1983: Kritik zum Start der polnischen Netflix-Serie

© obert Wieckiewicz spielt in „1983“ einen lebensmüden Polizisten im polnischen Polizeistaat. (c) Netflix
Auch Polen mischt jetzt mit im großen Geschäft der internationalen Netflix-Produktionen. Unter der Leitung des US-Produzenten Joshua Long inszenieren die polnischen Regisseurinnen Kasia Adamik, Olga Chajdas, Agnieszka Smoczyńsk und Agnieszka Holland - letztgenannte tüftelte zuletzt noch an The First - in 1983 eine Schreckensvision, in der ihr Land nie von Fängen des Kommunismus befreit wurde. Diesen Ansatz der verdrehten Geschichtsschreibung kennt man bereits von der Faschismusserie The Man in the High Castle, doch das Thema und der Schauort sind hier natürlich völlig anders...
Acht Episoden umfasst die Auftaktstaffel, die am heutigen Freitag, den 30. November 2018 in ihrer Gänze freigeschaltet wurde. Selbstverständlich bietet Netflix das Format nicht nur auf Polnisch, sondern auch auf Deutsch an. Und tatsächlich macht die Synchro einen durchaus hochwertigen Eindruck, da einige bekannte Stimmen verpflichtet werden konnten. Was die Übersetzung selbst betrifft, kann ich leider keine kompetente Aussage treffen, da sich meine Kenntnisse der Sprache in Grenzen halten (das Wort „Kurwa“ wurde jedenfalls korrekt übersetzt). Fragt sich nur, ob sich die Serie überhaupt lohnt?
Der Löwe führt das Heer von Schafen
1983 beginnt auf alle Fälle actionreich. Wir befinden uns in den Iden des März 1983: Warschau, Krakau und Danzig werden zeitgleich von drei verheerenden Terroranschlägen erschüttert. Sie traumatisieren die Nation genauso nachhaltig wie 9/11 im echten Leben einst Amerika. Konkret ergibt sich daraus nämlich Folgendes: Die Revolution von Lech Walesa und der Arbeiterbewegung wird scheitern und der Eiserne Vorhang bleibt bestehen. Ob dasselbe auch für die DDR gilt, bleibt in der Pilotepisode mit dem Titel Verwicklung (1x01) zunächst offen. Ein kurzer Nachrichtenüberblick - wie man ihn aus schlechten Katastrophenfilmen kennt - lässt uns aber wissen, dass im Jahr 2000 nicht George W. Bush, sondern Al Gore Präsident der Vereinigten Staaten wird. So schlecht scheint diese Parallelwelt also erst mal nicht zu sein...
Held unserer Geschichte ist der zynische Kommissar Anatol (Robert Wieckiewicz), der als einsamer Wolf im weiterhin kommunistischen Polizeistaat Polen auf eigene Faust Ermittlungen anstellt. Wir schreiben inzwischen das Jahr 2003 und das Land ist unfreier denn je, obwohl es den Menschen an sich ganz gut zu gehen scheint. Denn sie wollen vor allem eines: ihre Ruhe. Aus diesem Grund finden terroristische Dissidentengruppen wie die der vorlauten Rebellin Effy (Michalina Olszanska) im Volk auch keine Unterstützung. Aber selbst uns Zuschauern werden sie nicht besonders sympathisch präsentiert, zumal sie natürlich Bücher wie „1984“ von George Orwell oder sogar „Harry Potter“ lesen - Subtilität geht anders.

J. K. Rowlings Fantasygeschichte vom Waisenkind, das zum Zauberlehrling wird, hat in 1983 allerdings noch eine weitere Funktion: Sie soll die junge Hauptfigur des Jurastudenten Kajetan (Maciej Musial) widerspiegeln. Auch er verlor seine Eltern bereits als kleiner Junge und auch er sucht nun nach Sinn in der Sinnlosigkeit. Sein Professor und Mentor - sozusagen sein Dumbledore - will ihm beibringen, seinen Blick zu weiten, damit er das Wort der Partei nicht für bare Münze nimmt. Das beste Zitat der gesamten Episode: „Die Wahrheit ist das einzige Mittel der Sterblichen im Kampf gegen die Götter.“ Wow! Wäre doch wirklich schade, wenn ein so weiser Mann wie er aufgrund seiner liberalen Gedanken in der Diktatur ermordet werden würde...
Gegen Ende der Folge überschneiden sich dann endlich auch die Wege von Kajetan und Anatol, die schockiert feststellen müssen, dass eine gigantische Verschwörung das Land umhüllt und sie den Machthabern allmählich zu bedrohlich werden. Dabei geht Kajetan quasi regelmäßig in der Höhle der Löwen ein und aus, da er die Tochter eines wichtigen Parteifunktionärs, gespielt von Andrzej Chyra, datet. Hält er brav den Mund, kann er mit Leichtigkeit bald selbst zur Elite Polens zählen, doch wie gesagt: Die Wahrheit ist für ihn als angehenden Anwalt und Idealisten bedeutender als das Recht.
Fazit
Alles in allem wirkt der Auftakt von 1983 erstaunlich kompetent. Nicht etwa, weil man Polen eine so stilsichere Serie nicht zugetraut hätte - immerhin entstand hier ja auch das Meisterwerk Dekalog Ende der Achtziger -, sondern, weil Prestigeprojekte inzwischen wirklich am laufenden Band produziert zu werden scheinen. Zwar mag das kontrafaktische Historiendrama an manchen Stellen die nötige Feinfühligkeit vermissen lassen, doch rein optisch kann die Produktion klar mithalten. Besonders die brutalistischen Bauten von Warschau sorgen hier für Atmosphäre.
Problematisch ist derweil das Fehlen von interessanten beziehungsweise sympathischen Figuren. Vor allem die Rebellen rund um Effy lassen in ihrer Charakterisierung zu wünschen übrig, aber selbst die beiden Protagonisten Anatol und Kajetan sind nicht gerade Charmebolzen. Und auch wenn ich das Thema eigentlich lieber vermeiden würde: Die realen politischen Entwicklungen, die Polen seit dem neuerlichem Aufstieg der nationalistischen PiS-Partei erlebt, untergraben die Botschaft der Serie ebenfalls. Im Fall von The Man in the High Castle können wir uns freuen, dass es zum Glück nie so kam wie in der Serie, doch bei 1983 fehlt diese Katharsis, da die echte Zukunft unseres Nachbarlandes aktuell nicht allzu rosig aussieht.
Der deutsche Trailer zur polnischen Netflix-Serie „1983":