In The Flesh 1x03

Da kann das britische Gesundheitsministerium noch so viele Poster aufhĂ€ngen und Neusprech-Parolen ausrufen: Die Integration der PDS-Kranken in unserem kleinen Dorf verlĂ€uft ĂŒberhaupt nicht gut. In Episode Three - der letzten von In The Flesh - ziehen die Menschen, ob untot oder lebendig, im Umfeld des zurĂŒckgekehrten Selbstmörders Kieren Walker (Luke Newberry) Konsequenzen. Auch er wirkt nicht wirklich stabil. Und hatten wir nicht gesagt, dass wir AufklĂ€rung ĂŒber Zombie-Sex brauchen?
Going back to the Family
Was fĂŒr ein Drama! Bill (Steve Evets) kann doch nicht damit leben, was aus seinem Sohn Rick (David Walmsley) - Kierens (Luke Newberry) bester Freund und frĂŒhere Liebe - geworden ist und greift zum ĂuĂersten. Eine blutige Kettenreaktion ist die Folge. Amy (Emily Bevan) geht mit dem Assistenten des Vicars Oddie (Kenneth Cranham) ins Bett, ausgerechnet. Aber die kleinbĂŒrgerlichen Vorurteile und brutale Diskriminierung erdrĂŒcken ihren freien Geist. Sie flĂŒchtet aus Roarton, um sich einer Sekte anzuschlieĂen. Kierens Schwester Jem (Harriet Cains) schafft es unterdessen endlich, ihrem Bruder zu verzeihen, und schlieĂt ihn wieder ins Herz, wie ĂŒberhaupt die ganze Familie Walker wieder zusammenfindet. Kieren hat seine zwei Chance genutzt.
War da nicht noch was? Mensch, fast hĂ€tten wir es vergessen: Einige der oben genannten Personen sind Zombies. Nicht, dass das fĂŒr die Handlung wichtig wĂ€re.
You murdered your only son
In The Flesh bleibt sich auch in der letzten Folge treu: Es ist ein Beziehungsdrama, bei dem die Zombie-Apokalypse ein dramatisches Mittel ist. Ein wichtiges und prĂ€gendes dramatisches Mittel, sicher, aber trotzdem nicht mehr. „All rotters are evil“, sagt Bill seinem Sohn, aber sie könnten genauso gut ĂŒber die Taliban, Vietcong, Roundheads oder jeden anderen Kriegsgegner sprechen, dem irgendwann von irgendwem die Menschlichkeit abgesprochen wurde. Auch in der MĂŒtter-GesprĂ€chsgruppe geht es weniger um Kierens Wiederauferstehung als um die emotionale Reaktion auf seinen Selbstmord.
Allerdings: Wer In The Flesh bis jetzt die Treue gehalten hat, wird dieses Genre akzeptiert haben. Belohnt wird er dafĂŒr in dieser Folge mit den besten Momenten der Serie. Steve Evets mag zwar von den Autoren mit Bill eine vorhersehbare, einseitige Figur zugeteilt bekommen haben, aber den Abschied von Rick (David Walmsley) setzt er trotz aller WiderstĂ€nde des Drehbuchs ergreifend um. Das GesprĂ€ch zwischen Mutter und Sohn in der Höhle, der Vater, der endlich alles aus sich herauslĂ€sst, die Tochter, die ihre Uniform auszieht und die Waffe wegpackt, die Familie, die unter TrĂ€nen wieder zusammenfindet - alles schon Hundert mal gesehen. Aber man mĂŒsste schon selbst untot sein, um davon nicht berĂŒhrt zu werden.
Ich bedauere zutiefst, ihre Tochter verspeist zu haben
Um so bedauerlicher ist es, dass Moral und Symbolik mit dem Holzhammer transportiert werden. Die Bösen sind nach wie vor richtig fies - religiöse Fanatiker, die AmmenmĂ€rchen ĂŒber eine PDS-Ansteckung glauben, selbst die Ihrigen in KĂ€fige sperren und ihnen ins Gesicht spucken. Die Guten sind dagegen wirklich herzensgut und verzeihen es Kieren sogar, dass er ihre Tochter angefallen und (gut, teilweise) verspeist hat. Diese Stellen sind am unglaubwĂŒrdigsten. Nach wie vor finden sich die einzigen Grauschattierungen in dieser Serie auf der ungeschminkten Haut der Untoten wieder.
Entsprechend fĂ€llt es streckenweise schwer zu glauben, dass man es mit einer BBC-Produktion zu tun hat. Wenn in Roarton die HĂ€user der Untoten durch ein groĂes „PDS“ gekennzeichnet werden oder Bill mit blutigen HĂ€nden aus dem Haus taumelt, erinnert der völlige Mangel an SubtilitĂ€t an ein Deutschlehrbuch fĂŒr die Oberstufe. Man ahnt schon die Fragen auf dem Begleitblatt: Auf welches geschichtliche Ereignis spielt die Beschriftung der HĂ€user an? Welche Symbolik haben Bills blutige HĂ€nde? Halten Sie Selbstjustiz fĂŒr eine zulĂ€ssige Lösung fĂŒr die Probleme der Gesellschaft?
Dear undead love-god
Wobei man Episode Three zugute halten muss, dass weiter neue Ideen eingebracht werden. Leider etwas spĂ€t: Der Glaube der Menschen an ein Second Rising, einer Auferstehung der „guten“ Toten, nachdem die „bösen“ Toten gerichtet worden sind, hĂ€tte frĂŒher eingeflochten werden sollen. Das hĂ€tte auch eine dringend benötigte ErklĂ€rung fĂŒr die Grausamkeit der Dorfbewohner geboten. Allerdings wĂ€re damit die Religionskritik noch stĂ€rker in den Vordergrund gerĂŒckt. Auch die Liebesbriefe der Zombie-Groupies, die beim MĂŒttertreffen vorgelesen werden, sind ein netter Einfall.
Gleichzeitig ist es frustrierend, dass frĂŒhere Anspielungen und Elemente nicht mehr aufgegriffen werden. Was genau ist jetzt mit dieser Zombie-Sekte? Droht sie sich zu einem Aufstand der Untoten auszuweiten? Von der Droge blue oblivion ist nicht mehr die Rede. Auch von den Sorgen ĂŒber RĂŒckfĂ€lle oder der gefĂ€hrlichen Unempfindlichkeit gegen Nortriptyline wird nicht weiter gesprochen. Vielleicht haben sich die Autoren diese Fragen zum big picture ausgespart, weil sie auf eine zweite Staffel hoffen. Der Preis dafĂŒr ist, dass die erste unvollstĂ€ndig wirkt.
Fazit der Staffel
In The Flesh ist etwas fĂŒr die Fans von Beziehungsdramen, die mal etwas Grusel und eine Prise Horror zum Familienstreit haben wollen. Hier liegen die StĂ€rken der Serie. Die PrĂ€misse mag zwar fĂŒr die Fans des klassischen Zombie-Genres faszinierend klingen - was tun mit behandelten Untoten? - aber diese Elemente gehen schnell unter und werden zu wenig ausgebaut, um befriedigend zu sein. Durch das grobe Gut-Böse-Schema und die eindimensionalen Figuren vergibt „In the Flesh“ viel von ihrem Potenzial. Und die Staffel ist gemessen am Inhalt einfach zu lang. Dieser Stoff hĂ€tte auch gut auf zwei Stunden eingedampft werden können.
Am Ende steht eine fast ketzerische Frage. Haben wir bei In The Flesh ausnahmsweise den Fall, wo ein amerikanisches Remake - gröĂer, schneller, vielleicht auch witziger - besser wĂ€re als das Original? Denn eine Wiederauferstehung, das wissen wir ja jetzt, ist eine zweite Chance.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Mittwoch, 3. April 2013(In The Flesh 1x03)
Schauspieler in der Episode In The Flesh 1x03
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?