In The Flesh 2x06

Werden die Zombies - Entschuldigung, die am Partially Deceased Syndrome (PDS) Erkrankten - und die Überlebenden der Pale Wars nie Frieden finden können? Die zweite Staffel der britischen Serie In The Flesh bringt uns zurück ins englische Dorf Roarton, wo Diskriminierung und Kriegstraumata durch Politik und Religion nur noch schlimmer gemacht werden. Mittendrin unser Protagonist Kieren Walker (Luke Newberry), der doch eigentlich nur in Ruhe sein zweites Leben leben will. Leider haben einflussreiche Mächte große Dinge mit ihm vor.
Ein Absatz Hintergrund
Die erste Staffel von In The Flesh war nicht gerade ein Straßenfeger, daher eine kurze Reanimation des Plots: Die Serie spielt in Lancashire im Nordwesten Englands und beschreibt die Folgen einer Zombie-Apokalypse, die ausnahmsweise Mal die Lebenden gewonnen haben. Die bei The Rising vom Tode Auferstandenen sind mit Hilfe des Medikaments Nortriptyline wieder zu Verstand gekommen, müssen es aber regelmäßig einnehmen. Die Regierung versucht, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren, aber den Untoten wird eher mit Argwohn begegnet. Familien im ganzen Land kämpfen darum, mit der neuen Lage zurecht zu kommen. Kieren zum Beispiel beging damals Selbstmord, was die Rückkehr doppelt schwierig macht.
Nun könnte man nach dieser Beschreibung den Eindruck gewinnen, dass es in der Serie hauptsächlich um Zombies geht. Das wäre falsch, denn In The Flesh ist zuerst ein Beziehungsdrama. Die zwischenmenschlichen Konflikte hätten genauso gut durch eine andere Katastrophe, etwa einen Krieg, ausgelöst werden können. Die drei Folgen der ersten Staffel litten außerdem an den Figuren, die knallhart schwarz-weiß gezeichnet waren, und einer zum Teil schmerzhaften Holzhammer-Moral. Unser Review vor einem Jahr endete mit dem seltenen Wunsch nach einem US-Remake - schneller, größer, härter.
Bad Religion
Die gute Nachricht zuerst: Die Macher haben sich die Kritik zu Herzen genommen. Die erste der neuen sechs Folgen beginnt mit Action: Eine Gruppe PDS-Kranker springt in einer Straßenbahn auf, faselt einige religiöse Parolen -
„We are the first and the last. We are the living and the dead. Behold, we are alive for evermore.“
- zieht sich die Droge Blue Oblivion durch die Nase, was sie in ihren Zombie-Urzustand zurückversetzt, und massakriert dann die Fahrgäste. Auch die Rückblenden in der fünften Folge zu den wissenschaftlichen Versuchen, die an Simon Monroe (Emmett Scanlan) vorgenommen wurden, verdienen es, als Horror beschrieben zu werden.
Endlich erfahren wir auch mehr vom großen Bild, der Situation außerhalb vom Roarton. Leider wird das meiste erzählt und nicht gezeigt - von wegen show, don't tell. Der Preis dafür ist ein Buchstabensalat aus Abkürzungen und ein theologischer Überbau, der für sechs Stunden Sendezeit etwas überdimensioniert erscheint, auch wenn der Glaube das beherrschende Thema der Staffel ist.
PDS, HVF, ULA, RPS - WTF?
Fangen wir mit der Politik an. In Großbritannien bekommt die radikale Pro-Lebenden-Partei Victus immer mehr Zulauf. Sie verlangt, dass die PDS-Opfer gefälligst ihre Schuld gegenüber der Gesellschaft abtragen. Ausgerechnet die Victus-Abgeordnete Maxine Martin (Wunmi Mosaku) vertritt inzwischen den Wahlkreis Roarton. Sie lässt dort die ehemalige Anti-Zombie-Miliz der Human Volunteer Force (HVF) in neuem Gewand als Roarton Probation Service (RPS) auferstehen und schürt Zwietracht. Kein Wunder, dass Kieren am Anfang der Staffel auswandern will, nach Paris oder Berlin. Deutschland, eine Hochburg der Toleranz - dass wir das in einer britischen Serie noch erleben dürfen.
Victus' radikales Gegenstück ist die Undead Liberation Army (ULA), gegründet von einem mysteriösen Propheten der Untoten. Auch diese Organisation gewinnt immer mehr Anhänger, zum Teil in eigenen Kommunen, die daran glauben, dass die PDS-Opfer eigentlich die Auserwählten sind. Mehr noch, sie verteilt Blue Oblivion. Die Droge ist ein Beispiel für ein Element der Serie, das in Staffel eins angesprochen wurde, dem aber jetzt erst ernsthaft Zeit eingeräumt wird.
Kill your personal Jesus
Dann hätten wir die Religion. Es geht der Glaube um, dass es ein Second Rising geben kann, eine Apokalypse, bei der aber diesmal die Guten auferstehen. Wie führt man sie herbei? In dem man den First Risen tötet, den erste PDS-Kranken, den Patient Zero. Maxine entpuppt sich als Anhängerin dieser Vorstellung, denn sie hat einen Bruder, der vor Jahren gestorben ist und den sie wieder in ihre Arme schließen will. Irgendwie ist sie der Meinung, dass der Heiland in Roarton zu finden sei. Am Ende steigert Maxine sich so weit hinein, dass sie alle Wiedergänger in der Stadt vernichten will - der echte Zombie-Jesus wird dann schon darunter sein. Simon ist da präziser: Er versteht eine Äußerung von Kieren so, dass dieser der First Risen sein muss. Vom Propheten der Untoten ergeht dann das Todesurteil.
Überraschenderweise entsteht aus diesem religiösen Strang am Ende der Staffel so etwa wie richtige Dramatik. Dieser Handlungsfaden ist schon deswegen unerwartet, weil In The Flesh in der ersten Staffel bemüht schien, religiösen Menschen nicht zu Nahe treten zu wollen. Diesmal merkt selbst das gute Volk von Roarton irgendwann, dass Maxine übergeschnappt ist.
Die Qualen der Liebe unter Untoten
Noch etwas müssen wir loben: Die Macher haben diesmal gezielt neue, ungelöste Aspekte eingebaut, statt den Zuschauer mit offenen Fragen einfach alleine zu lassen. Da wäre die Entwicklung von Kierens BDFF (Best Dead Friend Forever), Amy Dyer (Emily Bevan), die plötzlich wieder Zeichen von echtem Leben zeigt, dummerweise aber in dem Glauben getötet wird, sie sei Patient Null. Weiter haben wir die Pharmafirma Halperin & Weston (offenbar eine Anspielung auf den Film „White Zombie“ aus dem Jahr 1932, in dem Victor Halperin die Regie führte nach einem Drehbuch von Garnett Weston), deren Handlanger Amys Leiche ausbuddeln mit dem Satz, noch sei genug Zeit. Fast könnte man neugierig werden, was in der (derzeit noch nicht bestellten) nächste Staffel passiert.
Aber leider nur fast: Trotz der Neuerungen, trotz der dramatischen Entwicklungen bleibt In The Flesh im Herzen eine Seifenoper. Amy liebt Simon, aber sie muss mit ansehen, wie der Kieren küsst - oh welche fiese Überraschung, auch er ist schwul! Kierens Schwester Jem Walker (Harriet Cains) versucht in der Schule, zu der coolen Clique zu gehören. Diverse Leute haben Probleme mit ihren Vätern und Müttern. Am Ende sieht Kieren ein, dass es zu Hause doch am schönsten ist. Immerhin das ist schon ziemlich amerikanisch.
Fazit
Zwar ist hier besonders, dass es irgendwie alles mit Zombies zu tun hat - kann man seinem Sohn verzeihen, wenn er als Untoter die Mutter gegessen hat? Aber wer nicht das As the World Turns-Gen mitbringt, kriegt irgendwann glasige Augen. Auch diese Staffel hat erdrückende Längen.
Deswegen bleibt In The Flesh auch nach der zweiten Staffel eine Zombie-Serie für Leute, die in Sachen Untote einen untypischen Geschmack haben. Die zweite Staffel ist dabei deutlich besser als die erste, insbesondere weil die Macher konsequent deren Schwächen angegangen sind. Wer die erste Staffel mochte, wird diese lieben. Der Rest von uns wartet vielleicht lieber weiter auf das besagte US-Remake.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Sonntag, 29. Juni 2014(In The Flesh 2x06)
Schauspieler in der Episode In The Flesh 2x06
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