American Horror Story 4x02

American Horror Story 4x02

Massacres and Matinees schafft es besser als die Auftaktepisode, die Fallhöhe einzelner Figuren zu etablieren. Neue Charaktere und die herausragende Kameraarbeit bringen Schwung in die Geschichte. Die American Horror Story verbreitet wieder mehr Schrecken.

Kurz nach seiner Ankunft reißt Dell Toledo (Michael Chiklis) die Macht im Freakcamp an sich. / (c) FX
Kurz nach seiner Ankunft reißt Dell Toledo (Michael Chiklis) die Macht im Freakcamp an sich. / (c) FX

Die FX-Horrorserie American Horror Story ist zwar als Anthologieformat konzipiert, erzählte in den bisherigen Staffeln aber ähnliche Geschichten. Darin ging es meistens um eine Familie (oder das soziale Äquivalent einer Familie), in der Machtkämpfe ausgefochten wurden und deren Mitglieder irgendwann aufeinander losgingen. Hinzu kam immer auch eine Bedrohung von außen, die aber nicht so gefährlich war wie der Feind, der innerhalb des eigenen Verbundes wütete.

He's not tough. He's just weird.

In der neuen Staffel, „Freak Show“, zeigt der dramaturgische Kompass in ebendiese Richtung, was mit den beiden Neuankömmlingen Dell Toledo (Michael Chiklis) und Desiree Dupree (Angela Bassett) nur verstärkt wird. Im Lager ergeben sich dadurch deutliche Konfliktlinien. Wenige Stunden, nachdem Elsa (Jessica Lange) den um einen Job bettelnden Dell angestellt hat, bereut sie diese Entscheidung schon wieder. Schneller als erwartet hat er nämlich die Regie an sich gerissen. Offiziell ist er zwar nur als Sicherheitsbediensteter beschäftigt. Das hindert ihn aber nicht daran, sogleich den buchstäblichen starken Mann zu markieren.

Er und Desiree, die sowohl mit drei Brüsten als auch mit weiblichem und männlichem Geschlechtsorgan gesegnet ist, mussten ihr letztes Engagement in Chicago verlassen, weil Dell dort einen Typen umbrachte, den seine Frau gerade von seiner Homosexualität heilen wollte. Es wird angedeutet, dass Dell der Vater von Jimmy (Evan Peters) sein könnte. Jedenfalls kennt er dessen Mutter Ethel (Kathy Bates) von früher - eine Rückblende verrät gar, dass er Jimmy als Baby einst umbringen wollte.

Für den Umgang der Freaks mit der Öffentlichkeit haben der damals beinahe Gelynchte und sein Häscher völlig unterschiedliche Vorstellungen. Jimmy möchte der Welt zeigen, dass Freaks auch nur Menschen sind und lädt seine Kollegen zu diesem Zweck in ein Diner ein, wo sie - oh Wunder! - zunächst begafft und schließlich zum Gehen aufgefordert werden. Dell kommt den aufgebrachten Dinerangestellten aber zuvor und prügelt Jimmy im wahrsten Sinne des Wortes ein, wo sein Platz in der Gesellschaft ist. Die Szene im Diner verdeutlicht wunderbar den Konflikt, der bei Jimmy höchste Priorität genießt. Da ist es gar nicht nötig, Jimmy auch noch ständig aussprechen zu lassen, wie sehr er sich ein normales Leben wünscht. Wir verstehen das auch so.

Elsa (Jessica Lange) sieht ihre Felle davonschwimmen. © FX
Elsa (Jessica Lange) sieht ihre Felle davonschwimmen. © FX

Am Ende der Episode kommt der kürzlich etablierte Konflikt zwischen Dell und Jimmy zu einem ersten gewalttätigen Höhepunkt. Um sich Dell zu entledigen, versteckt Jimmy die Polizeimarke des von ihm ermordeten Ermittlers in Dells Wohnwagen. Der ist jedoch gerissen genug, die Machenschaft zu durchschauen. Rechtzeitig deponiert er die Marke beim hilflosen Tierkopfbeißer Meep. Am nächsten Morgen, als die von Jimmy anonym alarmierte Polizei mit Durchsuchungsbefehl ankommt, kann sich Dell sicher sein, dass er nicht ins Gefängnis wandern muss. Wenig überraschend trifft es Meep, der - wie Jimmy prognostiziert - seine erste Nacht in einer Sammelzelle nicht überlebt.

She made you feel like Scheiße

Für Elsa, Jimmy und Ethel erweist sich Dell als handfestes Problem. Erschwerend kommt hinzu, dass seine Methoden blitzartigen Erfolg zeitigen. Konnte die Truppe bei der letzten Vorstellung lediglich zwei Besucher (Familie Mott) zählen, ist das Zelt nach Dells Werbeaktion und der ausgangssperrebedingten Verlegung auf den Mittag beinahe voll. Außerdem begeistert Dot (Sarah Paulson) die Zuschauer mit ihrem Gesang so sehr, dass sie sich spontan vor der Bühne zum Pogen versammeln. Zweite Episode, zweite Musicaleinlage - erkennen wir da ein Muster? (Neben Boardwalk Empire ist „AHS“ übrigens schon die zweite Serie, die in dieser Woche eine Variation von „Dream a Little Dream of Me“ darbietet.)

Eigentlich hatte sich Dots siamesischer Zwilling Bette (Sarah Paulson) ja erhofft, nach der Aufnahme in die Freak Show nun endlich die erträumte Gesangskarriere zu starten. Doch ihr dünnes Stimmchen kommt gegen den reichen Sopran ihrer Zwillingsschwester nicht an. Bettes Eifersucht weiß die gleichermaßen eifersüchtige Elsa sofort für sich zu nutzen. Sie schleicht sich nachts ans Bett des schlafenden Zwillings, weckt Bette, drückt ihr ein Messer in die Hand und schwört sie darauf ein, sich nicht von ihrer Schwester aufhalten zu lassen. In der Auftaktepisode haben wir ja erfahren, dass in der Brust des Zwillings zwei Herzen schlagen. Vielleicht ist es also tatsächlich möglich, dass Bette weiterlebt, nachdem sie Dot erstochen hat.

Das ist aber momentan noch reine Spekulation. Sehr real ist hingegen der nächste Auftritt von Twisty, dem Clown (John Carroll Lynch). Er macht sich in einem Spielwarenladen auf die Jagd nach einem neuen Opfer. American Horror Story war schon immer eine Serie, die ihre Geschichte zu einem großen Teil über den Einsatz visueller Techniken erzählte. Im cold open dieser Episode wird das einmal mehr deutlich. Regisseur Alfonso Gomez-Rejon lässt seine Kamera einmal in einer kompletten 360-Grad-Drehung durch das Geschäft fahren, bevor der nichtsahnende Kaffeebote einen abgeschlagenen Kopf findet und kurze Zeit später von Twisty aufgespießt wird. Eine tolle Sequenz.

Dandy Mott (Finn Wittrock) - Killerclown in spe © FX
Dandy Mott (Finn Wittrock) - Killerclown in spe © FX

Ebenso gelungen fängt Gomez-Rejon die Dinnerszene bei Familie Mott ein. Der schwer gelangweilte Dandy (Finn Wittrock) will seiner Mutter Gloria (Frances Conroy) die Erlaubnis abringen, dem Freakzirkus beitreten zu dürfen. Als sie diese verweigert, stürmt er beleidigt davon. Das Esszimmer der Motts hat den eigentümlichen Charme eines verarmenden Landadels, der noch nicht begriffen hat, dass seine größte Zeit bereits hinter ihm liegt. Die Möbel sind abgewohnt, die Vorhänge wurden lange nicht mehr gewaschen, alles scheint von einem leichten Schmutzfilm überzogen.

I hate this house, I hate my life, I hate you, mother

Trotzdem genehmigt sich die Familie (die wohl von einem großen Erbe lebt) den Luxus einer Hausdame, Nora (niemand Geringeres als die Soulsängerin Patti LaBelle). Bei seiner Anfrage im Zirkus bekommt Dandy schließlich eine eindeutige Absage von Jimmy - ganz einfach, weil er keinerlei Freakqualitäten vorzuweisen hat. Ihm bleibt also nichts anderes übrig, als frustriert ins mütterliche Nest zurückzukehren.

Dort erwartet ihn jedoch eine Überraschung: Gloria hat den unbehelligt auf der Straße umherwandernden Twisty aufgegabelt und führt ihn nun ihrem Sohn vor. Die beiden verbringen eines der gruseligsten play dates aller Zeiten miteinander, das abrupt endet, als Twisty entscheidet, dass er Dandy lieber niederschlagen will, als ihn in seinen Sachen wühlen zu lassen. Dandy gibt sich damit jedoch nicht zufrieden und verfolgt den Clown zu seinem Versteck, wo er immer noch seine beiden Geiseln gefangen hält. Die proben zunächst den Ausbruch, unter Dandys Mithilfe gelingt es aber, sie wieder einzufangen. Die beiden dürften ein erfolgreiches Killerpärchen abgeben.

Echten Schrecken verbreitet American Horror Story in seiner vierten Staffel zwar immer noch nicht. Massacres and Matinees macht aber trotzdem einen Schritt in die richtige Richtung, was vor allem an der ausgezeichneten Regie liegt. Gomez-Rejon erlaubt seiner Kamera viele kleine Spielereien, die von der knalligen Kulisse und den vielen bunten Farben ergänzt werden - ein wohltuender Kontrapunkt zum kühlen Look der dritten Staffel. Eine ebenso eindeutige Änderung zu „Coven“ ist das deutlich verlangsamte Erzähltempo, das den Figuren mehr Zeit zur Entfaltung einräumt. Manch ein Monolog Elsas und Jimmys dürfte derweil meinetwegen gern geopfert werden. Mittlerweile wissen wir, wie die beiden ticken. „Show, don't tell“, Ryan Murphy, „show, don't tell.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 16. Oktober 2014
Episode
Staffel 4, Episode 2
(American Horror Story 4x02)
Deutscher Titel der Episode
Massaker und Matineen
Titel der Episode im Original
Massacres and Matinees
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 15. Oktober 2014 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 3. Dezember 2014
Autor
Tim Minear
Regisseur
Alfonso Gomez-Rejon

Schauspieler in der Episode American Horror Story 4x02

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