American Horror Story 5x01

American Horror Story 5x01

Im Auftakt zur fünften Staffel von American Horror Story feiern die Serienschöpfer Ryan Murphy und Brad Falchuk ein wahres Camp- und Referenzenfestival. Mit wenigen Ausnahmen macht das großen Spaß, auch wenn sich bisher keine fesselnde Geschichte erkennen lässt.

Kathy Bates spielt in „American Horror Story: Hotel“ die Managerin des „Cortez“. / (c) FX
Kathy Bates spielt in „American Horror Story: Hotel“ die Managerin des „Cortez“. / (c) FX

Wem es bisher nicht klar war (ich schließe mich da ein), dem muss es spätestens nach Sichtung der Auftaktepisode der fünften Staffel von American Horror Story klar sein: Ryan Murphy und Brad Falchuk sind nicht an der Erzählung einer zusammenhängenden, nachvollziehbaren Geschichte interessiert. Sie wollen schocken, sie wollen aufregen, sie wollen bunt und laut und exzentrisch sein. Sie wollen Musikvideos drehen und diese dann zu Episoden zusammenkleistern. Ob das alles zusammenpasst, interessiert sie nicht.

You're the beginning and the end of all my suffering

In den letzten Staffeln hatte ich damit meine Probleme, was sich an meinen Reviews unschwer ablesen lässt. Die neuen Ausgaben der Anthologieserie verliefen stets nach dem gleichen Muster: Starker Beginn, schwächerer Mittelteil, furchtbares Ende. Diese Gefahr besteht auch bei Hotel wieder - aus den altbekannten Gründen: Ohne eine fesselnde Geschichte ist das alles schön anzuschauen, aber irgendwie schnell langweilig. Trotzdem will ich unvorbelastet in diese neue Staffel gehen, vor allem aber mit einer besseren Einschätzung darüber, wie Murphy und Falchuk ticken.

Die beiden brennen in Checking In ein echtes Feuerwerk an Horrorreferenzen ab. Es lassen sich - mal mehr, mal weniger deutlich - Spuren von Kubrick, Fincher, Cronenberg, Murnau und Lynch entdecken, wenngleich das jeweilige Zitat immer auch im eigenen Käfig verharrt. Das macht hier noch Spaß, muss aber erst beweisen, dass es keine bloße Aneinanderreihung bekannter Elemente ist. Verstärkt wird dieser Eindruck durch Murphys abgefahrene Regie, die der Kamera kaum eine Atempause gönnt. Rastlos lässt er sie über, unter und neben seinen Protagonisten hergleiten, mal nutzt er ein Fischaugenobjektiv, mal verfolgt er die Figuren, um sie dann wieder zu entlassen.

Die eindeutige Konzentration auf Spektakel und Show lässt die Vermutung zu, dass Falchuk und Murphy auf ihre Kritiker reagieren wie ein Kleinkind auf seine Mutter, die ihm gerade etwas verboten hat. Sie rufen ihnen in beinahe jeder Einstellung „Jetzt erst recht!“ entgegen, um ihr Versprechen dann mit wildem Furor einzulösen. Ich würde ihnen aber gar nicht vorwerfen, dass sie das alles nur aus Trotz machen - ich glaube ihnen, dass sie all das wirklich wahnsinnig toll finden. In einigen Szenen kann man sogar regelrecht spüren, dass sie jetzt gerne bei HBO wären, um noch mehr Blut, vor allem aber noch mehr nackte Haut zeigen zu können.

Sarah Paulson; die neue Grande Dame von %26bdquo;American Horror Story%26ldquo; © FX
Sarah Paulson; die neue Grande Dame von %26bdquo;American Horror Story%26ldquo; © FX

Weil bisher noch keine Übertragung des Kampfbegriffs 'post-plot cinema' auf den Serienmarkt stattgefunden hat, könnte diese neue Staffel von American Horror Story dafür sorgen, dass der Funke bald überspringt. Zugegebenermaßen ist es nach der ersten Episode zu früh, ein Urteil zu fällen, weshalb ich mich zunächst an einer Aufflechtung des Plots probieren will.

This is a no-tell hotel

Zu Beginn checken im Hotel Cortez mehrere Figuren ein, deren Schicksal bald besiegelt sein wird. Nachdem zwei schwedische Touristinnen ein Monster in ihrer Matratze gefunden haben, bekommen sie Besuch von zwei unheimlichen Kindern (Hallo, „The Shining“), woraufhin sie in neonröhrenbehängten Stahlkäfigen aufwachen und erfahren, dass Hotelmanagerin Kathy Bates plant, ihre Körper zu reinigen, um sie der Königin des Hotels, Countess Elizabeth (Lady Gaga), zum Fraß vorwerfen zu können. Weil eine von beiden mit Unterstützung eines weiteren Hoteldauergasts, Hypodermic Sally (Sarah Paulson), entkommt, sieht sich die Gräfin genötigt, selbst einzuschreiten. Ihre Angestellte (Untergebene? Sklavin?) bedenkt sie hernach maximal unterkühlt: „This can never happen again.

Zwischenzeitlich ist Elizabeth damit beschäftigt, in Begleitung von Donovan (Matt Bomer) auf Menschenjagd zu gehen. Gemeinsam ködern sie ein Pärchen mit der Aussicht auf Gruppensex, der dann auch stattfindet, für das Pärchen aber tödlich endet. Eine Rückblende ins Jahr 1994 erhellt die Beziehungen der bisher Porträtierten: Die Hotelmanagerin ist die Mutter von Donovan, der damals mit Sally im Hotel ankam, um sich eine Dosis Heroin zu spritzen. Die Mutter wollte das verhindern, kam aber zu spät. Daraufhin stieß sie Sally aus dem Fenster und konnte gleichzeitig bezeugen, wie Elizabeth ihren Sohn ins Leben zurückholte. Offensichtlich verfügt die Countess über die Macht, Tote wiederauferstehen zu lassen.

Seitdem treiben sie alle im Hotel ihr Unwesen, immer auf der Suche nach neuen Opfern, neuer Abwechslung, neuen grausamen Foltermethoden. Behilflich ist ihnen dabei eine ganze Reihe skurriler Figuren. Zu ihnen gehören die Hotelangestellte Liz Taylor (Denis O'Hare), die eigentlich ein Mann ist, und ein furchtbares Ungetüm mit ekelerregend aufgequollener weißer Haut, dafür ohne Augen und Mund. Auf Sallys Geheiß vergewaltigt es einen Junkie (Max Greenfield) mit einem Dildo, der wie ein Bohraufsatz geformt ist. Unter allen exaltierten Ausschweifungen ging mir diese gehörig gegen den Strich, weil Murphy und Falchuk zu wenig Sensibilität für Opfer von Vergewaltigungen offenbaren und das Thema banalisieren.

John Lowe (Wes Bentley) zieht ins Hotel ein. © FX
John Lowe (Wes Bentley) zieht ins Hotel ein. © FX

Schließlich kommt Will Drake (Cheyenne Jackson) im Hotel an, der neue Besitzer, von dem die Angestellten nichts wussten. Er macht kein Geheimnis aus seinen Plänen, das Hotel zu revitalisieren (sprich gentrifizieren). Elizabeth kennt ihn jedoch und kümmert sich um seinen Sohn Lachlan (Lyric Angel - wirklich???), während er eine Führung bekommt. Sie zeigt dem Kleinen das Spielzimmer, das - ganz ähnlich wie Dandy Motts Spielzimmer aus der letzten Staffel - als Alptraum aus Bonbonfarben und Weiß gestaltet ist. Dort trifft Lachlan auf Holden (Lennon Henry), den seit Jahren vermissten Sohn von Mordermittler John Lowe (Wes Bentley).

You lost something, and now you're frozen in time

Der jüngste Eintrag im white-man-lookalike-contest versucht seit dem Verlust seines Sohnes auf einem Karussell in Santa Monica mit wachsender Verzweiflung, ein normales Familienleben zu führen. Weil seine Ehefrau Alex (Chloe Sevigny) aber jedes Mal den gemeinsamen Sohn sieht, wenn sie in sein Gesicht schaut, entschließt er sich, für einige Zeit ins Cortez zu ziehen, weil er dort zuvor eine Chimäre von Holden erkannt zu haben glaubt. Die Eagles liefern mit ihrem abgedroschenen, aber doch wunderbar passenden Song „Hotel California“ das Motto für ihn und alle anderen Gäste: „You can check out any time you like, but you can never leave.

Zusätzlich zu all den Verwicklungen im Hotel treibt außerhalb ein Serienmörder sein Unwesen, der John ins Visier nimmt. Die Zurichtung seiner ersten Opfer lassen schon einmal anklingen, wo es in Sachen Brutalität in dieser Staffel hingehen wird. Während des Sexakts wurden dem männlichen Opfer, das noch lebt, Zunge und Augen herausgetrennt, während das weibliche Opfer mit einem Speer aufgespießt wurde. Später ereilt ein schwules Pärchen ein ähnlich grausames Schicksal: Die Partner hängen von den Balken ihrer Himmelbetten, während ihre inneren Organe herausbaumeln. Entdeckt wird die grausame Szenerie von Johns Tochter Scarlett (Shree Crooks).

Diese Szenen sind es jedoch nicht, die mir den größten Schrecken einjagten. In vergangenen Staffeln habe ich mich stets auch darüber ausgelassen, wie schwach das Horrorelement in dieser Horrorgeschichte ausgearbeitet ist. Hier kehrt es jedoch - zumindest in Ansätzen - wieder zurück. Ich kann mich jedenfalls an nur wenige Episoden der Serie erinneren, die mir mehr Angst eingejagt hätten. Und dafür sind weder viel Blut noch besonders brutale Tableaus nötig, sondern eigentlich nur eine dunkle Ecke oder ein schwach beleuchteter Gang in Kombination mit nervenzerreißender musikalischer Untermalung.

All das liefert Checking In - wenn auch für meinen Geschmack noch nicht in ausreichenden Dosen. Das Beste an American Horror Story bleiben das wunderschöne Setdesign, die ebenso wunderschönen Kostüme und die vielen fantasievollen Kameraeinstellungen. Ebensowenig hat sich das geändert, was die Serie nie wirklich gut konnte - eine kohärente Geschichte erzählen. Auch der Verlust von Jessica Lange macht sich bemerkbar. Lady Gaga gibt zwar in einer Rolle, die wohl Lange zugefallen wäre, ihr Bestes, erreicht jedoch nicht ansatzweise die schauspielerische Grandezza der First Lady of AHS. Nichtsdestotrotz freue ich mich - vielleicht ein bisschen zu naiv - auf das, was da noch kommen mag.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 8. Oktober 2015

American Horror Story 5x01 Trailer

Episode
Staffel 5, Episode 1
(American Horror Story 5x01)
Deutscher Titel der Episode
Willkommen im Cortez
Titel der Episode im Original
Checking In
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 7. Oktober 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 25. November 2015
Autoren
Ryan Murphy, Brad Falchuk
Regisseur
Ryan Murphy

Schauspieler in der Episode American Horror Story 5x01

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