Das amerikanische Network NBC hat sich mit Siberia eine fiktionalisierte Kreuzung aus den Realityformaten The Amazing Race und Survivor ins Sommerprogramm geholt. Was sich zunächst wie eine müde Sommerlochproduktion liest, ist überraschend gut umgesetzt.

Gruppenbild mit Moderator: „Siberia“ präsentiert den Teilnehmern eine ungewisse Zukunft. / (c) NBC
Gruppenbild mit Moderator: „Siberia“ präsentiert den Teilnehmern eine ungewisse Zukunft. / (c) NBC

Nun gut, an dieser Stelle soll keinesfalls eine hymnische Lobesrede auf das neue Abenteuerformat Siberia folgen. Im Mai war bekanntgeworden, dass der Sender NBC die von Sierra/Engine Television und Infinity Films eigenproduzierte Actionserie gekauft hat, um das Sommerserienloch zu stopfen „49877“. Üblicherweise versenden die amerikanischen Networks im Sommer Wiederholungen, Restfolgen von abgesetzten Serien oder eben diejenigen Produktionen, von denen sie sich keine überragende Zuschauerresonanz erwarten.

We don't want a "Lord of the Flies" situation on our hands

Zugegeben, mit diesem Vorwissen geht man als Rezensent also etwas voreingenommen an das kritisch zu beleuchtende Serienprodukt heran. Und so erwartet man ein niedriges production value, keine sonderlich ausgefeilte Charakterzeichnung sowie eine wenig überraschende Dramaturgie. All das bekommt man auch. Trotzdem schafft es Siberia, das Interesse der Zuschauer zu wecken. Ignoriert man den überbordenden Pathos, die omnipräsente musikalische Untermalung und die doch recht vorhersehbaren Charakterentwicklungen, so stößt man auf eine einfache, linear erzählte Geschichte mit durchaus liebenswürdigen Figuren und einem spannenden Twist am Ende der Episode.

Die schöne Carolina (Joyce Giraud) mit dem blutenden Herz macht sich Sorgen. © NBC
Die schöne Carolina (Joyce Giraud) mit dem blutenden Herz macht sich Sorgen. © NBC

Als Kenner des Realityformats „The Amazing Race“ fühlt man sich in der Anfangssequenz doch sehr stark an ebenjenes Abenteuerdrama erinnert, bei dem die Teilnehmer in einer Schnitzeljagd rund um die Welt dem Preisgeld von einer Million Dollar hinterherhecheln. 16 Wettbewerber einer TV-Show stehen also mit verbundenen Augen auf einem freien Feld inmitten der unendlich erscheinenden sibirischen Taiga. Ein Moderator (Jonathon Buckley) erklärt ihnen die Regeln des Spiels. In dem „real-life social experiment“, einem Projekt, das in der Form nie zuvor durchgeführt worden sei, gebe es nur ein Ziel: „Survive until the end of winter.

Wer dies schaffe, könne mit einem Preisgeld von 500.000 Dollar nach Hause fliegen. Dies sei im Übrigen auch der einzige Weg, den Ort zu verlassen, denn es gebe keine Straßen. Im nächsten Atemzug lässt er den besonderen Dreh des Experiments verlauten. Die Teilnehmer wohnen in einem exakten Nachbau einer Siedlung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Fellhändlern als Zwischenstation diente. Sämtliche Einwohner dieser Siedlung seien im Jahre 1908 plötzlich verschwunden. Ihr Verbleib sei bis heute nicht aufgeklärt.

Was in der Pilotepisode nur am Rande erwähnt wird: Das Spiel läuft in der Tunguska-Region ab, in der im gleichen Jahr des Verschwindens der Siedlungsbewohner ein mysteriöses Ereignis stattgefunden hat. Bis heute ist nicht restlos aufgeklärt, worum es sich bei der enormen Explosion gehandelt haben könnte. Es wird jedoch stark davon ausgegangen, dass ein Asteroideneinschlag dafür verantwortlich gewesen sein müsste. Dies würde den größten jemals auf der Erde gemessenen Einschlag eines außerirdischen Flugkörpers darstellen. Seine Wucht wird eintausendmal stärker als die Explosion der Hiroshima-Bombe eingeschätzt.

When I get hungry, I get a little mean

Das Spiel ist denkbar einfach konzipiert. Das einzige Ziel ist das Überleben des bevorstehenden Winters. Außer der nachgebauten Siedlung werden den Teilnehmern keinerlei Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, weder Lebensmittel noch Wasser oder Werkzeug. Jeder Wettbewerber kann zu jedem Zeitpunkt das Lager verlassen und aufgeben. Außerdem gibt es keinerlei vorgeschriebene Regeln, die Teilnehmer gehen also von einer vollkommen anarchistischen Grundkonstellation aus. Einziges Hilfsmittel ist der sogenannte „Revealer“, eine Box mit Lautsprechern, durch die in unregelmäßigen Abständen Hinweise an die Spielenden verteilt werden.

%26bdquo;Hero of the Day%26ldquo;: Mr. Nerd (Daniel Sutton; r.) kommt der rettende Einfall beim Feuermachen. © NBC
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Nach dem ersten Spiel, einem Wettrennen zur Siedlung, müssen sich schon die ersten beiden Teilnehmer verabschieden. Fortan geht es also ans Eingemachte und an die uralte Erkundung menschlicher Dynamiken in angespannten Gruppensituationen. Sämtliche Charaktere scheinen mit der Schablone vorgezeichnet zu sein. Es gibt den durchtrainierten Egozentriker Johnny (Johnny Wactor), der sich alleine durchbeißen will und jegliche Versuche der übrigen Mitglieder, Arbeiten auf möglichst viele Schultern zu verteilen, ablehnt. Ihm gegenüber steht der Profisportler Neeko (Neeko Skervin) aus England, der sich sofort als Alphamännchen etabliert und versucht, die Führung der Gruppe zu übernehmen.

Weiterhin gehören zur Gruppe das renitente Model Esther (Esther Anderson), der Nerd Daniel (Daniel Sutton), die verschwiegene Sabina (Sabina Akhmedova), der direkt aus einem Mafiafilm zu stammen scheinende Sam (Sam Dobbins), die mit starkem Gerechtigkeitssinn ausgestattete Carolina (Joyce Giraud), Umweltschützer Tommy (Tommy Mountain) und weitere weniger prominent auftretende Nebenfiguren.

Nach der Ankunft im Lager und einer weiteren pathosbeladenen Ansprache des Moderators geht es sogleich an die Verteilung der wichtigsten Aufgaben: Feuer machen, Wasser holen, Nahrungsmittel besorgen. Es bilden sich kleinere Grüppchen, im Großen und Ganzen scheint das Gefüge jedoch tadellos zu funktionieren - mit einer Ausnahme: Während sich alle anderen mit ihren Aufgaben abmühen, widmet sich lonesome cowboy Johnny seinem guten Aussehen und relaxt in der Sonne. Die meisten Charaktere dürfen sich danach in die Kamera über ihn aufregen, abends am Lagerfeuer, das der „geniale“ Nerd Daniel mithilfe seiner Brille entzünden konnte, lässt er jedoch sein hartes Äußeres dahinschmelzen und verteilt Waldbeeren.

Nachdem es also am ersten Tag gelungen war, Wasser und Feuer zu organisieren, machen sich die trotz Beerengenusses hungrigen Neusiedler auf die Suche nach essbaren Pilzen. Dabei kommt es zum ersten unheimlichen - und fatalen - Zwischenfall: Naturfreund und Philantrop Tommy und der ihn begleitende Kameramann werden von etwas Undefinierbarem angegriffen. Der Kameramann überlebt, Tommy stirbt. Nach diesen Ereignissen bietet der Moderator den Teilnehmenden an, eine eigene Entscheidung über einen möglichen Spielabbruch zu treffen. Der Cliffhanger ist erreicht.

Fazit

Dem geneigten Serienzuschauer wird es nicht schwerfallen, das Kommende vorauszusehen. In der Gruppe wird sich eine lebhafte Diskussion darüber entwickeln, wie weiterhin zu verfahren sei. Die Geldgeilen und Machthungrigen werden für einen Verbleib im Lager stimmen, die etwas zarter Besaiteten für einen Abbruch. Am Horizont zeichnet sich also wenig Überraschendes ab.

Überraschend muss und kann und will Siberia wohl aber auch gar nicht sein. Diese Serie wurde in voller Gewissheit darüber produziert, niemals ein Premiumentertainmentprodukt werden zu können. Vielmehr ist sie eine kostengünstige Alternative für NBC, um auch im Sommer original content zeigen und nicht auf dauernde Wiederholungen zurückgreifen zu müssen.

Unter dieser Prämisse kann man sich als Zuschauer durchaus mit der eindimensionalen Charakterzeichnung, den vorhersehbaren gruppendynamischen Prozessen und dem etwas billigen look dieser Serie anfreunden. Denn so phantasielos die Charaktere auch modelliert sein mögen, ein liebenswertes Merkmal lässt sich bei (fast) allen finden - sogar bei Johnny.

Über den dramaturgischen Kunstgriff, die Kameramänner in die Handlung einzubinden, lässt sich streiten. Einerseits bieten sie eine zusätzliche Erzählebene, die schon am Ende der ersten Episode genutzt wird. Andererseits nehmen sie den Vorgängen etwas die Dramatik, hat es doch den Anschein, dass die Teilnehmer der Show eben nicht gänzlich auf sich alleine gestellt sind und dass die Kameraleute, Regieassistenten und sonstige Beteiligten bei besonders brenzligen Situationen doch eingreifen könnten. Geht der Zuschauer also mit niedrigen Erwartungen an das Sommerprojekt Siberia heran, so wird er kaum enttäuscht werden. Anders als die Ereignisse in Tunguska wird die Serie jedoch nur eine unterhaltungshistorische Randnotiz bleiben.

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