Rick and Morty 4x06

© usschnitt aus der Rick-and-Morty-Episode Never Ricking Morty (c) adult swim
Normale Rick and Morty-Episoden gibt es ohnehin nicht, doch Never Ricking Morty (4x6), der Auftakt zur zweiten Hälfte der vierten Staffel der Animationsserie von adult swim, ist noch einen Ticken spezieller als üblich. Sie ist das diesjährige Pendant zur obligatorischen „Interdimensional Cable“-Ausgabe, die beim letzten Mal bereits mit Morty's Mind Blowers ersetzt wurde. Der Titel ist eine Anspielung auf „Die unendliche Geschichte“. Und es handelt sich um eine außergewöhnlich nerdige Sezierung der grundlegenden Erzählstruktur von Serien und Filmen - mitsamt Bechdel-Test und Meta-Gags!
Worum geht's?
Das Ganze beginnt in einem mysteriösen Zug, in dem alle Passagiere dasselbe Ziel zu verfolgen scheinen, nämlich Rick Sanchez umzubringen. Gegenseitig erzählen sie sich Anekdoten, wie der Wissenschaftler im weißen Kittel ihr Leben zerstört hat. Und dann sehen wir, dass Rick und Morty ebenfalls an Bord sind, wenn auch in Verkleidung. Sogleich kommt es zum ersten Kampf mit dem Kontrolleur, der vollgepackt mit Muskeln ist. Als unser Heldenduo ihn besiegt und er elendig verendet, wacht der Tote plötzlich in derselben außerirdischen Spielhölle auf, in der Morty einst das gruselige VR-Game „Roy“ spielte. Und ab diesem Moment wird alles nur noch weirder und zugegebenermaßen auch verwirrender...
Rick erklärt, dass es sich bei dem Zug im buchstäblichen, aber auch im übertragenen Sinne um einen sogenannten Story Train handele, der ihr Schicksal nun bestimme. Nur, wenn sie den Lokführer besiegen können, der es auf all ihre Abenteuer und einmaligen Erlebnisse abgesehen hat, sind sie wieder frei. Das einzige Problem: Auch er ist ein waschechter Bodybuilder, der mit seinem Waschbrettbauch absolut unschlagbar scheint. Mit seinen festen Faustschlägen katapultiert er Rick und Morty immer wieder in andere Existenzen - mal als Soldaten im Vietnamkrieg, mal als Physiker in den Achtzigern. Um jeden Preis müssen sie die eine Wahrheit in Erinnerung behalten, um nicht in diesen Leben verloren zu gehen: Sie sind nur zwei Typen, die in einem Zug verprügelt werden. Und sind wir das auf eine Art nicht am Ende alle?
Wenn die Rick and Morty-Macher Dan Harmon und Justin Roiland nicht eh schon längst den Verstand verloren haben, dann wohl spätestens jetzt in der Corona-Krise, die tatsächlich sogar Erwähnung in der Episode findet. Ihre unbändige Kreativität scheint das sogar noch zu beflügeln, genauso wie ihren Sinn für Beliebigkeit, der Rick and Morty so unnachahmlich macht. Besonders lobenswert ist beispielsweise auch ihre Persiflage des Bechdel-Tests, der erfunden wurde, um zu prüfen, ob Serien und Filme ein Mindestmaß an Feminismus vorweisen können. Um Rick zu retten, muss sich Morty eine Geschichte einfallen lassen, in der zwei weibliche Figuren, die tatsächlich Namen haben, miteinander über etwas sprechen, das ausnahmsweise nichts mit Männern zu tun hat. Das Resultat ist zwar kein Meisterwerk, aber immer noch besser als viele echte Drehbücher...

Dass der entscheidende Schachzug zum Sieg über den Story Master ausgerechnet darin liegt, zu Jesus Christus zu beten, hat ebenfalls etwas sehr Belustigendes. Rick erkennt, dass sie nur gewinnen können, wenn sie sich „Out-of-character“ verhalten - und was wäre für ihn und Morty mehr „Out-of-character“, als Bibel-Verse aufzusagen? So kommt es schließlich, dass der leibhaftige Messias, der natürlich noch beeindruckendere Bauchmuskeln als alle anderen hat, sie am Ende erlöst. Und die Serie ist sogar metahumorig genug, um selbst anzuerkennen, dass ein solcher Angriff aufs Christentum eher billig ist, weil das Gros der Zuschauerschaft ohnehin streng atheistisch sein dürfte. Noch mehr Fanservice wird letztendlich betrieben, als Rick zurück in der Realität zum Zombie des Kapitalismus wird und ironisch blinden Konsum anpreist.
Fazit
Rick and Morty ist endlich zurück und lässt auch nach dreieinhalb Staffeln noch keine Ermüdungserscheinungen erkennen - und wenn doch, dann wäre die Animationsserie von adult swim wohl selbst die erste, die das thematisieren und sich zudem darüber lustig machen würde. Die Episode Never Ricking Morty ist ein Paradebeispiel für den intelligenten Humor, für den die Showrunner Dan Harmon und Justin Roiland stehen; sowie ein Testament dafür, dass sie alles außer vorhersehbar sein wollen. Wer zuletzt wie ich mal wieder ein paar alte Community-Folgen bei Netflix gesehen hat, erkennt in der Verspieltheit ganz klar Harmons Handschrift wieder, der hier endlich das Format gefunden hat, mit dem er sich vollends austoben kann.
Beim Schauen der Episode bekommt man schnell den Eindruck, dass es sich um die bis dato vermutlich verkopfteste Ausgabe handelt. Doch spätestens nach der Hälfte der Laufzeit wird es dann auch wieder wie gewohnt schreiend komisch - zumal zahlreiche neue Charaktere kreiert werden, die langfristig in Erinnerungen bleiben dürften, während zudem ein paar alte Veteranen wie Birdperson auftreten. Auch fühlt es sich so an, dass der Writers' Room die Folge hauptsächlich für andere Autorenkollegen geschrieben hat, denn die meisten Witze sind ziemliche Insider. Wie gesagt: Die Story ist nicht für Fans, sondern für Nerds - also für Serienjunkies, die gern hinter die Kulissen schauen und Erzählmuster dechiffrieren können.
Die Rückkehr ist also gelungen und nun ist alles angerichtet für eine phänomenale zweite Staffelhälfte, die sich umso süßer anfühlt in dem Wissen, dass uns Rick and Morty noch viele, viele Jahre lang erhalten bleiben wird. Sicherlich freuen wir uns künftig auch wieder auf „normalere“ Episoden, doch Never Ricking Morty betonte all die Stärken dieser so einzigartigen Serie. In diesem Sinne wünschen wir Euch ganz viel Spaß in den nächsten Wochen und schließen uns Ricks Appell zum stumpfen Kauf von nutzlosen Dingen an, um die Wirtschaft und unseren geliebten Kapitalismus über die aktuelle Krise zu retten...
Die deutsche TV-Premiere - zeitgleich zur US-Ausstrahlung - findet ab dem morgigen Montag, den 4. Mai immer wöchentlich um 5.30 Uhr auf TNT Comedy statt; die englischen Episoden erscheinen derweil um 22.40 Uhr mit deutschen Untertiteln.
Der Trailer zur 2. Hälfte der 4. Staffel von Rick and Morty: Verfasser: Bjarne Bock am Sonntag, 3. Mai 2020Rick and Morty 4x06 Trailer
(Rick and Morty 4x06)
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?