Im Zeitreisethriller 11.22.63 wird James Franco in die Sixties geschickt, um die Ermordung von Präsident Kennedy zu verhindern. Wie schlägt sich die Pilotepisode der jüngsten Stephen-King-Serienadaption?

Szene aus „11.22.62“ / (c) Hulu
Szene aus „11.22.62“ / (c) Hulu

Für den Lehrer Jake Epping (James Franco) könnte es im Hier und Jetzt durchaus besser laufen. Sein Vater ist kürzlich verstorben, seine Frau trifft sich nur noch im örtlichen Diner mit ihm, um die Scheidungspapiere unterzeichnen zu lassen und sein Freund Al (Chris Cooper), der Betreiber jenes Diners, hat plötzlich Krebs bekommen. Und mit plötzlich meine ich innerhalb der zwei Minuten, die es gedauert hat, die Eheschließung per Unterschrift rückgängig zu machen. Wie das angehen kann, erklärt Al seinem jüngeren Freund anhand einer Zeitreisedemonstration. In die Vergangenheit reist man in 11.22.63 allerdings weder mit Telefonzellen oder Fluxkompensatoren, sondern auf die Art und Weise, wie man auch nach Narnia gerät: indem der Betreffende durch ein magisches Portal in einem Schrank schreitet und am 21. Oktober 1960 herauskommt.

Jake (James Franco) und sein Zeitreisementor Al (Chris Cooper) © Hulu
Jake (James Franco) und sein Zeitreisementor Al (Chris Cooper) © Hulu

Ein kurzer Ausflug in die Sixties genügt, um Jake vom Zeitreisewandschrank zu überzeugen und Al weiht ihn in den großen Plan ein, welchen er angesichts seines gesundheitlichen Zustandes seinem jungen Freund vermachen möchte. Dieser besteht darin, die Ermordung von Präsident Kennedy zu verhindern, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Al glaubt, dadurch letztlich den Vietnamkrieg verhindern zu können. Doch zunächst werden die Feinheiten der Zeitreisemechanik geklärt, die in diesem Fall mit ein paar sehr spezifischen Extraregeln daherkommen. Durch den Schrank gerät man nämlich stets zum selben Moment im Oktober 1960 und egal, wie viel Zeit in der Vergangenheit verbracht wurde, in der Gegenwart kostet es einen nur zwei Minuten. Alles, was geändert wurde, erfährt einen Reset, sobald man ein weiteres Mal durch die Schranktür schreitet.

Jake ist zunächst skeptisch, als ihm offenbart wird, dass er zwei Jahre in den 60ern verbringen soll, um in Erfahrung zu bringen, ob Lee Harvey Oswald (Daniel Webber) der mutmaßliche Schütze des Kennedy-Attentats, auch für den Anschlag auf einen General verantwortlich war, woraufhin es zum Krach mit Al kommt. Erst, als dieser am nächsten Tag leblos bei sich zu Hause aufgefunden wird, ist Jake dazu bereit, den letzten Wunsch seines Freundes zu erfüllen. Mit gefälschten Dokumenten, die Al vorbereitet hatte und mit Sportergebnissen, um bei Wetten zu gewinnen (jemand hat offenbar bei „Back to the Future 2“ aufgepasst...), geht es ein weiteres Mal zum 21.10.1960 und eben jenem sich stets wiederholenden Moment, in dem ein Milchmann eine Flasche Milch zerbricht, ein paar Mädchen in einem pinken Cabriolet vorbeifahren und ein seltsamer Vagabund ihm ominös verkündet, er gehöre nicht hierher.

If you fuck with the past, the past fucks with you

Der temproral versetzte Jake genießt nach seiner optischen Anpassung an die Gepflogenheiten der Ära zunächst die Vorzüge der „guten alten Zeit“, die natürlich noch verstärkt von Sexismus und Rassismus durchzogen ist. Das Essen schmeckt ohne Zusatzstoffe viel besser und selbst ein schnittiger Sportwagen ist für vergleichsweise wenig Geld zu haben. Als Ratschlag, sich einen unauffälligen Untersatz anzuschaffen, wird jedoch ebenso ignoriert wie die Grundregel, sich gleichermaßen unauffällig zu verhalten. So macht Jake sich gleich am ersten Abend Feinde, als er mit einer hohen Wette das lokale Wettbüro sprengt und auch die Konditionen des Zeitreiseschranks sind ihm noch nicht ganz eingängig, wie sich zeigt, als er Al, dessen Zeit in den 60ern ausradiert wurde, als Referenz bei seiner Vermieterin angibt. Auch sollten das Anrufen des Vaters oder das Wegwerfen des Smartphones offensichtliche Tabus für Zeitreisende sein.

Nach einem Ausflug zum schicksalhaften Dealey Plaza und Grassy Knoll, wo Jake die Bekanntschaft von Sadie Dunhill (Sarah Gadon) macht, die später noch wichtig werden wird, nimmt Jake einen gewissen George de Mohrenschildt (Jonny Coyne) unter die Lupe. Von diesem hat Oswald womöglich seinen Auftrag erhalten, er arbeitet eventuell für die Russen und hat sich in den 70ern umgebracht (oder auch nicht), nachdem er in einem Interview eine Verbindung zwischen Oswald und dem CIA angedeutet hatte. Die Beschattung dieser möglichen Schlüsselfigur führt ihm zu einer der berühmten Kennedy-Reden. Als nicht geladener Gast macht sich Jake allerdings schnell verdächtig und muss sich ein Verhör gefallen lassen, nachdem sein Versteck plötzlich zur Horrorfilmszenerie inklusive rotem Licht und Kakerlaken wird. Es handelt sich schließlich immer noch um eine Stephen-King-Verfilmung.

James Franco geht nicht ohne Smartphone in die Vergangenheit. © Hulu
James Franco geht nicht ohne Smartphone in die Vergangenheit. © Hulu

Der nächste Ermittlungsschritt Richtung Mohrenschildt bringt den ersten Erfolg, auch wenn Jake merkt, dass die Zeit selbst anfängt, ihm Hindernisse in den Weg zu legen, um nicht rabiat geändert zu werden. Doch so euphorisch, wie er ist, nachdem er herausfindet, dass das der Beschattete und das CIA tatsächlich unter einer Decke stecken, so schnell lässt sich Jake von seinem Auftrag abbringen, als seine Pension abbrennt und der Sohn der Vermieterin dabei ums Leben kommt. Ehe er nach Maine und in seine Zeit zurückkehrt, will er aber wenigstens eine Sache richtigstellen, von der uns zu Beginn der Folge berichtet wurde. Er möchte einen seiner Schüler, einen älteren Herren namens Harry (Leon Rippy), vor seiner tragischen Familiengeschichte bewahren. Sein Vater soll an Halloween 1960 die gesamte Familie bis auf ihn umgebracht haben.

Fazit

Wie sehr man sich auf 11.22.63 einlassen kann, hängt vermutlich zur Hälfte davon ab, wie sehr man Tausendsassa James Franco als Schauspieler mag oder eben nicht, denn die Hulu-Miniserie ist vor allem eine Franco-Show. Wie immer gibt es bei dem Darsteller mit dem gewinnenden Lächeln genau das, was auf der Verpackung steht. Take it or leave it.

Darüber hinaus handelt es sich unmissverständlich um eine Verfilmung des fleißigen Horrorfürsten und Stephen-King-Bingo zu spielen, lohnt sich auf jeden Fall. Die Punkte „Schauplatz Maine“, „mental beeinträchtigte Schlüsselfigur/Genie“ und „Protagonist ist auch Autor“ können bereits nach der ersten Episode abgedeckt werden. Under the Dome, das letzte große Projekt, das auf einem seiner Werke beruhte und ihn als Executive Producer an Bord hatte, erfüllt zwar nicht gerade mit Zuversicht, aber „11.22.63“ macht schon jetzt eine bessere Figur und ist zum Glück als werkgetreue Miniserie angelegt. Wollen wir nur hoffen, dass am Ende keine zeitfressenden Pacman-Monster eingeführt werden.

Ambitioniert“ ist jedenfalls ein Prädikat, welches man der Zeitreisegeschichte, die zugegebenermaßen mit einem ganzen Strauß aus der Luft gegriffener Regeln daherkommt, zweifellos ausstellen kann. Das 60er-Jahre-Setting wurde ansprechend umgesetzt und mit der zu vermutenden, aber durchaus angemessenen Musik unterlegt, die sich mit einem sehr nach emotionalem Hollywood-Blockbuster klingendem Score abwechselt. Der Cliffhanger ist jedoch etwas beliebig gewählt, was bei einer getreuen Buchumsetzung, die schon in der ersten Folge dermaßen viel Plot abgedeckt hat, vielleicht andererseits nicht immer zu vermeiden ist. Genügend Gründe zum abermaligen Einschalten liefern die ersten 80 Minuten allemal.

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