4 Blocks 1x06

© ince (Frederick Lau) und Amara (Almila Bagriacik) wollen zusammen abhauen. (c) TNT
Es ging laut los und es geht laut zu Ende. Wenn wir Serienjunkies einen Preis für das mutigste Staffelfinale zu vergeben hätten, dann würde 4 Blocks angesichts der Ereignisse in der Finalepisode der ersten Staffel, Dead Man Walking, sicherlich zu den heißen Favoriten gehören. Dass darin tatsächlich eine Hauptfigur ihr Leben lassen muss, und dann auch noch eine so zentrale, hätte ich niemals erwartet - auch angesichts der Tatsache, dass die TNT-Serie bereits um eine zweite Staffel verlängert wurde.
Keine Kompromisse
Am Ende liegt Vince (Frederick Lau) aber wirklich am Boden, erstochen von dem Anführer der Motorrad-Gang Cthulhus, Ruffi (Ronald Zehrfeld). Schon diese Aktion kommt überraschend, und noch in dem Augenblick habe ich mir gedacht, dass Vince schon wieder irgendwie auf die Beine kommen würde. Als er dann aber mit offenen Augen, von jeglichem Leben verlassen, verblutet ist, steht fest, dass das Autorenteam nicht gekommen ist, um zu spielen. Dafür gebührt Hanno Hackfort, Bob Konrad, Richard Kropf und Benjamin Hessler in Zeiten, in denen sich viele Serien nicht mehr trauen, ihre Protagonisten umzubringen, Respekt.
Hinsichtlich der meisten übrigen Aspekte des Drehbuchs ist jedoch auch reichlich Kritik angebracht. Was in der Pilotepisode noch nicht so stark auffiel, rückte im Verlauf der ersten Staffel immer weiter in den Fokus. Als wichtigster Punkt wäre zu nennen, dass der Plotfortschritt deutlichen Vorrang vor der Charakterentwicklung genießt. Person X aus Gang Y hat dies und das mit Person A aus Gang B angestellt, weshalb nun unbedingt Rache geübt werden muss. Die Verwicklungen zwischen den rivalisierenden Banden und der Polizei waren hier nicht besonders kompliziert - ihnen wurde trotzdem zu viel Aufmerksamkeit geschenkt.
Viel zu selten gab es dadurch Momente wie den zwischen Vince und Amara (Almila Bagriacik) in der vorletzten Episode, Machtlos. Amara teilt Vince darin mit, dass sie weiß, für wen er in Wirklichkeit arbeitet. Völlig zurecht entgegnet Vince, dem bisweilen alles egal, manchmal aber auch alles furchtbar wichtig zu sein scheint, dass sie ihn dann doch hätte verpfeifen können. Die Szene ist vor allem so stark, weil die Darsteller darin groß aufspielen. Die Szene hätte aber noch viel stärker sein können, wenn wir eine Ahnung davon hätten, woher die Zerrissenheit der beiden Figuren stammt.

Über Vince wissen wir genausoviel wie Toni (Kida Khodr Ramadan), nämlich nur das, was er ihm (und uns) erzählt. Warum vertraut Toni seinem ehemaligen Kompagnon so blind, obwohl er ihn jahrelang nicht mehr gesehen hat? Mir war schon bei seinem ersten Auftritt klar, dass er für die Polizei arbeitet. Wieso ist es dann nicht einem erfahrenen Gangster klar, der seit Jahrzehnten im Geschäft ist? Weil wir keine ausreichende grundlegende Charakterarbeit bekommen, können wir nicht nachvollziehen, warum das Band zwischen Toni und Vince so undurchtrennbar erscheint.
Wer will was?
Die Motivation von Tonis Bruder Abbas (Veysel Gelin), dem Neuen zu misstrauen und irgendwann gegen die eigene Familie zu agieren, wird in diesem Lichte schon beinahe nachvollziehbar. Natürlich hat die Serie nur eine sehr begrenzte Episodenanzahl und natürlich gehört es zur größten Fernsehkunst, eine ordentliche Figurenzeichnung zu erschaffen. Aber hier kristallisierte sich schon in der zweiten Episode heraus, dass der Plot stets Vortritt haben würde. Dieser Plot hat mit dem Finale einen zufriedenstellenden Abschluss erfahren. Mehr aber auch nicht.
Die Serie ist eben vornehmlich genau das, was Regisseur Marvin Kren im Gespräch mit uns sagte: Unterhaltung. Aber gute Unterhaltung und eine ausgereifte Charakterarbeit schließen sich - meiner Meinung nach nie - gegenseitig aus. Stellt man das Seelenleeben seiner Protagonisten in den Vordergrund, wird man am Ende stets größere emotionale Früchte ernten können. Zum Beispiel wird Toni hier am Ende doch zum Mörder, weil er den Mord an seinem Freund Vince rächen will. Das hätte größeren Eindruck hinterlassen, hätten wir ein besseres Verständnis ihrer Freundschaft.
Stattdessen müssen wir hinsichtlich der emotionalen Verstrickungen meistens glauben, was uns vorgesetzt wird. Den gemeinsamen Onkel Ibrahim (Raymond Tarabay) haben Abbas und Toni geliebt, aber wir sehen das nicht, sondern hören es nur. Entsprechend gering fiel dann auch meine Reaktion auf seinen Tod aus. Dass es Abbas ist, der ihn umbringt, ändert daran kaum etwas, da auch er charakterlich zu einseitig dargestellt ist. Er ist ein Frauenschläger, Drogendealer und Mörder, der nie lacht oder wenigstens lächelt. Da kann ich am Ende doch nur jubeln, als er von der Polizei verhaftet wird.

Der Vergleich zu den „Sopranos“ ist leidig, ja. Aber nur so lässt sich verstehen, was in „4 Blocks“ fehlt. Investiert man mehr in eine ambivalente Charakterzeichnung, kann man alleine aus diesen Widersprüchlichkeiten großes Drama generieren. Hier scheint das Autorenteam mehrmals dem Eindruck erlegen zu sein, großes Drama bedeutet, dass besonders laut geschrien werden muss. Keine Episode kam ohne mindestens eine Szene aus, in der aus voller Kehle gebrüllt wurde. Wahlweise wurden dabei Menschen gefoltert oder Einrichtungsgegenstände zerstöt.
Harte Rocker
Das trifft vor allem auf die Anführer der Cthulus zu, Ruffi und Nico (Ludwig Trepte). Die beiden werden so klischeehaft dargestellt - der eine als schwuler Grobian, der andere als dauerkreischender Wahnsinniger -, dass es nicht den Hauch einer Chance gibt, sie als mehr als nur comichaft überzeichnete Bösewichte anzusehen. Ganz ähnlich verhält es sich - mit umgekehrten Vorzeichen - mit Tonis Ehefrau Kalila (Maryam Zaree). Sie erfüllt nicht mehr als die Skyler-White-Rolle der nörgelnden Ehefrau, die sich wünscht, ihr Ehemann würde dem Verbrechen den Rücken kehren, aber auch keine Konsequenzen daraus zieht, dass er es nicht macht.
Eine wohltuende Unterbrechung all des Schreiens, Weinens und Zauderns, all der todernsten Bitterkeit wäre der Einsatz von Humor gewesen. Auch das hätte die Charaktere menschlicher, weniger holzschnittartig erscheinen lassen. Oder lachen Mafiabosse nicht? Doch, tun sie, und wahrscheinlich nicht viel weniger, als Jochen Schneider von der Allianz. In vielen niederschwellig erfolgreichen Dramaserien besteht aber offensichtlich die Annahme, dass ein bierernstes Thema auch stets bierernst behandelt werden muss. Das Gegenteil ist richtig - siehe alle guten Dramaserien ever.
Positiv hervorzuheben sind die Elemente von 4 Blocks, die auch schon in der Pilotepisode überzeugten. Die visuelle Umsetzung ist durchweg gelungen, setzt konsequent auf Originalschauplätze und eine dynamische Kamera. Auch die schauspielerischen Leistungen, Score und Musikeinsatz wissen zu überzeugen. Überdies ist das Drehbuch intelligent konzipiert. Es verlässt sich nur selten auf kaum nachvollziehbare Handlungen. Die Figuren sind hingegen größtenteils überzeichnet beziehungsweise zu unausgereift.
Für die zweite Staffel würde ich mir deshalb mehr Konzentration auf eine vielschichtige Charakterzeichnung wünschen. Dann kann aus einer zufriedenstellenden eine gute oder gar hervorragende Mafiaserie werden.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 12. Juni 20174 Blocks 1x06 Trailer
(4 Blocks 1x06)
Schauspieler in der Episode 4 Blocks 1x06
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