American Horror Story 2x01

American Horror Story 2x01

Ein neuer Schauplatz, neue Charaktere, eine neue Epoche. Zum Auftakt der zweiten Staffel setzen die Macher von American Horror Story auf einen Neuanfang. Zudem wurde das Rezept des schaurig-schönen Gruselepos um die Komponente der Religion und eine gesellschaftlich-politische Dimension erweitert.

Oberschwester Jude (Jessica Lange) begrüßt Kit Walker (Evan Peters) in „American Horror Story“ / Foto:  FX Networks
Oberschwester Jude (Jessica Lange) begrüßt Kit Walker (Evan Peters) in „American Horror Story“ / Foto:  FX Networks

Die Ouvertüre der ersten Staffel wird zu Beginn der neuen Staffel von American Horror Story sogleich auf den Kopf gestellt. Wo vorher in die Vergangenheit geblendet wurde, sehen wir ein frischvermähltes horrorverzücktes Pärchen - inklusive dem Maroon 5-Star Adam Levine - in den Ruinen der ehemaligen Irrenanstalt Briarcliff herumturnen. Die beiden befinden sich auf einer haunted honeymoon tour (in etwa: Geistertour in den Flitterwochen).

Kurzer Prozess mit einem beliebten Star

Im Vergleich zu dem, was dem Zuschauer in der folgenden Dreiviertelstunde geboten werden wird, ist das, was den beiden bei ihrer Liebestour widerfährt nur ein harmloses hors d'oeuvre. Zumal die Auftaktsequenz vor allem die Funktion hat, die Geschichte der Ruine zu erzählen: 1908 erbaut als Heilanstalt für Tuberkulosepatienten, 1962 von der katholischen Kirche übernommen und zu einer Pflegeanstalt für Geisteskranke umgebaut, inklusive Stairway to Heaven, einer furchteinflößenden Wendeltreppe, die alle Stockwerke miteinander verbindet.

Der erste Hauptdarsteller - Briarcliff Manor - ist somit eingeführt. Und noch ein Geheimnis wird gelüftet: In diesen Wänden soll der sagenumwobene Massenmörder Bloody Face gewütet haben, der seine Opfer bei lebendigem Leibe gehäutet und sich daraus eine Maske hergestellt haben soll. Nach diesen schwerverdaulichen Informationen setzt der Vorspann ein - nach dem aus der Staffel eins ein weiteres Meisterstück im Einsatz dieses Stilmittels. Man könnte sich sogar zu der Behauptung hinreißen lassen, der Vorspann sei das gruseligste an der ganzen Serie. Selten hat ein einminütiger Zusammenschnitt eine solche Beklemmung ausgelöst und so präzise auf das Kommende eingestimmt.

Danach setzt die Handlung im Jahr 1964 wieder ein. In Briarcliff führt die allseits gefürchtete Oberschwester Jude (Jessica Lange) ein strenges Regiment über Patienten und Bedienstete. Der besuchenden Journalistin Lana Winters (Sarah Paulson), die vorgibt, über die Bäckerei der Anstalt berichten zu wollen, präsentiert sie ungefragt ihre Methoden und Meinungen. Psychologische Diagnostik und Therapie bezeichnet sie als sinnfreie Scharlatanerie, Erkrankungen der Psyche seien der moderne und verwaschene Ausdruck für Sünde. Ihr eigener therapeutischer Ansatz beschränkt sich auf die drei „Ps“: Producitvity, Prayer und Purification (Produktivität, Gebet und Läuterung).

Wer oder was ist Bloody Face?

Während dieses Interviews wird dann auch der tatverdächtige Massenmörder mit dem Spitznamen Bloody Face, Kit Walker (Evan Peters), zur kurzfristigen Aufbewahrung in die Nervenklinik eingeliefert. Walker behauptet, von außerirdischen Wesen entführt worden zu sein. Diese seien auch für den Tod seiner angeblichen Opfer, inklusive seiner afroamerikanischen Ehefrau, verantwortlich. Die ehrgeizige Lana merkt sogleich, dass sich hinter den unheimlichen Wänden von Briarcliff ein großer Scoop verbirgt und beschließt, weiter in die Materie einzutauchen.

Neben den bereits erwähnten tauchen in der Auftaktepisode einige andere mehr oder weniger zwielichtige Charaktere auf. Einen wichtigen Part spielt Dr. Arthur Arden (James Cromwell), die hausinterne Nemesis von Oberschwester Jude. Im Konflikt zwischen den beiden spiegelt sich der ewige Kampf zwischen Wissenschaft und Religion um die Deutungshoheit über das menschliche Wesen und seinen Geist wider. Jude verdächtigt Arden der Menschenversuche in seinem abgeschirmten Laboratorium, zu dem sie keinen Zutritt hat.

Diverse blutige Einblendungen und die angedeutete Fütterung rätselhafter Wesen in einem nahegelegenen Waldstück legen nahe, dass Schwester Jude mit ihrem Verdacht nicht ganz danebenliegt. Als sie ihrem Vorgesetzten Monsignore Timothy Howard (Joseph Fiennes) ihre Verdächtigungen offenbart, wiegelt dieser nur ab mit dem Verweis, dass höhere Mächte als sie die Methoden Ardens abgesegnet hätten.

Zum Ende der Episode scheinen sich Judes Befürchtungen zu bestätigen: Arden lässt sich Kit Walker in das Labor bringen und kündigt ihm an, ohne Narkose an seinem Gehirn zu operieren. Ein ähnliches Niveau an Verachtung von Seiten des Zuschauers schlägt da jedoch schon längst der Oberschwester entgegen: Mit einem perfiden Plan und unter Ausnutzung der damaligen gesellschaftlichen Ressentiments gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften lässt sie die allzu neugierige Journalistin Lana gegen deren Willen in ihre Anstalt einweisen. Fortan kann diese wirklich aus erster Hand mitbekommen, was in Briarcliff vor sich geht. Was jedoch nur der Zuschauer weiß: Wer einmal dort landet, wird nie wieder herauskommen.

Fazit

Im Gegensatz zur ersten Staffel haben die Drehbuchautoren und Produzenten von American Horror Story mit der Verfrachtung der Geschichte der zweiten Staffel in die 1960er Jahre einen echten erzählerischen Coup gelandet. Anstatt sich eindimensional auf das Horrorelement zu konzentrieren, kann sich die Story nun auf mehreren Ebenen entfalten. Dazu gehören neben dem neuen Element der Religion auch die gesellschaftlich-politischen Begebenheiten zu dieser Zeit, ganz konkret die Repressionen gegen homosexuelle Liebe und Andersfarbige.

So können sich die Autoren auch einen Seitenhieb auf die Rückwärtsgewandtheit einiger politischer Kräfte im heutigen Amerika nicht verkneifen. In einer Szene beschwert sich die Freundin der Journalistin Lana Winters darüber, dass sie als Lehrerin für Naturwissenschaften tagtäglich dafür kämpfen müsse, die Evolutionstheorie lehren zu dürfen.

Dies könnte zwar teilweise subjektivem Empfinden geschuldet sein, jedoch scheint die Charakterzeichnung um einige Schichten bereichert worden zu sein. Sämtliche Hauptcharaktere lassen sich nicht eindeutig in Kategorien einordnen. Als allererstes wäre da die von Jessica Lange wunderbar verkörperte Schwester Jude zu erwähnen, die sich beim Kochen und Essen mit dem Monsignore zu erotischen Tagträumen hinreißen und trotz all ihrer Verschlagenheit in einer etwas verqueren Sichtweise durchaus als Vorreiterin des Feminismus gegen das männliche Patriarchat porträtieren lässt.

Gleichfalls der Monsignore Timothy Howard selbst, der sich als Mann Gottes doch eigentlich in Demut und Bescheidenheit üben sollte und stattdessen ehrgeizig von einer Karriere bis an die Spitze der katholischen Kirche träumt. Nach Sichtung der ersten Episode bleibt eigentlich nur Dr. Arden als Verkörperung des reinen Bösen übrig. Und damit soll nicht gesagt sein, dass sich diese Interpretation nicht auch ganz schnell wieder ändern kann.

Sieht man einmal von kleineren Unzulänglichkeiten ab (warum kommt Bloody Face denn überhaupt in eine Nervenheilanstalt?) machen die vielen Geheimnisse, die sich um die monströse Irrenanstalt und ihre Einwohner ranken, die mehrschichtige Charakterzeichnung und die Einbettung in den Kontext der 1960er Jahre mit all ihren politischen und gesellschaftlichen Kräfteverschiebungen definitiv Lust auf mehr amerikanische Horrorgeschichten.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 31. Oktober 2012
Episode
Staffel 2, Episode 1
(American Horror Story 2x01)
Deutscher Titel der Episode
Willkommen in Briarcliff
Titel der Episode im Original
Welcome to Briarcliff
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 17. Oktober 2012 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 28. November 2012
Autor
Tim Minear
Regisseur
Bradley Buecker

Schauspieler in der Episode American Horror Story 2x01

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?