The Lord of the Rings: The Rings of Power 1x05

© Amazon
Letzte Woche dachten wir noch, man würde sich künftig pro Episode auf drei Schauplätze in Mittelerde konzentrieren. Eine Theorie, die The Lord of the Rings: The Rings of Power von Amazon Prime Video mit der Folge Partings komplett über den Haufen Haufen wirft, denn im fünften Kapitel sind so gut wie alle Schauplätze und Charaktere vertreten...
Die Harfüße und der Fremde
Die Episode beginnt mit einem Highlight der gesamten Staffel, denn nachdem Nori (Markella Kavenagh) den Fremden (Daniel Weyman) nachdenklich macht, ob er hilfreich und gut oder gefährlich und böse ist, regt die Harfuß-Karawane Poppy (Megan Richards) dazu an, ein Wanderlied anzustimmen. Zu den Klängen von „This Wandering Day“ sehen wir dann eine wundervolle Migrations-Montage und dürfen uns gleichzeitig ein wenig über die kryptischen Lyrcis inklusive „trees of stone“ und „eyes of pale fire“ wundern. Die abschließende Liedzeile „not all who wonder or wander are lost“ bezieht sich übrigens auf ein Tolkien-Zitat aus „The Fellowship of the Ring“.
Die Frage, ob der Fremde gut oder böse ist, stellt sich erneut, als er die Harfüße vor einem Rudel Wölfe beschützt, die ganz nebenbei viel besser aussehen als der fragwürdige CGI-Warg aus der vorletzten Episode. Er benutzt dafür erschreckend mächtige Magie, die ihm selbst nicht ganz gut bekommt, und heilt sich daraufhin mit einer Art Eiszauber. Blaues Eis? Blauer Zauberer? Dabei zieht er aber auch Nori in Mitleidenschaft, die verschreckt davonläuft. Wie sich das auf den Stand der Brandyfoots in der Harfußgemeinschaft und die Freundschaft zum mysteriösen Fremden auswirkt, erfahren wir wohl erst in der kommenden Episode...
Am ursprünglichen Meteor-Landeplatz des rätselhaften Riesen treffen unterdessen unheimlich anmutende, in Roben gehüllte Gestalten ein. Allen voran, die von Bridie Sisson gespielte Figur, die Fans seit dem Comic-Con-Trailer Slim Shady nennen, weil sie Eminem etwas ähnlich sieht. Handelt es sich dabei um Melkor-Kultistinnen, die in Morgoths Plan-B involviert sind? Oder landete der erste der beiden Blauen Zauberer bereits zuvor in Mittelerde und etablierte im Osten eigene Kults (wie es in einer Version von Tolkiens Schriften vonstatten ging), die nun den zweiten Blauen einsammeln sollen? Auffällig ist jedenfalls, dass ihr Zepter nach einem Sauron-Auge aussieht und auch die vom Fremden gesuchte Sternenkonstellation ist auf ihren Ritual-Utensilien zu erkennen...
Lindon
Zwergenprinz Durin (Owain Arthur) findet sich mit seinem Freund Elrond (Robert Aramayo) und Schmiedekünstler Celebrimbor (Charles Edwards) bei Elbenkönig Gil-galad (Benjamin Walker) in Lindon ein, wo beide Seiten ein wenig auf Tuchfühlung gehen, was die jeweils andere verbirgt. Wie sich herausstellt, ahnen die Elben längst vom Mithril-Fund und haben ihre ganz eigene Agenda, von der Elrond bei seiner Reise nach Khazad-dum nichts wusste. Muss er bereits nach so kurzer Zeit seinen Schwur brechen und seine Freundschaft zum Zwerg aufs Spiel setzen, um seine eigenen Leute zu retten?
Hier lehnt sich die Serie Mythologie-technisch so weit aus dem Fenster wie seit der Valinor-Überfahrt in Episode eins nicht mehr, baut aber gekonnt ein Hintertürchen ein: Gil-galad erinnert Elrond an eine alte Legende von einem Elbenkrieger, der einst gegen einen Balrog kämpfte, um einen Baum auf den Mysty Mountains zu schützen, in welchem einer der drei verlorenen Silmarils gewesen sein soll. Die dabei in die Erde geströmte Energie soll das leuchtende Erz erschaffen haben, das deshalb so strahlend und kräftig ist. Kann sein Licht den androhenden Verfall des Elbentums aufhalten, der sich bereits in den faulenden Blättern Lindons manifestiert?
Mehrere Gedanken dazu stapeln sich geradezu: Die Legende kommt so nicht in Tolkiens Legendarium vor und es ist auch nicht die offizielle Hintergrundgeschichte von Mithril. Sie erinnert allerdings an Glorfindel, der im Ersten Zeitalter gegen einen Balrog kämpfte und da es sich laut Serie selbst unter den Elben um eine dubiose Legende handelt, muss sie nicht unbedingt wahr sein. Darüber hinaus scheint es absolut plausibel, dass Gil-galad hier einem Irrtum unterlegen ist. Kann es sein, dass dieser Mithril-Murks von jener Person stammt, die Celebrimbor zum Bauen der Ring-Schmiede angestiftet hat? Ist Sauron bereits als Annatar am Strippenziehen und hat ihnen ein Märchen über magisches Silmaril-Erz aufgetischt, obwohl er nur hinter dem praktischen Material her ist?
Zwei Sachen kann man an dieser Stelle weder Hardcore-Fans noch Casuals übelnehmen. Erstens: Verwirrt darüber zu sein, wie das Licht im Mithril die gesamte Elbenschaft retten soll. Hier wird die Serie seltsam nebulös und erinnert daran, wie Peter Jackson in seinen Filmen plötzlich behauptete, Arwens Schicksal sei an den Erfolg von Frodos Mission gekoppelt. Gemeint ist in diesem Fall wohl eine abstrakte Korruption der Welt im Allgemeinen, durch welche die naturverbundenen Elben in Mitleidenschaft gezogen werden. Zweitens: Gil-galad für einen heimlichen Schurken zu halten. Hat Sauron den echten Elbenkönig gefangen genommen und seinen Platz eingenommen? Das würde immerhin einiges aus dem Auftakt erklären sowie so manche zwielichtige Schauspielentscheidung Walkers.
Die visuelle Darstellung der Legende macht allerdings einiges her. Genau so dürfen uns gerne weitere Lore-Momente aus dem Ersten Zeitalter aufgetischt werden, an denen die Serie die Rechte hat. Gern ebenso High-Fantasy-mäßig stilisiert, wenn es um Morgoth und die Silmarils oder die zurückliegenden Kämpfe geht.
Dass die Szene zwischen Durin und Elrond erneut das emotionale Herzstück der Folge ist, wundert mittlerweile niemanden mehr. Hier wurde die freundschaftliche Krise glücklicherweise vorerst abgewandt, Durin darf als Retter der Elben auftreten, sofern er seinen Vater überzeugt bekommt, und erhält sogar einen neuen Tisch obendrauf. Doch was, wenn sich herausstellt, dass die Mithril-Geschichte wirklich Humbug gewesen ist? Auch der Original-Zwist zwischen Elben und Zwergen geht schließlich auf einen Konflikt um einen wertvollen Schatz zurück...
Die Southlands
Die Menschen, die sich beim Wachturm in den Southlands verschanzt haben, stehen vor der Frage, ob sie sich mit Bronwyn (Nazanin Boniadi) gegen die überlegene Ork-Armee stellen, oder sich wie ihre Vorfahren der dunklen Seite anschließen, um zu überleben. Waldreg (Geoff Morrell) führt jene an, die Adar (Joseph Mawle) die Treue schwören wollen, den sie (wie vermutlich nicht wenige im Publikum) für Sauron halten. Der reagiert aber recht rabiat auf die vermeintliche Verwechslung und will einen Treuebeweis aus Blut, was wohl das Ende der Fahnenstange für Theos Freund Rowan (Ian Blackburn) bedeutet.
Theo (Tyroe Muhafidin) bleibt mit dem mächtigen Schwertfragment bei seiner Mutter im Turm und zeigt es sogar Arondir (Ismael Cruz Cordova), der es als Schlüssel für eine dunkle Macht erkennt. Konstruierterweise findet sich dann ausgerechnet vor Ort die in Stein verewigte Gebrauchsanweisung für das Artefakt, das offenbar ein menschliches Opfer benötigt, um aktiviert zu werden. Doch welche Kraft wird damit entschlüsselt? Und ist jene Person, die sie entfacht danach noch zu retten? Oder würde die Verwendung des bösen Gegenstands wie der Eine Ring das gesamte gut gemeinte Unterfangen einfärben?
Die Orks sind jedenfalls schon auf dem Weg. Doch unter Umständen sind die Menschen nicht ganz auf sich allein gestellt...
Numenor
Die numenorische Verstärkung, die Queen Regent Miriel (Cynthia Addai-Robinson) in der letzten Episode zugesagt hat, verzögert sich etwas, denn wie zu erwarten war, stehen nicht alle hinter ihrer Entscheidung, die generationenlange Isolation aufzuheben, um irgendwelchen niederen Menschen in Mittelerde beizustehen. Selbst Kanzler Pharazon (Trystan Gravelle) unterstützt Miriels Mobilisierung nur aus opportunistischen Gründen und sieht sich bereits als Kolonialherren neuer Ressourcen-Quellen. Sein Sohn Kemen (Leon Wadham) versucht unterdessen, die Überfahrt zu sabotieren und zerstört eines der Boote, wobei er beinahe selbst umkommt und nur von Isildur (Maxim Baldry) gerettet wird. Der hatte versucht, sich heimlich mit nach Mittelerde zu schmuggeln, nachdem er nicht in die Freiwilligenarmee aufgenommen wurde, verdient sich aber durch seinen selbstlosen Rettungseinsatz einen Platz im Heer.
Galadriel (Morfydd Clark) nutzt die Zeit vor der Abfahrt, um den Männern von Elendil (Lloyd Owen) eine beeindruckend choreographierte Schwertkampf-Lektion zu geben und überzeugt ganz nebenbei Halbrand (Charlie Vickers) davon, endlich seine Bestimmung als König der Southlands anzunehmen. Das Gute daran: beide sehen ganz fantastisch in ihren Rüstungen aus - Galadriel bekam offenbar ein altes Elbenartefakt aus der Waffenkammer von Miriel geschenkt. Das vielleicht weniger Gute daran: Sollte Halbrand sich am Ende doch als Sauron entpuppen, hat die Elbin seine erstarkte Rückkehr ermöglicht - ganz wie Gil-galad es prophezeit hatte, sollte sie nicht nach Valinor verschwinden. Oh oh!
Manche werden das Verweilen in Numenor für eine Filler-Hinhaltetaktik halten. Tatsächlich passt dieser Zusatz aber noch ganz gut zum gemächlichen Pacing, das die Serie bisher an den Tag legt. Nur macht das die Numenor-Kids leider immer noch nicht interessanter. So fühlt sich dieser Schauplatz seit jeher am wenigsten cineastisch und am meisten nach gewöhnlicher Serie an, was nicht so ganz mit den epischen Eindrücken der anderen Storylines harmonieren will - egal, wie pompös das Inselreich gestaltet ist, das zugegebenermaßen ganz famos aussieht in dieser Folge.
Fazit
Die fünfte Episode von The Lord of the Rings: The Rings of Power bringt unheimlich viel unter und ist eine reine Achterbahnfahrt an Schauplätzen, Charakteren und Qualität. Das Hinhalten in Numenor und der verwirrende Mithrill-Mythologie-Zusatz zur Rettung der Elben sowie einige konstruierte Momente in den Southlands dürften für Stirnrunzeln sorgen. Dafür sind mit der Harfuß-Gesangseinlage, Stranger-Danger und der Durin-Elrond-Aussprache wieder einige absolute Highlights dabei, so dass wir zum dritten Mal in Folge bei vier von fünf Sternen landen.
Es fühlt sich an wie der Aufbruch zum Showdown. Werden in den kommenden drei Folgen einige der Mysterien zur Identität von Charakteren gelüftet? Und werden die angebotenen Auflösungen befriedigend sein? Unzählige Mysteryserien wie Lost können ein Lied davon singen, ihren aufgebauten Geheimnissen nicht gerecht geworden zu sein, hatten aber auch nicht den Luxus, von Anfang an durchgeplant zu werden. Für jetzt macht das Rätselraten Spaß, es kommt aber oft zu einem hohen Preis - spätestens, wenn es um ad acta gelegte Theorie-Sackgassen oder die Lust auf einen späteren Rewatch geht.
Hier ist abschließend noch der Trailer zur Episode 1x05 der Serie „The Lord of the Rings: The Rings of Power“:
Verfasser: Mario Giglio am Montag, 26. September 2022(The Lord of the Rings: The Rings of Power 1x05)
Schauspieler in der Episode The Lord of the Rings: The Rings of Power 1x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?