Video Nasty 1x01

© Das Erste, BBC Three
Das passiert in der Serie „Video Nasty“
Billy (Justin Daniels Anene) und Con (Cal O'Driscoll) leben in der Dramaserie Video Nasty im Jahr 1985 in Dublin und sind riesige Horror-Fans. Gäbe es da nicht ein Problem: die konservative Regierung hat eine regelrechte Hexenjagd auf 72 sogenannte Nasty-Videos initiiert und sie verboten. Das hindert die beiden in der ersten Episode mit dem Titel Tape 72 aber nicht daran, heimlich VHS-Originalversionen der Filme zu sammeln. Um an die Streifen heranzukommen, plündern sie sogar die Abschlussballkasse ihrer Schule. Doch das führt zu großen Schwierigkeiten, denn als die Sache herauskommt, müssen sie unbedingt das Geld wieder auftreiben.
Con und Billy sehen nur einen Weg: sie müssen sich nach Mittelengland begeben, um von ihrer Brieffreundin Fangoria Fangirl das letzte Video-Nasty zu bekommen, um dann die gesamte Sammlung zu verkaufen. Cons Schwester Zoe (Leia Murphy) begleitet die Jungs, doch kaum in England angekommen, geht alles schief, was nur schiefgehen kann. Denn erst wird Fangirl brutal in einem Wald ermordet, dann geraten die drei unter Mordverdacht und werden auch noch zum Ziel einer abergläubischen Meute, die die Teenager am liebsten verbrennen möchten...
High-End-Serie?
In den letzten Jahren haben sich Begriffe wie „High-End-Serie“ bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten etabliert, um eigene Formate den Qualitätsstandards der großen Streaming-Konkurrenz anzubiedern. Was dabei wirklich mit dem Terminus gemeint ist, sei einmal dahingestellt, die finanzielle Ebene ist es indes ziemlich sicher nicht.
Diese Form der Werbung mag verständlich sein, ist aber auch unnötig, wenn man sich eine Serie wie Video Nasty anschaut. Obwohl der sechsteiligen Staffel ihr sparsames Budget anzumerken ist, macht sie dennoch eine ganze Menge richtig und sorgt so für - zwar nicht perfekte - aber unterhaltsame drei Stunden voller Retro-Charme, gepaart mit Coming-of-Age und sogar Thrillerserien-Elementen.
Genre-Mix
Inspiriert ist das Ganze von wahren Begebenheiten, unter anderem eben die in den 80er Jahren in England und Irland vorherrschende Video-Nasties-Panik, die zu einer Liste von 72 Filmen führte, die als jugend- und damit auch gesundheitsgefährdend galten. Hinzu gesellen sich landesweite bekannte True-Crime-Fälle, die aber nur in sehr rudimentärer Form Einzug hielten. Die Regisseure Christopher Smith und Megan K. Fox sind zudem unübersehbare Stranger Things-Fans. Die Plots haben zwar nichts miteinander zu tun, doch auf audiovisueller Ebene sind gewollte Ähnlichkeiten doch unübersehbar.
Die Story
Das bedeutet nun nicht, dass es „Video Nasty“ an Eigenständigkeit mangelt, ganz im Gegenteil. Die Serie versprüht an jeder Stelle einen hübschen Euro-Charme und fängt die Zeit der Videotheken, in denen gerne auch der ein oder andere Film unter der Ladentheke gehandelt wurde, wundervoll ein.
Die Geschichte beginnt indes ganz harmlos mit zwei Teenagern kurz vor ihrem Schulabschluss, die riesige Horrorfilmfans sind und deshalb Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um alle 72 Nasty-Videos zu ergattern. Dabei bringen sie sich in große Schwierigkeiten, weil sie das Geld für den Abschlussball der Schule veruntreuen.
Allerdings ist das nicht das einzige Problem der Jungs. Themen wie Mobbing und Außenseitertum, die Affäre von Cons und Zoes Vater, die das Mädchen schwer belastet und die Tatsache, dass Billys Mutter ohne ein Wort fortgegangen ist, spielen in die Erzählung mit hinein. Doch auch ganz alltägliche Dinge wie Geschwisterstreitigkeiten, erste Liebe und der Weg zum Erwachsenwerden an sich werden aufgegriffen.

Die Schwächen
Das allein macht den Sechsteiler schon durchaus sehenswert, wobei die große Reise der drei Teenies zu einer nett gemeinten, aber nicht immer perfekt umgesetzten Hommage an den Horrorfilm der 80er Jahre ist. Und genau hier liegt das Problem von „Video Nasty“, denn auf den Kern heruntergebrochen bleibt der fraglos spannend gedachte Thrillerkern zu oberflächlich und weichgespült.
Wenn ich eine Serie als Hommage an die Horrorfilmszene der 80er Jahre mache, dann muss ich auch den Mut aufbringen, es hier und da richtig splattern zu lassen. Das tut der Sechsteiler aber leider an keiner Stelle. Zwar verwöhnen uns die Macher mit allerlei anspielungsreichen Bildern, etwa in einem dunklen Wald - oder bemühen das symbolträchtige Bild eines mittelalterlichen Pestarztes.
Doch immer dann, wenn es ans Eingemachte gehen sollte, prägen mehr oder weniger geschickt gesetzte Andeutungen und Schnitte das Bild. Klar, wir bewegen uns in einem von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten mitfinanziertem Format. Doch selbst in der ARD Mediathek finden sich heute Serien und Filme, die mehr zu bieten haben.
Warum also diese Zurückhaltung, wenn Horror doch so ein großes Thema ist? Nun könnte man argumentieren, guter Grusel setzt sich nicht allein aus Splatterelementen zusammen, sondern benötigt auch eine starke psychologische Ebene. Doch auch jene sind nicht gegeben.
Nicht falsch verstehen bitte, die Story macht schon Spaß, bleibt aber andererseits auch jederzeit vorhersehbar. Drehbuchautor Hugh Travers bemüht altbekannte erzkonservative und fundamentalistische Motive einer Hexenjagd, an der mehr oder weniger ein ganzes Dorf beteiligt ist. Ob diese nun im Mittelalter oder in Mittelengland in den 80er Jahren stattfindet, bleibt letztlich irrelevant, wenn auch unterhaltsam.
Das Ensemble
Was an inhaltlichen und inszenatorischen Schwächen sichtbar ist, wird allerdings durch den gut gewählten Cast zu einem ansehnlichen Genrekonglomerat zusammengeführt. Vor allem der komödiantische Coming-of-Age-Ansatz gelingt hervorragend. Justin Daniels, Cal O'Driscoll und die herausstechende Leia Murphy erwecken ihre Figuren Billy, Con und Zoe auf ebenso leichtfüßige wie glaubwürdige Art zum Leben.
Sie lassen uns an den Sorgen dreier junger Menschen teilhaben, die sich als Außenseiter fühlen, gegen die Gesellschaft rebellieren und dabei naiv in ein Fettnäpfchen nach dem anderen treten. Dennoch gelingt es ihnen, im Auge des Sturms die Nerven zu behalten. Ihr einzigartiger Weg zum Erwachsenwerden, der beinahe im Chaos endet, gerät so trotz der genannten Schwächen zu einem unterhaltsamen Trip, von dem man sich durchaus mehr wünscht.
Fazit
Okay, ohne Frage wäre bei „Video Nasty“ noch so viel mehr drin gewesen. Insofern hinkt der oben angeführte Vergleich mit Stranger Things stark, obwohl die Liebe der Autoren und Regisseure zu der Retro-Mysteryserie durchaus spürbar ist.
Doch abseits des bisweilen fehlenden Mutes der Serienmacher ist das Format dennoch ein unterhaltsames und spaßiges Stück Fernsehen, dem man gerne eine Chance geben darf. Zu sehen ist die Serie ab sofort in der ARD Mediathek.
Wir verteilen zunächst dreieinhalb von fünf Pestarztmasken.
Verfasser: Reinhard Prahl am Samstag, 24. Mai 2025(Video Nasty 1x01)
Schauspieler in der Episode Video Nasty 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?