
Das passiert in der Pilot-Episode von The Tomorrow People:
Stephen Jameson (Robbie Amell) glaubt, dass er langsam verrückt wird. Der High-School-Schüler hört in seinem Kopf Stimmen. Und des Morgens wacht er an den unmöglichsten Orten auf; etwa im Ehebett der Nachbarn. Seine Mutter (Sarah Clarke, 24) glaubt, dass er einfach nur ein Schlafwandler ist und mit der richtigen Therapie und den richtigen Tabletten kuriert werden kann. Doch die Wahrheit ist um ein Vielfaches bizarrer: Stephen gehört zu den Tomorrow People - Menschen, die durch eine genetische Weiterentwicklung über Kräfte wie Telepathie, Telekinese und Teleportation verfügen.
Als Stephen eine Gruppe von Jugendlichen - darunter Cara (Peyton List, Mad Men), John (Luke Mitchell, H2O: Just Add Water) und Russell (Aaron Yoo) - trifft, die so sind wie er selbst, glaubt er ihnen zunächst kein Wort. Das ändert sich schlagartig, als eine geheime Organisation namens Ultra ihn zu entführen versucht. Ultra, angeführt von Dr. Jedikiah Price (Mark Pellegrino, Lost), will die Menschen vor den neuen Super-Kreaturen beschützen und greift dazu auf wenig sanfte Methoden zurück...
Britisches Vorbild
The Tomorrow People ist eine Produktion von alten The CW-Fahrensleuten: Zu den Produzenten gehört Greg Berlanti (Arrow), Regisseur der Pilotepisode ist Danny Cannon (Nikita) und das Drehbuch stammt von Showrunner Phil Klemmer (Veronica Mars). Gute Leute, die ein gutes Produkt abliefern.
Die Serie basiert auf einem britischen Vorbild, welches in den 70er Jahren vom Privatsender ITV als Gegenstück zum BBC-Erfolg Doctor Who konzipiert worden war, dabei aber kreativ ganz eigene Wege gehen sollte.
TIM
Einziges Element, das kurioserweise auch vermittelt über die US-Adaption eine Verbindung zu Doctor Who herstellt: TIM. Der sprechende Super-Computer TIM in der Zentrale der Tomorrow People und Mr. Smith aus dem Doctor Who-Spin-off The Sarah Jane Adventures gehen augenscheinlich auf die gleiche Inspirationsquelle zurück. Die beiden Computer klingen sogar sehr ähnlich (was möglicherweise auch dem Umstand geschuldet ist, dass TIM von dem Briten Dan Stevens, bekannt aus Downton Abbey, gesprochen wird).
Größte Abweichung vom Original ist derweil der Umstand, dass - zumindest bislang - in der Adaption keine Außerirdischen vorkommen. Stattdessen ist die Handlung sehr erdzentriert angelegt. Es geht um den Konflikt zwischen alten und neuen Menschen, zwischen Homo sapiens und Homo superior, zwischen Normalos und Mutanten. Anders als die „X-Men“-Filme macht The Tomorrow People daraus nicht nur eine Geschichte über Andersartigkeit und (mangelnde) Bürgerrechte, sondern spitzt den Konflikt als evolutionäre Auseinandersetzung zweier Spezies zu. Von den Tomorrow People geht ja, insoweit ist an den Worten von Dr. Price kaum zu zweifeln, tatsächlich eine Gefahr für die (bisherige) Menschheit aus.
Ambivalenz
Diese sehr differenzierte Betrachtungsweise, in der es für uns als Zuschauer mindestens genau so schwer ist wie für Stephen, zweifelsfrei zwischen den Guten und den Bösen zu unterscheiden, ist die größte Stärke und zugleich die größte Schwäche der Serie. Dass Jedikiah trotz seines Namens aus dem James-Bond-Villain-Baukasten nicht einfach nur ein tumber Bösewicht ist, der böse Dinge tun will, sondern ernsthaft an der Sicherheit und dem Wohlergehen der Menschheit interessiert zu sein scheint, ist genau das, was die Serie sehr interessant und den Zuschauer sehr nachdenklich macht.
War es nicht so, dass wir - der Homo sapiens - die Neandertaler verdrängt haben, weil wir ihnen in unseren Fähigkeiten überlegen waren? Was wäre, wenn nun wirklich eine neue Art Mensch auftauchen würde, die mehr kann als wir. Was würde das für unser Fortbestehen als Menschen bedeuten? Welche Chance hätten wir dann noch als Yesterday People? Andererseits: Müssten zwei intelligente Spezies nicht zu einer Verständigung und zu einer friedlichen Koexistenz finden können? Auch wenn man natürlich einwenden kann, dass wir damit ja schon untereinander allergrößte Schwierigkeiten haben.
Auf solche Gedanken kann The Tomorrow People den Zuschauer bringen, was für eine Fernsehserie allgemein und eine The CW-Serie im Besonderen ja schon mal nicht schlecht ist. Die Kehrseite davon ist allerdings, dass zumindest in der Pilotfolge die Spannung eher überschaubar ist. Das ist erst mal nicht weiter verwunderlich: Wie alle Pilotepisoden muss auch die von The Tomorrow People ungemein viel Exposition leisten, was schon mal tendenziell nicht unbedingt spannungsfördernd ist. Und dann ist es auch noch so, dass Spannung in aller Regel davon lebt, dass der Zuschauer klare Vorstellungen davon entwickelt, welchen Ausgang der Handlung er bevorzugt.
Im Falle von The Tomorrow People ist das nicht so leicht zu sagen. Ja, irgendwo sind die Ultras die Bösewichte. Und es macht Spaß, den Actionszenen zuzuschauen, wenn sich die Tomorrow People mit den Ultras beziehungsweise deren TP-Lakaien prügeln. Andererseits ist es aber auch nicht völlig unverständlich, dass sich Stephen nach wie vor dem - etablierten - Menschengeschlecht zugehörig fühlt und deshalb die Ultras am Ende als neuen Arbeitgeber wählt. Es ist nicht so leicht, sich hier für eine Seite zu entscheiden, was die Serie, wie gesagt, sehr interessant, aber noch nicht unbedingt spannend macht.
Die Figuren
An den Figuren und Figurenkonstellationen gibt es erst mal nichts auszusetzen. Zu hoffen ist allerdings, dass Stephens Daddy-Komplexe keine allzu große Rolle spielen und man der Versuchung eines Stephen-Cara-John-Liebesdreiecks aus dem Weg gehen wird. Sowas hat man einfach schon oft genug gesehen.
Fazit
Durchaus unterhaltsamer Auftakt zu einer Serie mit faszinierender Prämisse. Die Frage wird nun sein: Was wird The Tomorrow People daraus machen? Wird sich die Serie mit Stephen bei den Ultras im Tomorrow-People-der-Woche-Gestrüpp verheddern? Oder wird es gelingen, eine ambivalente Science-Fiction-Geschichte über die Koexistenz zweier menschlicher Spezies auf diesem Planeten zu erzählen?