37 Sekunden: Review zur Pilotfolge

37 Sekunden: Review zur Pilotfolge

Mit „37 Sekunden“ fasst Das Erste das brandaktuelle Thema der Einvernehmlichkeit beim Sex mit intensiven Bildern und schauspielerisch hervorragenden Leistungen an. Mehr dazu in unserem Review zur Pilotfolge.

Szenenfoto aus der Serie „37 Sekunden“
Szenenfoto aus der Serie „37 Sekunden“
© ARD Degeto/Odeon Fiction GmbH/Barbara Bauried

Das passiert in „37 Sekunden“

Carsten Andersen (Jens Albinus) war einst ein erfolgreicher Musiker und arbeitet an seinem Comeback, das er auch einer Affäre mit der wesentlich jüngeren Leonie Novak (Paula Kober) zu verdanken hat. Allerdings haben die beiden vor kurzem Schluss gemacht, was sie aber nicht daran hindert, angetrunken auf seiner Geburtstagsparty zu erscheinen.

Im Laufe des Abends nähern sich die beiden wieder einander an und es kommt zu einem kurzen leidenschaftlichen Treffen in seinem Studio. Als Andersen Sex will und Leonie seine Avancen mit dem Satz „Ich will das jetzt nicht!“ ablehnt, übergeht er ihren Wunsch einfach. Der Akt dauert nur 37 Sekunden - 37 Sekunden, die das Leben der jungen Frau auf den Kopf stellen werden, denn im Laufe der nächsten Tage wird sie sich immer mehr darüber bewusst, dass Carsten zu weit gegangen ist.

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MeToo

In Zeit der MeToo-Bewegung und nicht abreißen wollenden Pressemeldungen über junge Frauen, die von Übergriffen bekannter Showgrößen berichten, ist es überaus mutig, der Frage nachzugehen, ob - und wenn ja - es Grauzonen bei dem schwierigen Thema „Einvernehmlicher Sex“ gibt. In 37 Sekunden steht die Frage im Vordergrund, wie missverständlich oder unmissverständlich die Ablehnung sexueller Avancen sein können.

Die Drehbuch-Autor Julia Penner und David Sandreuter und Regisseurin Bettina Oberli machen es entsprechend vornehmlich dem männlichen Publikum nicht gerade leicht, ein Urteil über Carstens Taten zu fällen, zumal diesem nicht ein klischeehaftes Täterprofil aufoktroyiert wird.

Einerseits waren er und Leonie betrunken und es kam zu einer sexuell durchaus aufgeladenen Situation. Andererseits schwebt der von Leonie formulierte Satz „Ich will das jetzt nicht!“ wie ein Damoklesschwert über der Situation. Das macht Carsten vielleicht nicht zu einem „klassischen“, brutalen Vergewaltiger, zumindest aber zu einem empathielosen Ignoranten, der seine Hormone nicht im Griff hat und deshalb rücksichtslos über den Körper eines anderen Menschen verfügt.

Nein heißt Nein

Szenenfoto aus „37 Sekunden“
Szenenfoto aus „37 Sekunden“ - © ARD Degeto/Odeon Fiction GmbH/Barbara Bauried

Schlimm ist, dass sich Carsten dieser Tatsache nicht einmal bewusst wird, als Leonie ihn bei einem kurzen Treffen am nächsten Morgen mit ihren Gefühlen konfrontiert.

Auf ihre Bemerkung: „Ich wollte eigentlich nicht mit dir schlafen.“ reagiert er zunächst verständnislos mit der Antwort: „Warum hast du es dann gemacht?“. Doch dann versteht er, was die verunsicherte Frau umtreibt und zeigt sich betont fürsorglich und zärtlich ihr gegenüber.

Das erschwert die Bewertung der Situation vermeintlich, doch letzten Endes gilt stets der Grundsatz, dass Nein eben auch Nein heißt. Noch klarer als mit der Kernformulierung in „37 Sekunden“: „Ich will das jetzt nicht!“ kann ein Nein allerdings kaum zum Ausdruck gebracht werden. Auch Leonie wird immer klarer, dass Carsten übergriffig war und ihren Willen übergangen hat.

Schlüsselmomente in „37 Sekunden“

Szenenfoto aus „37 Sekunden“
Szenenfoto aus „37 Sekunden“ - © ARD Degeto/Odeon Fiction GmbH/Barbara Bauriedl

In drei eindrücklichen Szenen werden das Gefühlschaos, die Unsicherheit, ihre Hilflosigkeit und die nagenden Zweifel stark herausgearbeitet und es wird deutlich, wie traumatisiert Leonie ist. Zunächst vertraut sie sich ihrer besten Freundin Clara (Emily Cox) an, eine erfolgreiche und engagierte Anwältin. Allerdings ist Clara Carstens Tochter und ihr Engagement für Frauenrechte wird in den kommenden Episoden mehr als nur auf eine harte Probe gestellt, wie wir aus dem Trailer und dem Pressetext bereits wissen.

Ein emotionaler Schlüsselmoment ist eine Begegnung mit einem fremden Mann im Supermarkt, der sich in einem engen Gang an ihr vorbeizwängt und sie kurz mit einer Entschuldigung auf den Lippen an den Arm fasst. In einer beeindruckenden Montage vermitteln uns die Filmeditoren Michael Schaerer, Cécile Welter und Hubert Schmelzer intensiv, was Carstens Übergriffigkeit wirklich mit Leonie gemacht hat. An die Stelle von Lebensfreude sind Angst, Rückzug und Misstrauen getreten.

Eine der letzten Szenen der Pilotfolge zeigt schließlich ein Instagram-Video, in dem sich Leonie ihre Unsicherheit von der Seele redet, eine Tat, die im Verlauf der kommenden fünf Episoden noch wie ein Bumerang auf sie zurückfallen dürfte und die reichlich Zündstoff bieten wird...

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Fazit

Die Pilotfolge von 37 Sekunden ist niveauvolles deutsches Fernsehen. Die Serienmacher packen mit Mut und Feingefühl ein heißes Eisen an, über das derzeit aufgrund aktueller Ereignisse kontroverser und populistischer denn je diskutiert wird.

Narrativ verzichten Penner und Oberli dabei erfreulicherweise auf Leerlauf und langes Vorgeplänkel. Vielmehr werfen sie das Publikum sehr früh ins Geschehen und fordern es auf, sich eine eigene Meinung über Carsten zu bilden. Besonders stark ist, dass die Figur weder als Monster noch als überheblicher Superstar dargestellt wird, sondern als fehlerbehafteter Mensch in der Midlife-Crisis.

Jens Albinus porträtiert seinen Protagonisten in einer grandiosen Schauspielleistung als nicht böswilligen, aber dennoch egoistischen Mann, der um keine Ausrede verlegen ist, um sich für die Affäre mit Leonie oder ihre Vergewaltigung zu rechtfertigen. Es ist beinahe erschütternd mitzuerleben, wie er sich selbst belügt, um nicht erkennen zu müssen, wie sehr er andere Menschen verletzt.

Ein großes Lob gebührt zudem Paula Kober, die den Zuschauenden mit einem hoch intensiven Spiel tief in die Gefühlswelt ihrer Figur blicken lässt und eindrucksvoll dokumentiert, wie ausgenutzt, betrogen, verletzt und beschmutzt sich ein Mensch fühlt, den man - in welcher Form auch immer - zu sexuellen Handlungen nötigt. Sich derart tief auf das Trauma einer eigentlich selbstbewussten Frau einzulassen, derer Leben wegen einer nur 37 Sekunden andauernden Tat für immer zerstört wurde, erfordert einen bewundernswerten Mut.

Im Zusammenspiel mit der hervorragenden Kameraarbeit von Armin Dierolf, der beachtenswerten Musik von Paul Eisenach und Johannes Höfer sowie der bereits gewürdigten Bildmontage ist ARD Degeto hier möglicherweise eine Miniserie geglückt, die ohne weiteres auch auf internationaler Ebene konkurrieren kann. Voraussetzung ist, dass sich die Geschichte nicht im Verlauf der nächsten fünf Teile abflacht und die Intensität des Storytellings beibehalten wird. Deshalb lassen wir uns bei der Bewertung noch ein wenig Luft nach oben und vergeben mit einer starken Tendenz nach oben vier von fünf Punkten.

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