O.J.: Made in America 1x05

O.J.: Made in America 1x05

Die oscarprämierte Dokumentation O. J.: Made in America hat ihren Weg ins deutsche Fernsehen gefunden. Arte zeigt das monumentale Werk von Ezra Edelman nicht nur im linearen Programm, sondern auch im Internet. Für Amerika-Aficionados ist es Pflicht.

„If the glove doesn't fit, you must acquit.“ / (c) ESPN
„If the glove doesn't fit, you must acquit.“ / (c) ESPN
© ??If the glove doesn't fit, you must acquit.“ / (c) ESPN

Es ist eine wahrlich merkwürdige Anomalie des Peak-TV-Jahres 2016, dass sich innerhalb von nur sechs Monaten gleich zwei Formate - eins fiktional, eins dokumentarisch - mit dem Jahrhundertfall O. J. Simpson beschäftigten. Noch verwunderlicher ist nur, dass beide, sowohl die erste Staffel der FX-Serie American Crime Story als auch die fünfteilige Dokumentarserie O. J.: Made in America, zum Besten gehören, was das vergangene Fernsehjahr zu bieten hatte. Dementsprechend wurden beide mit den höchsten Ehren ausgezeichnet - die „Story“ mit gleich neun Emmys, „America“ mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm.

There's no more powerful narrative than race

In beiden Fällen sind die Auszeichnungen vollkommen berechtigt. Vergleicht man die Formate jedoch miteinander, ragt das monumentale Meisterwerk von Regisseur Ezra Edelman über die fiktionale Aufarbeitung von Ryan Murphy und Konsorten hinaus. Ganz einfach, weil sich darin gleich mehrere Meisterwerke verstecken. Konzentriert sich das fiktionale Format größtenteils auf den Gerichtsprozess, an dessen Ende O. J. Simpson gegen jede Erwartung freigesprochen wurde, unternimmt der siebeneinhalbstündige Film den erfolgreichen Versuch, nicht nur Simpsons Leben vollumfänglich abzudecken, sondern gleichzeitig auch die gesellschaftlichen Spannungen im Amerika des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Der Fall übt bis heute eine derartige Faszination aus, weil darin solche unterschiedliche gesellschaftliche Elemente wie Ruhm, Rassenverhältnisse und das amerikanische Rechtssystem kulminierten und kollidierten. Um dieser komplexen Gemengelage gerecht zu werden, taucht Edelman tief in die Geschichte seines Untersuchungsobjekts und der Stadt, in der sich alles ereignete, ein. Die ersten beiden Episoden widmen sich größtenteils der Karriere des in Armut geborenen Jungen, der dank eines außergewöhnlichen Talents zum größten Sportstar avancieren würde, den die USA damals kannten.

Außerdem legen diese Episoden die Grundlage für die soziologische Betrachtung der Rassenverhältnisse in Los Angeles. Sie konzentrieren sich dabei auf die Geschichte des Rassismus im Los Angeles Police Department (LAPD), die im Verfahren eine entscheidende Rolle spielen würde - eine Rolle, wie sie wohl niemand, am wenigsten die Ankläger, erwartet hatte. Überdies wird hierbei sehr deutlich nachgezeichnet, wie oft und intensiv es zwischen O. J. und seiner später ermordeten Ehefrau Nicole zu häuslicher Gewalt kam. Edelman zeigt hier auf, wie wichtig die guten Kontakte des Sportstars zum LAPD waren, um eine frühere Anklage abzuwenden.

Vom Sportheld...
Vom Sportheld... - © ESPN

So schwarz O. J.s Hautfarbe nämlich war, so wenig identifizierte er sich mit der schwarzen Kultur. Am besten eingefangen wurde das von ihm selbst: „I'm not black, I'm O. J.“ Während sich andere Sportler wie Muhammad Ali mit großen Gesten gegen die Diskriminierung Schwarzer in der amerikanischen Gesellschaft einsetzten, konzentrierte sich O. J. darauf, seine Karriere voranzutreiben. Er ließ sich dabei regelrecht weißwaschen, was ihm Zugang zu einem Niveau von Ruhm und Geld einbrachte, das anderen schwarzen Sportlern verschlossen blieb.

Absolute madness

1992, nur zwei Jahre, bevor Nicole und ihr Freund Ron Goldman von O. J. ermordet wurden, kam es in Los Angeles zu weitreichenden Rassenunruhen. Vorausgegangen war der auf Kamera festgehaltene Übergriff weißer Polizisten gegen den schwarzen Autofahrer Rodney King. Mit kaum auszuhaltender Brutalität schlugen die Beamten auf den längst am Boden liegenden King ein, bis der sich nicht mehr bewegte. Er überlebte schwerverletzt. Im anschließenden Verfahren wurden alle vier angeklagten Beteiligten freigesprochen. Der Aufstand ließ nicht lange auf sich warten. Los Angeles brannte.

Simpson war da schon längst kein Sportstar mehr, jedoch immer noch ein omnipräsenter Celebrity. Seine Footballkarriere hatte er bereits 1979 beendet, die Karrieren danach als Sportkommentator und Schauspieler zeitigten nicht annähernd ähnliche Erfolge. Hinzu kamen private Probleme mit Nicole, die nun endgültig kurz davor stand, ihn zu verlassen. Und das verrückterweise, obwohl er sie bereits mehrfach gewaltsam angegriffen hatte, wie Tonbandaufnahmen der Polizei beweisen, zu denen sich Edelman Zugang verschaffen konnte. Ein Zeuge berichtet dem Filmemacher sogar davon, dass O. J. bereits am Ende des allerersten Dates mit Nicole - sie war damals gerade einmal 18 Jahre alt - gewalttätig geworden war.

Im Mai 1994, nachdem ein weiterer Versuch der Aussöhnung wegen O. J.s Gewalttätigkeit schiefgegangen war, trennt sich Nicole von ihrem Ehemann, den ein Zeuge im Film als zutiefst eifersüchtig bezeichnet. Gerüchteweise stürzte sie sich in eine Affäre mit Marcus Allen, der „jüngeren, stärkeren Version“ von O. J., einem Footballspieler auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Schon bei einer früheren Affäre Nicoles war Simpson so weit gegangen, sich im Gebüsch hinter ihrem Haus zu verstecken und das Paar beim Sex zu beobachten. Gegenüber Nicole war er sich zudem nicht zu schade, das zuzugeben - eine Tonbandaufnahme eines ihrer Notrufe lässt sogar uns daran teilhaben.

...zum Mörder von Nicole Brown Simpson.
...zum Mörder von Nicole Brown Simpson. - © ESPN

Den Zugang sowie das Material, die Edelman sich verschaffen konnte, sind phänomenal. Nicht nur sprechen mit wenigen Ausnahmen - natürlich kommt der inhaftierte O. J. selbst nicht zu Wort - beinahe sämtliche Involvierte von damals mit ihm, er präsentiert auch bislang unveröffentlichtes Bild- und Tonmaterial. Und das bei einem Verfahren, das als Auslöser für die atemlose Rund-um-die-Uhr-Medienberichterstattung von heute eingestuft wird. Am brutalsten wird es in der vierten Episode, in der uns Edelman die Aufnahmen der beiden erstochenen Leichen in aller Grausamkeit zeigt.

An epic fall

Der größte Magenschlag ist jedoch weiterhin das Verfahren selbst. Obwohl das Versagen von Staatsanwaltschaft und Jury sowie die Brillanz der Verteidigung längst hinlänglich auseinandergenommen wurden - unter anderem in American Crime Story -, ist es doch immer wieder atemberaubend spannend, wie dieser so eindeutige Fall in den Sand gesetzt werden konnte. Er konnte nur so ausgehen, weil er im von Rassenspannungen aufgeheizten Los Angeles stattfand und weil der Angeklagte eine Berühmtheit war. Wie Edelman das alles miteinander in Verbindung setzt, ist unendlich faszinierend.

Die innere Wut, die sich bei uns Zuschauern unweigerlich aufbaut, über die Dreistigkeit der als „Dreamteam“ glorifizierten Verteidigung, die unverzeihlichen Fehler der Anklage und die unverschämten Offenbarungen mancher Jurymitglieder von damals, wird in der Folge zumindest leicht abgeschwächt. Zum einen bekommt Familie Goldman beim Zivilrechtsverfahren nicht nur die Bestätigung dafür, dass Ron von Simpson ermordet wurde, sondern auch einen millionenschweren Geldbetrag zugesprochen (auf dessen größten Teil sie bis heute wartet). Zum anderen widmet sich die Abschlussepisode dem entgeisternden, öffentlich breitgetretenen Niedergang O. J.s, der mit einer jahrzehntelangen, wenngleich für dieses Verbrechen überzogenen Haftstrafe in Nevada endet.

O. J.: Made in America ist das präziseste, ausgreifendste Porträt Amerikas zur Jahrtausendwende, das in einer Dokumentarserie zu finden ist. So faszinierend das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ auch sein mag, so tief sind die Wunden und gesellschaftlichen Demarkationslinien, die es durchtrennen. O. J. konnte nur so berühmt und reich werden, weil er seine schwarze Herkunft verleugnete. Sein Reichtum wiederum ermöglichte es ihm, besagtes „Dreamteam“ anzuheuern, das ihn zum Opfer des innerhalb des LAPD grassierenden Rassismus' stilisierte, das er nie war. Nur so konnte er von der größtenteils schwarzen Jury freigesprochen werden. Die Widersprüche sind ebenso atemberaubend wie unglaublich. Und doch ist es passiert. In Amerika.

Arte zeigt die Dokumentarserie am 7. und 8. Juli ab 20.15 Uhr und bis zum 6. August in der Mediathek.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 7. Juli 2017
Episode
Staffel 1, Episode 5
(O.J.: Made in America 1x05)
Deutscher Titel der Episode
Das 5. Quarter
Titel der Episode im Original
Part Five
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Samstag, 18. Juni 2016 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 19. Februar 2017

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