American Horror Story 5x02

American Horror Story 5x02

Die American Horror Story-Episode Chutes and Ladders wirft nur eine interessante Frage auf: Wieso braucht es beinahe die doppelte Länge einer herkömmlichen Folge, um diese Geschichte zu erzählen? Die Fortschritte hinsichtlich Plotentwicklung und Charakterarbeit bleiben minimal.

Evan Peters spielt den mordlustigen Erbauer von Hotel Cortez, James Patrick March. / (c) FX
Evan Peters spielt den mordlustigen Erbauer von Hotel Cortez, James Patrick March. / (c) FX

Es ist jedes Jahr das Gleiche mit der FX-Horrordramedy American Horror Story - und langsam fühle ich mich wie Bart Simpson im Experiment seiner Schwester Lisa, die herausfinden will, ob ihr Bruder dümmer ist als ein Hamster. Mittlerweile steht es dabei „AHS“: 5, Axel: 0. Auch in diesem Jahr konnte ich der Auftaktepisode einer neuen Staffel viel abgewinnen, wobei ich mir durchaus bewusst war, wo Gefahren lauern könnten - was mich aber letztendlich nicht davon abhielt, mir erneut Hoffnungen zu machen.

You will never find peace

Und so muss ich bereits nach Sichtung der zweiten Episode der fünften Staffel ernüchtert konstatieren, dass ich mir einmal mehr völlig umsonst vorgegaukelt habe, mit dem Storytelling von Serienschöpfer Ryan Murphy warmwerden zu können. Ich weiß jetzt, dass ich wenigstens eine Andeutung des Kreativteams brauche, welche Geschichte sie mir wie erzählen wollen. Ich weiß jetzt, dass ich schon zu Beginn einer neuen Staffel erkennen können muss, ob es Figuren gibt, bei denen es sich lohnt, mitzufiebern. Ich weiß jetzt, dass eine ausgefallene Kameraführung, großartiges Setdesign und verführerische Kostüme nicht genug sind, um eine interessante Geschichte zu formen.

Die Geschichte muss auch leben, sie muss atmen, sie darf nicht an jeder Ecke von einem weiteren, noch größeren, ekligeren, wirkmächtigeren Schockmoment zu einer Vollbremsung gezwungen werden. In der Episode Chutes and Ladders, die eine Laufzeit von hirnrissigen 70 Minuten hat, passiert jedoch all das. Dabei stößt mir besonders übel auf, wie salopp Murphy und Konsorten mit sexueller Gewalt - überhaupt mit Gewalt - umgehen. Schon im Auftakt gab es eine furchtbare Szene, in der Max Greenfield als Junkie von einem Monster im Gummianzug mit einem Bohraufsatz vergewaltigt wurde.

Für die Geschichte hat diese Szene - wie der Beginn der neuen Episode bestätigt - keinerlei Mehrwert. Sie diente einzig dem shock value - der letzten verbliebenen Währung, mit der Murphy glaubt, Aufmerksamkeit erregen zu können. Dass er und sein Produktionsteam so denken, lässt sich unschwer an der neuen Episode ablesen, in der eine solcher belangloser, bizarr blutrünstiger Szenen an die nächste gereiht wird. Die meisten davon spielen sich in der Rückblende ab, in der Hotelerbauer James Patrick March (Evan Peters) vorgestellt wird, der seinen Tempel als gigantisches, perfektes Alibi für seine mörderischen Umtriebe konzipierte.

Countess Elizabeth (Lady Gaga) verabschiedet ihren bisherigen Lover Donovan (Matt Bomer). © FX
Countess Elizabeth (Lady Gaga) verabschiedet ihren bisherigen Lover Donovan (Matt Bomer). © FX

Es gibt eine Szene, in der March sein Opfer vergewaltigt, während er es aufschlitzt. Es gibt eine, in der er sich über den Gottesglauben seines nächsten Opfers lustig macht, bevor er es mit einem Hammer erschlägt und über einen Schacht in den Keller des Hotels befördert. Bevor er sich der Verhaftung durch die Polizei entzieht, indem er sich und seine treue Haushälterin Miss Evers (Mare Winningham) umbringt, macht er den Versuch, eines seiner jüngsten, gesichtslosen Opfer in der Badewanne in Säure aufzulösen.

Don't fall in love

Und dann gibt es die Szene in der gegenwärtigen Handlung, in der ein wiederauferstandener (oder als Geist durchs Hotel spukender?) March vor den Augen des schwer drogenabhängigen Models Tristan (Finn Wittrock) sein nächstes Opfer, das hilflos und gefesselt um ihr Leben winselt, einfach erschießt. Diese uninteressante, weil konturenlose Figur spiegelt wie keine zweite vor ihr das eiserne Mantra der Serie wider: Weil die Erzähler nicht fähig sind, interessante Geschichten mit vielschichtigen Figuren zu entwerfen, machen sie immer wieder das Gleiche - und versuchen dabei, sich in ihrer abstrusen Widerwärtigkeit selbst zu übertreffen.

Ähnlich geht es im Handlungsbogen um die inoffizielle Gräfin des Hotels, Lady Gaga, zu. Am Ende feiert sie mit ihrem neuen toyboy Tristan das gleiche spektakuläre Opferfest, das sie in der letzten Episode mit Donovan (Matt Bomer) feierte. Dazwischen entledigt sie sich dem Alten und widmet sich dem Neuen. Warum das geschieht, erfahren wir nicht - es passiert einfach. Wir bekommen dafür zwar eine Erklärung - Donovan hat sich in Elizabeth verliebt und damit die Kardinalregel gebrochen -, warum es diese Regel aber gibt und wofür sie gut sein soll, bleibt ein Geheimnis.

Die im Vergleich zur Auftaktepisode verbesserte Gaga liefert weitere expositorische Details. Demnach sei Tristan nun ein niemals alternder Vampir, der lediglich „smart“ sein müsse, um das ewige Leben genießen zu können. Darüber hinaus gibt sie persönliche Details preis: Im Jahre 1904 geboren, habe sie bisher am liebsten in den 70er Jahren gelebt, weil damals „wir alle“ Vampire gewesen seien - was auch immer das zu bedeuten hat. Im gleichen Gespräch - vielleicht eher: Lektion - ist sich Elizabeth nicht zu schade, gepflegtes namedropping zu betreiben: Andy (Warhol), Keith (Haring) und Robert (Mapplethorpe) seien ihre Lieblingsmenschen gewesen. Wenn hier Murphy seinen Star nicht als Sprachrohr der eigenen Gefühle nutzt, wäre das die Überraschung des Jahrtausends.

Diese Aufnahme ist sinnbildlich für die ganze Serie: Viel Schauwert; wenig dahinter. © FX
Diese Aufnahme ist sinnbildlich für die ganze Serie: Viel Schauwert; wenig dahinter. © FX

Diese beiden Handlungsbögen laufen also dank fehlenden dramaturgischen Kitts ins Leere - bleibt folglich nur noch die Story um Mordermittler Lowe (Wes Bentley), der am Ende der letzten Episode ins Cortez eingezogen ist. Weil sich Autor Tim Minear nicht zu schade ist, hier einen konventionellen Plotfortschritt zumindest anzudeuten, wird daraus schnell der interessanteste Erzählstrang. Zunächst muss sich John aber durch eine Party inklusive Modenschau quälen, zu der auch Naomi Campbell (Wow, Stuntcasting - gäääähn) als Vogue-Autorin Claudia Bankson eingeladen ist.

I can't afford to get lost

Seine Tochter Scarlett (Shree Crooks) darf ihn auf die Party begleiten, wo sie dank des Sohnes von Hotelbesitzer Drake (Cheyenne Jackson) die Schlafplätze der kleinen Nachwuchsvampire findet, die tagsüber an den von Hotelmanagerin Iris (Kathy Bates) bereitgestellten Opfern saugen, um sich später Blut für Countess Elizabeth abnehmen zu lassen. Als sie einen Tag später auf eigene Faust ins Hotel zurückkehrt, trifft sie ihren für verschwunden gehaltenen Bruder Holden (Lennon Henry) an, bevor sie von Sally (Sarah Paulson) aus dem Hotel erschrocken wird.

Daheim stößt sie auf taube Ohren - Vater John ist damit beschäftigt, die Verbindungen zwischen den jüngsten Mordfällen und welchen von vor knapp einem Jahrhundert herzustellen, während Mutter Alex (Chloe Sevigny) nichts hören will, was ihren fragilen Geistestzustand in erneutes Chaos stürzen könnte. Letztgenannte darf zuvor noch allen Impfgegnern dieser Welt die Meinung von Ryan Murphy und Konsorten um die Ohren hauen, was ich sehr begrüße, aber durchaus etwas eleganter hätte verpackt werden dürfen. Selbiges gilt übrigens für Murphys Ansichten zu organisierter Religion: Obwohl wir dabei wohl ähnlich ticken, hilft es nicht besonders, die Vertreter einer gegenteiligen Auffassung auf möglichst herablassende Weise zu brüskieren.

Nach dieser Episode weiß ich nicht wirklich, wie ich mit den restlichen Episoden der fünften Staffel verfahren soll. Früher als bei „Freak Show“ oder „Coven“ ist mir klar, dass ich an dieser Art des Storytellings keinen Gefallen, ja sogar Anstoß finden werde. Für Fans des Formats ergibt es also wenig Sinn, meine Reviews zu lesen, die fortan einen ähnlichen Einschlag wie diese hier haben dürften - vorausgesetzt, es passiert dramaturgisch nichts drastisch Unvorhergesehenes. Vielleicht übernehme ich das Modell meiner Kollegin Loryn, die Scream Queens - eine weitere Ryan-Murphy-Dramedy - begleitet, indem sie wöchentlich die „Schreilights“ jeder neuen Episode auflistet. Wir werden es sehen.

Trailer zu Episode 5x03: 'Mommy'

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 15. Oktober 2015
Episode
Staffel 5, Episode 2
(American Horror Story 5x02)
Deutscher Titel der Episode
Geheime Rutschen, endlose Treppen
Titel der Episode im Original
Chutes and Ladders
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 14. Oktober 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 2. Dezember 2015
Autor
Tim Minear
Regisseur
Bradley Buecker

Schauspieler in der Episode American Horror Story 5x02

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