American Horror Story 6x01

American Horror Story 6x01

Statt American Horror Story: Farmhouse hat sich die Anthologieserie für ihre sechste Staffel den eleganteren Titel My Roanoke Nightmare verliehen. Diese Abweichung vom üblichen Konzept wird von einer dramaturgischen begleitet, die noch nicht gänzlich überzeugt.

Murphy-Muse Sarah Paulson darf auch in der 6. Staffel von „American Horror Story“ wieder glänzen. / (c) FX
Murphy-Muse Sarah Paulson darf auch in der 6. Staffel von „American Horror Story“ wieder glänzen. / (c) FX

Viel Geheimniskrämerei wurde seitens Serienschöpfer Ryan Murphy und Konsorten betrieben, um ja keine Details über die sechste Staffel der Anthologieserie American Horror Story an die Außenwelt dringen zu lassen. Selbst der Untertitel der neuen Geschichte, der ja sonst immer lange im Voraus verraten worden war, blieb bis zur Premiere im Verborgenen. Angesichts dieses Aufwands ließ sich vermuten, dass das Format in reduzierter Form wiederkehren könnte - und genau so ist es nun mit dem ersten Kapitel von „My Roanoke Nightmare“ geschehen.

Fight or flight

Dramaturgisch betreten Murphy, sein Produktionspartner Brad Falchuk und Regisseur Bradley Buecker Neuland. Die erste Ausgabe ist aufgebaut wie eine Dokumentation, in der die Exehepartner Matt (Andre Holland) und Shelby (Lily Rabe) als talking heads über ihre schrecklichen Erlebnisse in einem alten Farmhaus in North Carolina berichten. Gespielt werden sie in dieser Serie innerhalb der Serie von Sarah Paulson und Cuba Gooding Jr., der für Murphy gerade noch in der exzellenten ersten Staffel von American Crime Story den O. J. Simpson gab.

Es ist eine ganz nette Spielerei, die sich die Kreativen da ausgedacht haben, mehr aber auch nicht. Effektiver wären all die jump scares jedoch, wenn wir Zuschauer nicht wüssten, dass die beiden Hauptfiguren überleben werden. Natürlich kann es da noch zu einer Wendung kommen, zu einer Vermischung von Realität und Fiktion, die ja sowieso beide nur Fiktion sind. Innerhalb dieses narrativen Konstrukts entspinnt sich also eine ziemlich konservative Horrorgeschichte, die zu keinem Zeitpunkt davor zurückscheut, sich sämtlicher bekannter Horrortropen zu bedienen.

Matt und Shelby waren laut eigener Auskunft ein so verliebtes Paar, dass selbst ihre besten Freunde darüber eifersüchtig wurden und sich miteinander stritten. An ihrem Wunschwohnort Los Angeles jagte eine gute Nachricht die nächste, bis ein unerwarteter Schicksalsschlag sämtliche Lebensträume platzen ließ. Auf offener Straße wurde Matt von Mitgliedern einer Jugendgang angegriffen und krankenhausreif geprügelt - der Angriff auf einen völlig ahnungslosen Passanten war wohl eine Art Initiationsritus dieser Bande.

Ohne Vorankündigung taucht Cuba Gooding Jr. auf. © FX
Ohne Vorankündigung taucht Cuba Gooding Jr. auf. © FX

Das Warten am Krankenbett ihres Ehemanns sorgte bei Shelby hernach für so viel Stress, dass sie dadurch mutmaßlich ihr ungeborenes Kind verlor. Nun suchte die schicksalsgeplagte Kleinfamilie nach einem Neuanfang, der in North Carolina, Matts Heimatstaat, stattfinden soll. Erste deutliche Warnzeichen werden jedoch ignoriert: Das Ehepaar bekommt den spottbilligen Zuschlag für ein Farmhaus aus dem Jahre 1972, das stark renovierungsbedürftig ist, dafür aber - aus Sicht der beiden Unglücksraben - perfekt für ihre Situation. Die Drohgebärden der im Bieterwettstreit unterlegenen Hillbillies werden da noch belächelt.

One jumpy bitch

Doch schon in diesem Moment lauert etwas in den Büschen, das bedrohliche, grunzende Signale aussendet. Könnte dieses Etwas, könnten die Hillbillies zur legendären Roanoke-Kolonie gehören, die auch als die „verlorene Kolonie“ bezeichnet wird, weil im späten sechzehnten Jahrhundert dort eine Siedlung englischer Einwanderer einfach verschwand? Darauf spielt der Titel zumindest an, und wenn man sich die feindlich gesinnten Figuren ansieht, die im Laufe dieser Auftaktepisode auftauchen, dann bleiben nur wenige andere Schlussfolgerungen übrig.

Wie es sich für eine Horrorserie gehört, die sich als ein einziges großes Zitat berühmter Vorgänger versteht, mehren sich bald die Anzeichen, dass die Vertriebenen den Kampf gegen die Neulinge längst nicht aufgegeben haben. Ihre Gegenmaßnahmen fangen betulich an - der erste Angriff kann und wird von Matt als Wildern eines Tieres abgeschrieben. Aber schon bei der nächsten Merkwürdigkeit werden die Schleusen zwischen Realität und Fiktion weit geöffnet. Shelby ist fest davon überzeugt, dass die vom Himmel prasselnden Hagelkörner keine ebensolchen sind, sondern Zähne.

Weil Matt zu diesem Zeitpunkt auf einer Geschäftsreise unterwegs ist, fällt es ihm verständlicherweise schwer, seiner Ehefrau zu glauben - was vor allem auch daran liegt, dass keinerlei Spuren des angeblichen Zahnregens zu finden sind. Wie genau es Shelby schafft, trotz dieses gruseligen Erlebnisses weiter dort zu wohnen, bleibt das Geheimnis des Autorenteams. Jedenfalls ist es bald wieder so weit, dass Matt zu einer Geschäftsreise aufbrechen muss. Dieses Mal ist Shelby darüber sehr froh, weil sie laut eigener Aussage an seiner Überfürsorglichkeit zu ersticken drohte.

Yoga am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen? In diesem Falle kaum. © FX
Yoga am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen? In diesem Falle kaum. © FX

Wir geübten Zuschauer wissen natürlich, dass der Hausdame weiteres Ungemach droht. Dass sie Geister sieht, nehmen wir amüsiert zur Kenntnis, hält Murphy doch bald darauf eine viel spannendere Szene bereit, die er und Regisseur Buecker lange auskosten, bis sie uns mit dem sehr erwartbaren, aber doch wirksamen Schockeffekt belohnen (oder in manchen Fällen bestrafen). Bei einem Bad im Freien - Shelby hat sich von der Geistersichtung ganz offensichtlich nicht beeindrucken lassen - wird sie von den mit Fackeln bewaffneten Hillbillies unter Wasser gedrückt.

Mama still packin'

Das ist zumindest die Geschichte, die sie der erwartbar hilfsunwilligen Polizei erzählt. Die rät lediglich dazu, sich zum Selbstschutz eine Handfeuerwaffe zu besorgen, was Matt sogleich als kaum verhüllten Rassismus deutet. Statt sich eine Pistole zuzulegen, stattet er das Grundstück mit Überwachungskameras aus - das aber auch erst, nachdem er vor der Haustür ein gehäutetes Schwein gefunden hat. Davon erzählt er Shelby jedoch nichts, will er ihr doch weitere Schrecken ersparen. Es ist eine kurzfristig effektive, langfristig jedoch sehr kurzsichtige Maßnahme.

Die Angreifer lassen sich nämlich auch nicht von der Ankunft von Matts Schwester Lee (Adina Porter und Angela Bassett) abschrecken, die früher zwar Polizistin war, mittlerweile aber hauptsächlich mit persönlichen Problemen hadert. Bei der nächsten Geschäftsreise fahren die verschwundenen Kolonialisten einen „Blair Witch“-esken Horrortrip, währenddessen Lee unverständlicherweise eine kaum nachvollziehbare Entscheidung nach der anderen trifft. Sie und Shelby begeben sich unbewaffnet in dem Keller, aus dem unerklärliche Geräusche kommen - warum nur?

Diese furchteinflößende Erfahrung bringt Shelby schließlich dazu, die Flucht zu ergreifen, wobei sie jedoch nicht weit kommt, weil sie in ihrer Aufgeregtheit eine mitten auf der Straße stehende Frau überfährt. Der mutmaßlich Schwerverletzten folgt sie hernach in den Wald, wo sie sich verläuft, bis sie von Fackelträgern umzingelt und von einem Schädellosen angegeifert wird. Die Episode entlässt uns, als das „Roanoke Nightmare“ erst so richtig in Fahrt kommt, aber dafür warten ja noch neun weitere Episoden darauf, uns in Angst und Schrecken zu versetzen. Zu Beginn hat das nur mittelmäßig geklappt.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 15. September 2016

American Horror Story 6x01 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 1
(American Horror Story 6x01)
Deutscher Titel der Episode
Kapitel 1
Titel der Episode im Original
Chapter 1
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 14. September 2016 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 3. November 2016
Autoren
Ryan Murphy, Brad Falchuk
Regisseur
Bradley Buecker

Schauspieler in der Episode American Horror Story 6x01

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