Bevor die TNT-Eigenproduktion 4 Blocks im Mai auf Sendung geht, feierte sie heute Abend auf der Berlinale ihre Weltpremiere. Wir Serienjunkies waren dabei und verraten Euch hier unseren ersten Eindruck. Nur soviel vorab: Es gibt einige Gründe für leisen Optimismus.

Die drei Hauptfiguren Toni (Kida Khodr Ramadan), Vince (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin, v.l.n.r.) / (c) TNT
Die drei Hauptfiguren Toni (Kida Khodr Ramadan), Vince (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin, v.l.n.r.) / (c) TNT
© ie drei Hauptfiguren Toni (Kida Khodr Ramadan), Vince (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin, v.l.n.r.) / (c) TNT

Gleich zu Beginn wird man in der Pilotepisode der neuen TNT-Dramaserie 4 Blocks mit dem Sound der Straße bekanntgemacht. Zwei Nachwuchsgangster fahren mit ihrem Roller die berüchtigsten Ecken des berüchtigsten Berliner Kiezes, Neukölln, ab: Die Sonnenallee mit ihren unzähligen Handyshops und Köfte-Läden, die Hasenheide und den Görlitzer Park (alle nennen ihn hier nur „Görli“) mit den Dealern aus Afrika. Unterlegt ist das Ganze mit straightem Rap, die Kamera filmt aus der Vogelperspektive, die Jungs tragen Deutschlandtrikot.

Unmittelbar

Die Tageseinnahmen, die sie mit dem Roller eingesammelt haben, müssen beim nächsthöheren Klanmitglied abgeliefert werden, bei Hamadi (Massiv, der Rapper). Doch der wird beobachtet von zwei Undercover-Cops, von denen der eine, Robert John (Marc Hosemann), besonders eifrig vorgeht und gleich die Härte beweist, die nicht nur auf der falschen Seite des Gesetzes, sondern auch auf der vermeintlich richtigen praktiziert wird: „Rühr dich kein Stück, du scheiß Araber.“ Die Serie verschwendet wirklich keine Zeit, ihre Absichten zu offenbaren.

Das alles passiert, bevor das erste Kapitel, es heißt „Brüder“, überhaupt offiziell losgeht. Das Koks, das John in einem nahestehenden Auto gefunden hat, zieht nun - wen wundert's? - seine lange weiße Spur der Verheerung nach sich. Die Krisensitzung im Klan fängt mit der Allegorie vom Fischer, der lieber in der Sonne liegt, statt immer noch mehr Fisch zu fangen, harmlos an, gebiert dann aber schnell einen zentralen Konflikt, den man aus vielen anderen Mafiafilmen und -serien schon kennt, und der sich wohl durch alle sechs Episoden der ersten Staffel ziehen wird.

Sich gegenüber stehen dabei zwei Brüder. Zum einen ist da der besonnene Klanchef Toni (Kida Khodr Ramadan), der seine schwerstkriminelle Vergangenheit eigentlich hinter sich lassen will. Zum anderen Abbas (Veysel Gelin, noch ein Rapper, in seiner ersten Rolle als Schauspieler), der Heißsporn, der sich bereits als Nachfolger seines Bruders an der Spitze des Klans wähnt. Sie könnten kaum unterschiedlichere Vorstellungen vom Leben haben: Während Toni den treusorgenden Vater und braven Neubürger („Ich werd' der deutscheste Deutsche!“) gibt, lümmelt Abbas daheim in Unterwäsche auf der Couch, spielt Playstation und ist von seiner Freundin maximal angenervt.

Toni (Kadi Khodr Ramadan, l.) und Abbas (Veysel Gelin) sind zwar Brüder, aber auch Kontrahenten.
Toni (Kadi Khodr Ramadan, l.) und Abbas (Veysel Gelin) sind zwar Brüder, aber auch Kontrahenten. - © TNT

Weiteren Zündstoff liefert die überraschende Ankunft von Vince (Frederick Lau), einem alten Kumpel von Toni, der durch einen vermeintlichen Zufall auf dem Folterstuhl seines ehemaligen Weggefährten landet. Ziemlich unvorsichtig verkauft Vince Drogen, wo es nur denen erlaubt ist, die zu Toni gehören. Also fängt er sich mächtig Prügel ein, und weil ihm seine Peiniger die eigene Bomberjacke über den Kopf gezogen haben, damit er sie nicht erkennt, weiß auch Toni nicht, wem er da mit dem Hammer gleich eine ordentliche Gesichtsdeformation verpassen könnte.

Keine Fragen

Man sollte nun glauben, dass einer wie Toni stutzig wird, wenn ein alter Kompagnon wie aus dem Nichts auftaucht, um in seinem Club zu ticken. Stattdessen überwiegt die Freude über das unerwartete Wiedersehen, und die beiden brechen - in Begleitung des ungleich skeptischeren Abbas - zu einer Neukölln-Tour durch die titelgebenden vier Blocks (Toni: „Mädchen, Casinos, Koks, Schutzgeld.“) auf, um alte Kriegsgeschichten auszutauschen. Demnach hat Vince nach seinem plötzlichen Abschied aus Berlin mit seiner Mutter in Frankfurt/Oder gewohnt und ist danach mit der Bundeswehr ins Ausland gegangen.

Abbas will es - wie auch wir Zuschauer - genauer wissen, scheitert aber zunächst an Vinces Selbstsicherheit und der Naivität seines Bruders. Letztgenannter glaubt sich aber auch längst schon mit anderthalb Beinen aus dem kriminellen Geschäft, wie sich unschwer daran ablesen lässt, mit welch glühenden Augen er Vince von seinen Zukunftsplänen erzählt. Sobald das Einwohnermeldeamt die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung ausgestellt hat, kann er seine Immobilienfirma gründen. Dass es so weit niemals kommen wird, daran dürfte es keinen Zweifel geben.

Eine zentrale Rolle in Tonis anzunehmendem Niedergang dürfte Vince zufallen, der sich in die Gruppe einführt, als wäre er ein Spitzel, der sie hochgehen lassen will. Ob er nun dazu gezwungen wird, um sich Straferleichterungen zu garantieren, oder ob er ein verdeckter Ermittler ist, muss sich noch zeigen. Eine große Überraschung wäre es jedenfalls, sollte seine Hintergrundgeschichte tatsächlich wahr sein. Hinzu kommt, dass sich Toni nicht nur im Verhältnis mit Vince unvorsichtig benimmt, sondern auch andernorts. Zum Beispiel setzt er sich in einen Raum mit dem von ihm vertriebenen Rauschgift - eine Leichtsinnigkeit, die einer wie Tony Soprano oder Stringer Bell niemals begehen würden.

Vince (Frederick Lau) ist undurchschaubar.
Vince (Frederick Lau) ist undurchschaubar. - © TNT

Bevor sich das Seil um Tonis Hals am Ende der Episode endgültig enger schnürt, gibt er Vince noch eine Kostprobe seiner Geschäftstüchtigkeit. Das von einem Komplizen komplettierte Trio stattet einem englischen Barbesitzer außerhalb der Öffnungszeiten einen Besuch in dessen Gaststätte ab. Zur Gentrifizierung des mittlerweile zum - man mag es kaum schreiben - Szenebezirk aufgestiegenen Neukölln hat Toni ambivalente Ansichten. Einerseits bezeichnet er die damit einhergehende soziale Durchmischung als „Drecks-Multi-Kulti“, andererseits profitiert er gerne von der Kaufkraft der Zugezogenen, der Hipster.

Schmelztiegel

Der Wirt ist schließlich der Leidtragende dieses Kulturclashs. Weil er sich weigert, Deutsch zu sprechen, doziert Toni zum Amüsement seiner Begleiter streng und in akzentreichem Englisch: „You're in Germany. You have to speak German.“ Er bestellt drei Fanta und beschwert sich sogleich darüber, die ökologisch vermeintlich nachhaltigere Alternative „Bio-Zisch“ ausgeschenkt zu bekommen. Dann geht es ans Eingemachte: Als sich der Kneipenbetreiber weigert, wie gefordert Tonis Spielautomaten aufzustellen, wird er ganz einfach mit körperlicher Gewalt dazu gezwungen.

Auch diese Aktion ist für einen Aussteigewilligen wie Toni nicht gerade unriskant. An Handlungsbögen wie diesen lässt sich denn auch erkennen, wozu 4 Blocks gemacht ist: Obwohl die Serie so aussieht, soll sie eben nicht möglichst nah an der Realität sein, sondern vor allem unterhalten. So formuliert das Regisseur Marvin Kren im Interview mit SERIENJUNKIES.DE®, das hier an späterer Stelle veröffentlicht werden wird. Und so endet die Pilotepisode viel rasanter und dramaturgisch aufwühlender, als das vielleicht in der Realität jemals passieren würde.

Nicht nur nimmt Abbas die durch die Polizei drohende Gefahr selbst in die Hand, indem er John durch dessen Haustür erschießt. Tonis Wohnung wird auch gestürmt und er festgenommen, weil der inhaftierte Hamadi wohl geplaudert hat. In der Szene, von Kren wunderbar inszeniert, wird der harte Hip-Hop-Sound der Straße erstmals abgelöst von klassischer Musik, die aus der Serie in dem Moment weniger The Wire und mehr „Scarface“ macht. Man will sich offensichtlich nicht auf ein Zitat festlegen, sondern bedient sich aus vielen Töpfen.

Das gelingt aus meiner Sicht in denen Momenten besser, in denen sich näher an der Realität orientiert wird, in denen zum Beispiel die Realität auf dem Hermannplatz das Rückgrat einer Szene bildet. Weniger gut funktionieren Szenen wie jene, in der sich Toni auf eine gewalt- und wortlose Auseinandersetzung mit einer Motorrad-Gang mit dem etwas albernen Namen „Cthulhus“ einlässt. Gleichzeitig ist es lobenswert, wenn eine deutsche Produktion vom Start weg genug Selbstbewusstsein hat, um einen eigenen Weg zu gehen. Natürlich finden sich dort Anleihen von Gomorrha und The Sopranos, aber 4 Blocks ist eben nicht „das deutsche XY“. Mehr kann man sich vom hiesigen Serienstandort momentan kaum wünschen.

'4 Blocks' startet am am Montag, den 8. Mai um 21 Uhr bei TNT Serie. Die sechs Episoden werden wöchentlich ausgestrahlt.

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