American Horror Story 2x04

American Horror Story 2x04

Die neue Episode von American Horror Story porträtiert die Vorgeschichte einiger Insassen und die psychiatrischen Behandlungsmethoden der frühen sechziger Jahre. Außerdem betritt Arden endgültig die Riege der furchteinflößendsten Serienmonster.

Grace (Lizzie Brocheré) und Kit (Evan Peters) erwarten ihre nächste Bestrafung in „American Horror Story“. / (c) FX Networks
Grace (Lizzie Brocheré) und Kit (Evan Peters) erwarten ihre nächste Bestrafung in „American Horror Story“. / (c) FX Networks

George W. Bushs früherer Berater Matthew Dowd hat neulich in einem Interview gesagt, die Republikaner seien eine „Mad Men-Partei in einem Modern Family-Amerika“. Wünschte sich bislang so mancher Anhänger der Grand Old Party in die goldenen fünfziger und sechziger Jahre der USA zurück, so kann dies sicher nicht für die psychiatrischen Methoden in dieser Zeit gelten. Exemplarisch bekommen wir in der vierten Episode vorgeführt, welche horrenden Behandlungen die Patienten einer Nervenheilanstalt damals über sich ergehen lassen mussten. Dazu jedoch später mehr.

Eine Bemerkung noch, bevor sich hier der Geschichte gewidmet wird: Zum ersten Mal in der neuen Staffel von American Horror Story taucht zu Beginn kein Bloody Face auf. Fans des maskierten Mörders warten über die Dauer der kompletten Episode vergebens auf einen Auftritt des eventuell zeitreisenden Psychopathen und seiner Nachahmer.

Schulkinder weltweit atmen erleichtert auf

Auch ohne dessen Auftritt ist die Episode I Am Anne Frank (1) jedoch randvoll gepackt mit neuen überraschenden Enthüllungen, Verwerfungen und zum Fürchten schönen Grausamkeiten. Leider wird im Titel schon vorweggenommen, worum es nach der Ankunft einer neuen Patientin gehen könnte. Diese von Franka Potente dargestellte Frau gibt sich als die echte Anne Frank aus. Sie behauptet, das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt zu haben und danach mit einem US-Soldaten in die Vereinigten Staaten übergesiedelt zu sein. In Dr. Arden (James Cromwell) erkennt sie sogleich den Auschwitz-Lagerarzt Dr. Hans Gruber, der ihre Anschuldigungen natürlich sofort abschmettert.

Bei Oberschwester Jude (Jessica Lange) rennt sie damit jedoch offene Türen ein. Sie erkennt in der Geschichte die Chance, sich auf elegante Weise des Horrorarztes und ihrer Nemesis zu entledigen. Hinzu kommt, dass Arden von zwei Ermittlern des Morddezernates aufgesucht wird, die im Falle der von ihm angegriffenen Prostituierten ermitteln. Die beiden sind zudem noch nicht restlos von Kit Walker (Evan Peters) als Serienmörder überzeugt, da es erhebliche Zweifel daran gibt, dass er die Leichen ohne chirurgische Kenntnisse hätte häuten und enthaupten können. Zwei weitere Indizien, die in Dr. Ardens Richtung weisen.

Das Böse lebt in uns allen

Jude trägt daraufhin Monsignore Timothy Howard (Joseph Fiennes) ihre massiven Bedenken vor, woraufhin dieser sie mit Hinweis auf ihre jüngsten Verfehlungen barsch abweist. Wenige Augenblicke später erfährt der Zuschauer die Gründe hierfür. Howard warnt Arden vor den Ermittlern und der angeblichen Anne Frank und empfiehlt ihm, seinen Stall fortan sauber zu halten. Das Böse scheint in American Horror Story sämtliche Charaktere durchdrungen zu haben.

Diese Theorie lässt sich auch auf den bislang eher harmlos erscheinenden Kit Walker und die rehäugige Grace (eine wirkliche Entdeckung im neuen Ensemble: Lizzie Brocheré) anwenden. Nachdem sich beide in der Bäckerei etwas zu nahegekommen sind und dabei entdeckt wurden, landen sie in der Einzelhaft. Dort erzählt Grace Kit ihre vermeintlich wahre Geschichte, nachdem sie ihm zuvor eine ähnliche, mit umgedrehten Vorzeichen versehene aufgetischt hatte. Wer und ob überhaupt einer von beiden ein Mörder ist, lässt sich danach immer noch nicht abschließend klären.

Dr. Oliver Thredson (Zachary Quinto) versucht immerhin, der Wahrheit ein Stückchen näher zu kommen, wenngleich man seinen Versprechungen und seiner Hilfsbereitschaft gegenüber Kit und Lana Winters (Sarah Paulson) nicht endgültig trauen mag. Als Zuschauer ist man an diesem Punkt bereits so stark konditioniert, dass man einem vermeintlich gutherzigen Protagonisten sofort Skepsis und Argwohn entgegenbringt.

Dies kann natürlich auch an Thredsons Behandlungsmethoden liegen, die selbst aus Sicht eines psychologischen Laien absolut hanebüchen und furchteinflößend erscheinen. Lana Winters erkennt jedenfalls, dass ihr einziger Ausweg aus Briarcliff die Kooperation mit Dr. Thredson ist. Also unterzieht sie sich seiner Behandlung, die zum Ziel hat, ihr die Homosexualität auszutreiben und sie gleichzeitig zu einer heterosexuellen Gesinnung zu bekehren.

Die folgenden, kaum erträglichen Szenen schwerer sexueller Demütigung unter dem Schutzmantel der Psychotherapie werfen ein entsetzliches Bild auf die dunklen Tage psychologischer Behandlungsansätze. Thredson scheint dennoch der Gute zu sein, der Kit Walker die Todesstrafe ersparen und Lana helfen will, aus Briarcliff entlassen zu werden. Es stellen sich lediglich die Fragen: Wie lange ist er noch so gut und was sind seine wahren Beweggründe?

Fazit

Die neueste Episode von American Horror Story und überhaupt die ganze neue Staffel ist übersät von Rückblenden, zeitlichen Versatzstücken und narrativen Verschachtelungen. Die Autoren nutzen diese Stilmittel geschickt, um beim Zuschauer immer wieder für Orientierungslosigkeit und Unsicherheit zu sorgen. Sie symbolisieren das schleichende Gefühl eines Gefangenen, an der eigenen geistigen Gesundheit zu zweifeln, die langsame Auflösung von Zeit und Raum und die psychischen Torturen, denen die Insassen ausgeliefert sind.

Man fühlt sich an die Zeilen Ulrike Meinhofs aus dem so genannten „Toten Trakt“ der JVA Köln-Ossendorf erinnert:

„Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf, das Gefühl, die Schädeldecke müsste eigentlich zerreißen, abplatzen. Das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepresst. Das Gefühl, die Zelle fährt. Man wacht auf, macht die Augen auf: Die Zelle fährt. Nachmittags, wenn die Sonne hereinscheint, bleibt sie plötzlich stehen. Man kann das Gefühl des Fahrens nicht absetzen... Rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt. Das ist das Schlimmste. Klares Bewusstsein, dass man keine Überlebenschance hat. Völliges Scheitern, das zu vermitteln. Das Gefühl, Zeit und Raum sind ineinander verschachtelt..."

Genau das ist es, was diese Serie in seinen besten Momenten so großartig macht. Bei keinem der porträtierten Charaktere kann man sich sicher sein, wo der Verstand aufhört und der Wahnsinn anfängt. Daraus speist sich die teilweise knisternde Spannung einzelner Episoden. Es sind nicht die wenig erwähnenswerten Schockmomente oder bluttriefenden Szenen, sondern die tieferliegenden psychologischen Elemente und die furchteinflößende Erkenntnis, was Menschen ihrer eigenen Spezies angetan haben und noch antun werden.

In ihren besten Episoden erreicht American Horror Story diese Momente großer atmosphärischer Spannungsdichte spielend. Die soeben über den Bildschirm gelaufene gehört dazu.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 8. November 2012
Episode
Staffel 2, Episode 4
(American Horror Story 2x04)
Deutscher Titel der Episode
Ich bin Anne Frank (1)
Titel der Episode im Original
I Am Anne Frank Part 1
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 7. November 2012 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 19. Dezember 2012
Autor
Jessica Sharzer
Regisseur
Michael Uppendahl

Schauspieler in der Episode American Horror Story 2x04

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?