The Haunting of Bly Manor 1x09

© he Haunting of Bly Manor (c) Netflix
„Alles in allem bleibt nach der ersten Episode von ,The Haunting of Bly Manor' festzuhalten, dass sich Mike Flanagan durch seine grandiose Arbeit bei ,The Haunting of Hill House' genug Vorschussvertrauen verdient hat, dass wir wieder mit Geduld abwarten sollten, wie auch in der neuen Geschichte alles Stück für Stück zusammenkommt und am Ende Sinn ergibt.“
Oder auch nicht. Tatsächlich muss ich mein Urteil zum Auftakt von The Haunting of Bly Manor bei Netflix nach Sichtung der gesamten neuen Staffel der Anthologieserie, die 2018 mit The Haunting of Hill House begann, revidieren. Das Warten hat sich nicht gelohnt. Horrorregisseur Mike Flanagan konnte diesmal leider keine gute Geistergeschichte heraufbeschwören. Obwohl er selbst sogar zugibt, dass es eigentlich eine Lovestory sein sollte - doch auch die ist nicht gerade umwerfend.
Fazit
Um nicht denselben Fehler zu begehen wie die Serie - also ewig um den heißen Brei herumzureden, bis der Spannungsbogen schon an Altersschwäche stirbt -, komm ich am besten direkt zum Punkt: Alles, was The Haunting of Hill House damals so besonders gemacht hat, fehlt bei The Haunting of Bly Manor. Die Serie gehört genau zu der Sorte Serien, von denen sich der Vorgänger so gekonnt abhob, weshalb man Flanagan auch zuschrieb, dem Geistergenre frischen Atem einzuhauchen.
Viel zu viele Nebenhandlungsstränge verstopfen die Erzählung, die wohl genauso gut in einem einzigen Film über die Bühne hätte gebracht werden können (was übrigens längst geschah, da das Ganze bekanntlich lose auf der recht berühmten Henry-James-Novelle „The Turn of the Screw“ von 1898 basiert). Dann hätten wir auch nicht erst acht Folgen durchhalten müssen, um ein paar Antworten zu kriegen, die uns dann schon gar nicht mehr interessieren. Denn der langersehnte Rückblick kommt ausgerechnet dann, als die Geschichte erstmals richtig spannend wird und wir um das Leben der Protagonistin Dani (Victoria Pedretti) zittern. Mit anderen Worten: Gerade, als die Serie richtig Fahrt aufnimmt, tritt sie gleich wieder auf die Bremse.

Die lady of the lake schien am Anfang mindestens so vielversprechend wie die Bent-Neck Lady. Doch, wenn sich eine Horrorserie auf die Fahne schreibt, nicht mit Jump-Scares schocken zu wollen, sondern mit unvorhersehbaren Wendungen, dann liegt bei The Haunting of Bly Manor auch in dieser Hinsicht eine dicke Leiche begraben. Während die Erklärung der Herkunft der großen Gruselgestalt bei The Haunting of Hill House einst unzählige Knoten platzen ließ, platzen diesmal höchstens Kragen, nämlich die der Zuschauer. Denn wer ist mysteriöse Dame aus dem See? Jemand, den wir nie vorher gesehen haben - und die nicht viel mehr tut als schlafen, aufwachen und rumlaufen (und gesichtslos ein kleines bisschen aussieht wie Sandra Bullock). Mit einem Schlag macht Flanagan alle Ratebemühungen und somit auch den Spaß zunichte. Das fehlende Gewicht der viel zu spät eingeführten Schlüsselfigur kann er nicht mal dadurch übertünchen, dass er die Rolle Kate Siegel zugeschrieben hat. Höchstens japsen die Fans vielleicht: „Oh schau, das ist doch hier die Eine aus Dings!“
Alte und neue Gesichter
Allgemein hat sich das American Horror Story-eske Zurückholen des alten Ensembles nur im Fall von Pedretti ausgezahlt, die wie immer ganz, ganz bezaubernd ist. Auf Oliver Jackson-Cohen als sehr schottischen Möchtegerncharmeur Peter Quint, in den sich die angeblich ach so kluge Rebecca Jessel (Tahirah Sharif) aus unerfindlichen Gründen Hals über Kopf verliebt und deren völlig unbewegende Romanze die Staffel tragen soll, hätte ich gern komplett verzichtet. Und dem Amerikaner Henry Thomas hätte man netterweise auch ersparen können, sich mit einem britischen Akzent abmühen zu müssen.
Carla Gugino tritt derweil fast ausschließlich als Stimme auf, was sich wie Verschwendung anfühlt. Dass ihre Erzählerin am Ende als ältere Version der Gärtnerin Jamie (Amelia Eve) ausgewiesen wird, ist ein Musterbeispiel für eine Wendung, die unnötig erscheint. Als Guginos Alter Ego gleich zu Beginn behauptet, dass sie mit der Geschichte selbst nichts zu tun habe, hat ihr natürlich kein mitdenkender Zuschauer wirklich geglaubt. Die Frage war nur, welche der Figuren sie sein könnte. Die meisten dachten zunächst wahrscheinlich direkt an Dani, doch danach blieb eigentlich nur noch Jamie übrig. Obwohl das Ganze äußerlich kaum Sinn ergibt, außer natürlich die Trauer um ihre über alles geliebte Frau hat sie in nur 15 Jahren 30 Jahre altern lassen. Lustig ist auch, dass Gugino erst am Ende eine Jamie-artige Sprechart annimmt und Jamie erst spät ihre charakteristischen Locken glättet. Ein unwichtiges Geheimnis, das sehr ungeschickt geheim gehalten werden sollte.

Die neuen Gesichter sind diejenigen, die in The Haunting of Bly Manor am meisten Eindruck hinterlassen. Allen voran die Haushälterin Hannah (T'Nia Miller) und der Koch Owen (Rahul Kohli). In einer Staffel voller Liebesgeschichten, die Flanagan diesmal doll am Herzen lagen, ist ihre Beziehung die interessanteste und irgendwie auch glaubwürdigste. Und das, obwohl sich die Zwei nie küssen und wohl auch nur platonisch lieben. Für mich persönlich bleibt das tragischste und beste Bild dieser Staffel, als Hannah in den Brunnen schaut und ihre eigene Leiche sieht und weiß, dass sie längst gestorben ist. Allerdings gibt es auch hier so einige Längen. Auf den gesamten Themenkomplex „Dream-Jumping“ will ich gar nicht erst eingehen...
Gruselfaktor? Fehlanzeige!
Auch auf diesen Punkt muss abschließend nochmal eingegangen (und somit leider auf die Serie eingetreten) werden. Gruselig ist an The Haunting of Bly Manor tatsächlich nur der Gedanke, dass das Team rund um Flanagan, das vor zwei Jahren noch so großartige Arbeit abgeliefert hat, in so kurzer Zeit offenbar alles verlernt hat. Man denke nur an die Szene mit der Schatztruhe, die eigentlich den Höhepunkt des Horrors hätte bilden müssen, stattdessen aber im unfreiwilligen Slapstick endete. Nehmt Euch in Acht vor den bösen Ärmeln, die Euch erwürgen! Immerhin hat Siegel dabei nicht „Buh!“ gerufen.
Selbst das anfänglich so schauderhafte Charakterdesign der Lady of the Lake verliert mit der Zeit seine Wirkung. Dani sagt sogar selbst, dass sie irgendwann gar keine Angst mehr vor ihr hatte, sondern nur noch hingestarrt hat. Ähnlich wurde vorher übrigens auch schon ihr verstorbener Verlobter mit den leuchtenden Augen „übergezeigt“, bis er fast zum Witz verkam.
Dem Drehbuch der Serie fehlt es vor allem an Eleganz, wenngleich es krampfhaft versucht, mit schönen Dialogen zu glänzen, die mit der Zeit aber auch nur noch nerven. Besonders, wenn Gugino ein und denselben Satz immer und immer wieder wiederholt und wiederholt und wiederholt. Man erntet bekanntlich, was man sät - auch als Autor. Und Flanagan hat in dieser Geschichte einfach nicht genug gesät, sodass sich seine späteren Ernten völlig unverdient anfühlen.
Vergessen ist sein geniales Spiel der Erzählperspektiven und Zeitsprünge, vergessen sein psychologischer Feinsinn bei der Charakterarbeit. Geblieben sind nette Kulissen, anständige Schauspielleistungen und ein generisches Geisterdrama. Richtig schlecht ist das Ganze vermutlich nicht, doch die Enttäuschung derzeit groß genug, dass es sich irgendwie so anfühlt.
Hier noch der Trailer zur Netflix-Anthologieserie „The Haunting of Bly Manor“:
Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 19. Oktober 2020(The Haunting of Bly Manor 1x09)
Schauspieler in der Episode The Haunting of Bly Manor 1x09
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?