artie Bucco (John Ventimiglia), wird schließlich zum Bauernopfer. Weil Junior den innerparteilichen Konkurrenten Pussy Malanga in Arties Restaurant Vesuvio ausschalten will, bekommt Silvio von Tony den Auftrag, das Restaurant in die Luft zu sprengen, damit Artie wenigstens Geld von der Brandschutzversicherung bekommt. Wäre ein Mafiasoldat dort erschossen worden, wären wohl ganz schnell die Gäste ferngeblieben. Dieser Vorgang ist ein wunderbarer Exkurs in die Denkweise von Tony Soprano, der fast ohne Worte auskommt - direkt aus der Drehbuch-Meisterklasse.
Nachdem die Enten aus seinem Pool verschwunden sind, erleidet Tony einen Zusammenbruch in der Therapie - just in der Sitzung, in der er eigentlich das Ende seiner Behandlung ankündigen wollte. Er glaubt, dabei einen Durchbruch zu haben: „I'm afraid I'm gonna lose my family, like I lost the ducks.“ Tony Soprano hat große Angst davor, seine Familie zu verlieren, ist aber gleichzeitig nicht imstande, seiner Familie gegenüber ehrlich zu sein. Er versteht nicht oder will nicht verstehen, dass Ehrlichkeit genau das ist, was seine Familie - vor allem Carmela - braucht. Sie weiß von seinen Liebeleien auf der Seite und schafft es nicht mehr, darüber stillzuhalten: „What's different between you and me is you're going to hell when you die.“
Für Meadow und Anthony Junior (aka AJ aka „No fuckin' ziti?“: Robert Iler) ist er immer noch die überlebensgroße Vaterfigur, Carmela ist seinen bullshit jedoch schon lange leid. Wir sehen hier auch, wie er seine Untreue orchestriert. An einem Abend geht er mit seiner goomar ins gleiche Restaurant wie am nächsten Tag mit seiner Ehefrau. Der Maitre d' hat jedoch genaue Instruktionen, was in einem solchen Fall zu sagen ist. Auch hier wieder eine Situation, bei der man nicht genau weiß, ob man lachen oder weinen soll.
Das ist The Sopranos: Eine brillante Serie, die nie vor bitteren Realitäten zurückweicht und diese doch unendlich unterhaltsam aufbereitet. Es ist die uramerikanische Geschichte von Identität, Selbstfindung, Signifikanz und Familie. Es ist eine zeitlose Geschichte, eine Geschichte, die heute genauso gut funktioniert wie bei ihrem Start vor 16 Jahren. Wir alle sind Tony und Carmela, Meadow und AJ. Wir alle wollen etwas aufbauen - und nicht nur zuschauen, wie andere das tun. In dieser Serie geht es vielleicht um eine Figur, die glaubt, zu spät auf die Welt gekommen zu sein, um etwas Signifikantes leisten zu können. Die Serie selbst hat das aber geschafft. Sie ist eine Kathedrale der Fernsehgeschichte: „They didn't design it, but they knew how to build it.“