American Horror Story 2x10

In der Episode The Name Game greifen die Autoren und Produzenten von American Horror Story tief in die kreative Trickkiste. Neben einer geschickt platzierten Musicaleinlage bietet die neue Episode diverse Ausflüge in medizinischen Fachjargon und mehrere durchaus überraschende Entwicklungen. Außerdem werden alte Allianzen revitalisiert.
Die vom Teufel besessene neue Oberschwester Mary Eunice (Lily Rabe) spielt dabei in nahezu allen Handlungssträngen eine zentrale Rolle. Wie es scheint, steigen ihre übernatürlichen Kräfte ihr langsam zu Kopf und lassen sie blind für jegliche Gefahren werden. Mit ihrer manisch-lasziven Verhaltensweise schafft sie es, beinahe alle Charaktere gegen sich aufzubringen.
Den nach dem Ende der letzten Episode totgeglaubten Monsignore Timothy Howard (Joseph Fiennes) hegt und pflegt sie zuerst, bevor sie ihm in einer unvorhergesehenen Machtdemonstration klarmacht, für wie unantastbar sie sich hält. Vorher schickt sie die Neuinsassin Jude (Jessica Lange) zur Elektroschocktherapie und erhöht dabei selbst die maximale Dosis um einige Prozentpunkte. Diese rächt sich auf ihre Art, indem sie es trotz vorheriger Folter schafft, dem Monsignore einen letzten wertvollen Ratschlag zu geben.
Finita la comedia
Bevor die Ereignisse rund um Eunice zu einem überraschenden Ende finden, darf ihr letzter Verbündeter Dr. Arden (James Cromwell) noch einige schaurige Auftritte absolvieren. Woher seine unbedingte Zuneigung zu der Besessenen auch stammen mag, er scheint mit diesen Gefühlen nicht mehr leben zu können oder zu wollen. Dabei dekonstruiert er vor Eunice - die ihn bei seinem echten Namen Hans nennt - sein sorgsam aufgebautes Image.
Nachdem er sie bei ihrem unheilvollen Aktvollzug mit dem Monsignore beobachtet hat, kapituliert er vor seinen Gefühlen für sie und entledigt sich seiner letzten Restwürde. Er zieht seine gesamte Profession in Zweifel, schickt die von ihm erschaffenen Waldmonster in die ewigen Jagdgründe und schafft es schließlich nicht, vor Eunice das ultimative Opfer zu bringen.
Als Howard am Ende der Episode seinen Feldzug gegen den Teufel zu Ende geführt hat, liefert er Arden gleichzeitig den finalen Grund zur Kapitulation. In einer äußerst gelungenen Einstellung fährt der dorthin, wo der Teufel zu Hause ist. Die Fronten scheinen also vorerst geklärt zu sein. Auf dem Stairway to Heaven (so heißt die schwindelerregende Wendeltreppe) findet einer der Hauptcharaktere sein Ende, in den lodernden Flammen des Verbrennungsofens der andere - geschickt verpackter Symbolismus, wohin man auch schaut.
Stairway to Heaven or Hell?
Das von Eunice hinterlassene Vermächtnis kann sich jedenfalls sehen lassen und unterscheidet sich außer etwas subtilerer Erniedrigungsmethoden gar nicht großartig von der Art und Weise, wie Jude Briarcliff regierte. Noch mehr als diese schuf sie jedoch eine Kultur der Angst, der Erniedrigung und des geistigen Terrors - sowohl gegenüber Insassen als auch Kollegen. Jude ist dabei ihr jüngstes Opfer, schafft es jedoch irgendwie, in entscheidenden Situationen auf ihren kümmerlichen Restverstand zurückzugreifen und den ihr Zuhörenden wichtige Hinweise zu geben.
Eine der Nutznießerinnen hiervon könnte Lana Winters (Sarah Paulson) werden. Nachdem es ihr und Kit Walker (Evan Peters) gelungen war, ihrem gemeinsamen Peiniger Dr. Oliver Thredson aka Bloody Face (Zachary Quinto) ein Geständnis über seine Gräueltaten zu entlocken, schlägt dieser zurück. Von der mehr als hilfsbereiten Eunice lässt er sich als Psychiater in Briarcliff anstellen, um direkten Zugriff auf Lana und Kit zu bekommen.
In diesem Erzählstrang werden auf leicht makabre Weise die ungeborenen Babys von Lana (von Thredson) und der zurückgekehrten Grace (Lizzie Brocheré, von Kit) als Erpressungsmittel eingesetzt. Thredson nutzt Kits Zuneigung zu Grace und seinem zwischenzeitlich geborenen Baby aus, damit dieser ihm das Versteck der Tonaufnahme, die sein Geständnis enthält, verrät. Doch Lana kommt ihm zuvor. Sie, die sein Kind in sich trägt und deshalb von ihm für unantastbar gehalten wird, hat zuvor das Band versteckt und ist die letzte verbliebene Hüterin seiner dunklen Doppelidentität.
Für Lana und Kit hat sich jedenfalls die in der ersten Episode (Welcome to Briarcliff) angekündigte Drohung, wonach niemand Briarcliff jemals lebend verlassen könne, bewahrheitet. Selbst die Toten scheinen in die Irrenanstalt zurückzukehren. Ob dies auch für die beiden jüngst verblichenen Charaktere gilt, bleibt abzuwarten. Wünschenswert wäre es allemal.
Fazit
Die Ereignisse in American Horror Story beginnen sich so langsam zu überlagern, teilweise wird es unübersichtlich, welche Allianzen Bestand haben, welche neu aufgerollt und welche über Bord geworfen werden. Dies macht einen Großteil der Faszination an der zweiten Staffel aus, denn am Ende bleibt nur eine Gewissheit: Kein Bündnis ist stark genug, um nicht irgendwann einmal gebrochen zu werden. Jeder ist sich selbst der Nächste und somit auf sich alleine gestellt.
Deshalb haben sich die Autoren wohl auch für den verfrühten Serientod zweier Hauptcharaktere entschieden. Für die Dramaturgie ist dies nicht unbedingt zuträglich, weil mit dem Ausscheiden der beiden zwei der übelsten Bösewichte verschwinden. Doch mit der Rückkehr von Grace und der Inkarnation des Teufels in Form von Eunice lassen sich die kreativen Köpfe ein Hintertürchen offen. Die letzten beiden Episoden dürften also mit der einen oder anderen überraschenden Wendung aufwarten.
Einige offene Fragen bleiben nämlich zum Zeitpunkt des vermeintlichen Ablebens der beiden Widerlinge ungeklärt. Worin liegt Eunices Motivation für ihre Schandtaten? Ist es die jahrelange Demütigung und sexuelle Deprivation oder verkörpert sie lediglich das reine Böse? Und woher kommt Ardens unbedingte Zuneigung zu ihr, die ihn letztlich in den Freitod treibt?
Die Subtilität ihrer Schreckensherrschaft wird in der aktuellen Episode durch das Aufstellen der Jukebox eindringlich aufgezeigt. Für die elektroschocktherapierte Jude sind die poppigen Klänge aus der Musikmaschine der blanke Horror. Durch die geschickt eingestreute Musicaleinlage wird dies eindeutig manifestiert. Als Zuschauer bekommt man so schnell Mitleid mit der ehemaligen Peinigerin.
Startete die Serie in ihrer zweiten Staffel noch mit einer gehörigen Portion Gore, so hat sich der Schwerpunkt mittlerweile auf ein etwas subtileres, auf die Psyche abzielendes Schreckensniveau verlagert. Eine Gewissheit bleibt bei dieser Entwicklung jedenfalls bestehen: Der Horror ist in Briarcliff zu Hause.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 3. Januar 2013(American Horror Story 2x10)
Schauspieler in der Episode American Horror Story 2x10
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