American Horror Story 2x12

Die Geschichte der neuen Episode Continuum von American Horror Story spannt sich über mehrere Jahre, die zu den bedeutendsten und ereignisreichsten in der jüngeren amerikanischen Geschichte gehören. Parallel zu den Geschehnissen rund um die Bürgerrechtsbewegung, die Ermordung ihres charismatischen Anführers Martin Luther King und dem Aufkommen der Flower-Power-Bewegung wird das Schicksal der ehemaligen und weiterhin dort versauernden Insassen von Briarcliff weitererzählt.
All Happy Families
Das Foto einer für damalige Verhältnisse gesellschaftlich vollkommen inakzeptablen Patchwork-Ménage-à-trois eröffnet die Episode zwei Jahre nach den jüngsten Ereignissen. Darauf ist die glückliche, wenn auch ungewöhnliche Familie Walker zu sehen. Ungewöhnlich deshalb, weil dazu neben Familienoberhaupt Kit (Evan Peters) auch die beiden Mütter Grace (Lizzie Brocheré) und Alma (Britne Oldford) mit ihren Kindern gehören.
Durch die scheinbare Familienidylle verläuft jedoch ein tiefer Riss. Alma und Grace können sich weder über die richtige Erziehung ihrer Kinder noch über den korrekten Umgang mit ihren Begegnungen der dritten Art einigen. Während Grace den Aufenthalt bei den Außerirdischen wie ein religiöses Erweckungserlebnis behandelt, möchte Alma mit den für sie grausamen Ereignissen abschließen und diese am liebsten vergessen.
Hier prallen zwei Welten aufeinander, die der eine oder andere Zuschauer sicher aus seiner eigenen Familiengeschichte kennt. Dabei lässt sich oftmals beobachten, dass die Zurückgekehrten aus dem Zweiten Weltkrieg, die ihre Erfahrungen mit ihrer nächsten Umgebung teilen, erfolgreicher beim Bewältigen der Erinnerungen sind als diejenigen, die sie zu vergessen versuchen.
Grace möchte ihre Kinder langsam an die schier unglaubliche Geschichte heranführen und ist sich sicher, dass die Außerirdischen sie eines Tages erneut besuchen werden. Alma hingegen blockt alle Versuche von Grace und Kit ab, sie zu irgendeiner Form von Vergangenheitsbewältigung zu bewegen.
Der in der Bürgerrechtsbewegung aktive Kit hat zudem mit Anfeindungen aus der Nachbarschaft zu kämpfen. Die Ewiggestrigen gehen sogar so weit, einen Mordanschlag auf die Familie zu verüben. Verzweifelt versucht er, zwischen der schreckhaften Alma und der lebenslustigen Grace zu vermitteln. Seine Versuche sollen nicht von Erfolg gekrönt sein. Das Familienprojekt endet bald darauf im denkbar schlimmsten Desaster.
An der Stelle muss zum ersten Mal die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieses Erzählstrangs gestellt werden. Eine solche von Alma verübte Bluttat bedarf eines langen psychologischen Niedergangs, der der kurzen Vorerzählung keinesfalls zu entnehmen war, geschweige denn zu ihrer porträtierten Persönlichkeit passt. Möglicherweise wussten sich die Autoren nicht anders zu helfen, als sich dieses etwas mühsame Erzählkonstrukt auszudenken, um die Handlung wieder nach Briarcliff verlegen zu können. Ihr dramaturgisches Pulver scheinen sie jedenfalls vor dieser Episode schon beinahe vollständig verschossen zu haben.
You wanna get through Peppermintstick Forest, you gotta go through me
In Briarcliff ist Jude (Jessica Lange) offensichtlich aus ihrem Kerker entlassen worden. Im Aufenthaltsraum spielt sie für ihre Verhältnisse ungewohnt enthusiastisch mit anderen Insassen ein Brettspiel: „I'm the queen of Candy Land“. Als der Monsignore (Joseph Fiennes) sie aufsucht, findet der Zuschauer heraus, dass sie gezwungen wurde, einen anderen Namen anzunehmen (Betty Drake), um ihrem Verlies zu entfliehen und wenigstens die rudimentärsten Menschenrechte gestattet zu bekommen. Howard verspricht ihr jedenfalls, sie aus Briarcliff herauszuholen. Er habe die Institution dem Staat gespendet, woraufhin er zum Kardinal von New York ernannt worden sei. Aus Briarcliff werde eine Auffanganstalt für psychopathische Verbrecher gemacht. Seinen Worten schenkt sie jedoch wenig Glauben.
Ihre Skepsis ist nur allzu verständlich, schließlich hatte ihr zuvor Lana Winters (Sarah Paulson) etwas Ähnliches versprochen. Die ist mittlerweile zu einer berühmten Schriftstellerin und Autorin aufgestiegen und hat sich die dazugehörigen Starallüren, inklusive eines großspurigen Vergleichs ihrer selbst mit Truman Capote, angeeignet. Kit und die Geister aus ihrer Vergangenheit suchen sie jedoch regelmäßig heim und erinnern sie daran, was aus ihrem angeblichen Sachbuch über ihre Erlebnisse mit Bloody Face alles frei erfunden ist. Sie verteidigt sich mit dem Hinweis darauf, dass sie nach all dem von ihr Durchgemachten ein Recht auf ein komfortables Leben habe.
40 Jahre später wird der kinderlos gebliebenen Lana jedoch ein Besuch aus ihrer dunklen Vergangenheit blühen. Johnny aka Bloody Face junior (Dylan McDermott) befindet sich auf der fieberhaften Suche nach seiner Mutter und verkündet jedem, der (gezwungenermaßen) zuhört, dass er sie umbringen wolle, um das Werk seines Vaters Oliver Thredson (Zachary Quinto) zu beenden.
Jude scheint derweil an einer Art Amnesie zu leiden. Offensichtlich kann sie sich an keinerlei Ereignisse der vergangenen zweieinhalb Jahre erinnern. Zudem erscheint ihr wiederum der Todesengel (Frances Conroy) in Form einer neuen Zellengenossin. Hier stiften die Autoren zunehmende Verwirrung beim Zuschauer: Was wahr ist und was nicht, lässt sich kaum eindeutig feststellen. Ihnen gelingt so ein kurzer und zum Nachdenken anregender Ausflug in die Abgründe des menschlichen Verstandes.
Fazit
Die neuen (und alten, weil in der Form schon einmal dagewesenen) Geschichten aus Briarcliff und Umgebung hinterlassen einen irritierenden Beigeschmack der Ziellosigkeit. Scheinbar haben die Autoren im Gemenge aus übernatürlichen Kräften, Religion, Psychologie, menschlicher Barbarei und historisierender Erzählung den roten Faden verloren. Der neue Handlungsbogen und die Konflikte rund um Kit und seine Patchworkfamilie wirken doch sehr konstruiert und bemüht.
In der Geschichte um Jude schaffen die Autoren wiederum ein spannendes, weil äußerst verwirrendes Kontrastprogramm. Jude durchläuft in der Episode sämtliche Gemütslagen, bis gegen Ende sämtliche Hoffnung aus ihr gefahren zu sein scheinen und sie bereit dazu erscheint, sich ihrem Schicksal in Briarcliff hinzugeben.
Aus Lana haben die Autoren kurzerhand einen veritablen Kotzbrocken gemacht. Von ihren investigativen Ambitionen zu Beginn der zweiten Staffel ist wenig bis nichts übriggeblieben. Als es so scheint, als könnten die ihr erscheinenden Geister und Kit sie zu einem Umdenken inspirieren, kommentiert sie Kits Einwürfe lapidar mit: „People change.“
Menschen ändern sich, Geschichten ändern sich, doch die Vorgehensweise der Macher von American Horror Story scheint gleichzubleiben. Statt die Hauptcharaktere bis zur letzten Episode leben und dann in einer finalen Gewaltorgie aufeinander losgehen zu lassen, wird einer nach dem anderen aus der Serie geschrieben. Einzelne Charaktere sterben sogar zweimal, wie die aktuelle Episode bewiesen hat. Diese redundante Erzählweise löst beim Zuschauer nicht unbedingt Hochgefühle aus. „Been there, seen that“: kein schmeichelhaftes Urteil für eine vorletzte Staffelepisode. Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 22. Januar 2013(American Horror Story 2x12)
Schauspieler in der Episode American Horror Story 2x12
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