Morgen hör' ich auf 1x05

Bereits im Zuge meiner letzten Heimatkunde zur ARD-Miniserie „Die Stadt und die Macht“ deutete ich bereits an, mich der Frage nach deutschen Versionen bekannter amerikanischer Vorlagen widmen zu wollen. Im Zentrum dieser Debatte soll für mich die heute auslaufende Miniserie Morgen hör' ich auf stehen, welche zugleich ein abschließendes Fazit der Serie rund um den Geldfälscher Jochen Lehmann (Bastian Pastewka) darstellen soll.
Die Abnutzung des Erdbeerbärprinzips

Es freut mich persönlich besonders, nach meinem Kolumnendebüt rundum die Comedyserie Pastewka nun endlich die zweite Serie mit diesem von mir geschätzten Darsteller besprechen zu können. Umso mehr freut es mich dabei, dass mir nach dem Ende der Miniserie die Darstellung des Jochen Lehmann wesentlich besser gefiel, als ich dies zu Beginn der Serie erwartet hätte. Insgesamt bietet die Besetzung des Protagonisten für mich tatsächlich die kleinste Reibefläche an der Minisere, die es dennoch leider nicht so richtig schafft, mich zu überzeugen.
Allerdings muss ich jedoch auch feststellen, dass sich bei mir nach dem Sichten der Finalepisode Heute hör ich auf vor allem eins einstellt: ein unbefriedigendes Gefühl der Verwirrung. Sicherlich mag das zum einen daran liegen, dass die einzelnen Erzählelemente wie die psychischen Probleme des Familiensohnes Vincent (Moritz Glaser) oder die Liebschaft zwischen Tochter Laura (Janina Fautz) und Klassenprolet Tobias (Dennis Mojen) nicht wirklich rund wirkten und eine Symbiose mit dem zentralen Plot um Jochen, Julia (Susanne Wolff), Blaschko (Simon Schwarz) und Co leider verfehlten.
Der für mich jedoch größte Kritikpunkt steckt in dem Spiel mit dem Tempo und den Erwartungen der Zuschauer. Zwar haben die überzähligen Vorausblenden im Zuge der einzelnen Episoden zum Glück abgenommen, leider schaffte es jedoch keine von ihnen, eine wirklich befriedigende Auflösung zu bekommen. Stattdessen bekommt jede zuvor dramatisch inszenierte Nahaufnahme eine harmlose Erklärung gegenübergestellt, die bei mir leider vor allem dazu führt, dass ich mich hingehalten fühle.
Dabei bietet die Miniserie eigentlich eine Handvoll spannender Schlüsselmomente, die die Serie hätten wesentlich besser tragen können, wenn sie besser auserzählt und inszeniert worden wären. Hierbei muss ich den Totschlag Damirs (Georg Friedrich) als positives Beispiel hervorheben, welcher der ganzen Serie einen dramatischen Stoß versetzte, derer sie jedoch selbst nicht mehr Herr werden konnte. Warum jedoch die Hauszerstörung durch die Party die Familie genau so kaltlässt wie die Pfändung oder der Hubschrauberabsturz Blaschkos, bleibt mir schleierhaft.
Ich hätte mir von der Serie in dieser Hinsicht etwas mehr Zeit gewünscht, einzelne Momente dramatisch auf- und abzubauen sowie eine nachvollziehbarere Entwicklung der einzelnen Charaktere. Hierbei fällt mir vor allem die Charakterzeichnung Blaschkos negativ auf, die leider dem verstorbenen Damir in Sachen Zwielichtigkeit nicht das Wasser reichen kann. Das finde ich besonders schade, da ich die schauspielerischen Qualitäten von Simon Schwarz in Braunschlag oder Altes Geld sehr zu schätzen weiß und ihn dadurch als geradezu prädestiniert für einen „Big Bad“ halte. Doch leider bleiben die wirklich bedrohlichen Momente aus und auch die Pointe, dass dieser selbst pleite sei, schafft es leider nicht, mich wirklich zu überzeugen.
Morgen breake ich auf - Die Frage nach der deutschen Amiserie
Sicherlich habe ich mich in meinem Pilotreview etwas zu sehr auf den zuvor vom Sender selbst getätigten Vergleich zur US-Serie Breaking Bad versteift, weshalb ich mich nun speziell dem Thema dieses Anspruchs widmen möchte. Immer wieder werden nicht nur hiesige, sondern auch internationale Serienproduktionen mit bereits bestehenden Erfolgsformaten verglichen, seien es Die Stadt und die Macht als „deutsches ‚House of Cards‘“, Deutschland 83 als „deutsches ‚The Americans‘“ oder jüngst Legends of Tomorrow als „‚Dr. Who‘ trifft ‚Guardians of the Galaxy‘“.

Dabei gilt es zunächst zwischen den verschiedenen Adaptionsmöglichkeiten zu unterscheiden. So gibt es beispielsweise als strengste Adaptionsform Eins-zu-eins-Umsetzungen von bereits bestehenden Formaten, wie etwa anhand der spanischen Breaking Bad-Version Metastasis deutlich wird. Neben diesen sehr strengen Adaptionen bieten etwa Franchiseumsetzungen wie The Office das Beispiel eines recht freien Umgangs mit einem vorhandenen geistigen Eigentum.
Die Debatte, in welcher sich die Frage nach einem „deutschen Breaking Bad“ jedoch abspielt, dreht sich eben nicht um jene rechtlich involvierten, offiziellen Adaptionen, sondern wendet den Blick auf gewisse Teilaspekte einer Serie, in der man eine bestimmte Form wiederzuerkennen glaubt. Der Verweis kann dabei einerseits als Lobgesang verwendet werden, wenn zum Beispiel die österreichische Serie Braunschlag mit Fargo verglichen wird oder andererseits eben als verfehlte Zielsetzung, wenn es Die Stadt und die Macht eben nicht schafft, mit Borgen mitzuhalten.

Dabei lässt sich zum einen aufzeigen, dass sich diese Zuschreibungen zumeist auf einen Teilaspekt beziehen, wie etwa der politische Rahmen in Die Stadt und die Macht oder die Geschichte des auf die schiefe Bahn geratenen Familienvaters in Morgen hör' ich auf. Dieser Vergleich spielt sich somit auf der inhaltlichen Ebene ab, wenngleich auch Szenerie, Episodenanzahl oder Charakterkonstellation gänzlich andere Formen annehmen. Zum anderen liegt es dabei auch immer im Auge des Betrachters, ob referierende Elemente entweder als gekonnte Intertextualität, wie etwa einer schönen Hommage oder eben als entlarvtes Plagiat wahrgenommen werden.
Von der Unvergleichbarkeit der Vergleiche
Wenn man diese Debatte somit zurück auf Morgen hör' ich auf führen will, dann fällt zunächst auf, dass dieser Vergleich vor allem auf eben diesen zwei Ebenen geführt wird, wie es Bastian Pastewka eben selbst in Interviews zu der Serie zugab. Natürlich lassen sich die beiden Ausgangssituationen der Serien vergleichen, dennoch besteht dabei vor alleim ein gravierender Unterschied auf der strukturellen Ebene, da es sich hierbei um eine fünfteilige Miniserie und nicht um eine aus fünf Staffeln bestehende Dramaserie hält.
Wenn ich persönlich an die besondere Leistung von Breaking Bad denke, dann sind es für mich zwei Elemente, die für mich hervorstechen und die Serie definieren: die langsame Entwicklung des Charakters Walter White (Bryan Cranston) und das vor allem zum Ende der Serie immer ausgefeiltere Erzähltempo, mit welchem meine persönlichen Erwartungen immer wieder durchkreuzt wurden und ein unvergleichbares Serienende boten.
Dieser für mich zentrale Aspekt von Breaking Bad lässt sich natürlich gar nicht auf eine Serie wie Morgen hör' ich auf übertragen, wenngleich sie jedoch offenbahrt, warum solche Vergleiche hierzulande immer wieder angeführt werden. So wollen wir natürlich nicht die gleiche Geschichte wie in Breaking Bad noch mal auf Deutsch sehen, sondern vielmehr eine damit konnotierte dramaturgische Qualität erreichen, für welche die von uns als Vorlage genommene Serie eben steht.
Fazit
Sollte man sich nun also dazu hinreißen lassen, die beiden unvergleichbaren Serien miteinander zu vergleichen? Ich für meinen Teil muss dabei zunächst sagen, dass ich es zu Beginn der Miniserie sehr schwer fand, diese Vergleiche nicht zu sehen, einfach deshalb, weil dieser bereits zuvor bei mir im Kopf war. Trotzdem bietet der Vergleich mit anderen Serien eben auch die Chance, besser zu klassifizieren, wo die einzelnen Kritikpunkte der Serie liegen.
Ich will hierbei gar nicht auf einzelne Elemente wie die falschen Vorausblenden oder die Graffitis in der Wohnung der Lehmanns eingehen, jedoch steht der Vergleich der beiden Serien Morgen hör' ich auf und Breaking Bad für mich stellvertretend für die zentrale Suche nach einer Serie, die den Erwartungen, wie wir sie aus den dominanten amerikanischen Serien gewohnt sind, gerecht werden kann. Und da mir im Zuge meiner Kritik an der Miniserie vor allem Tempo-, Dramaturgie- und Charaktererzählungsprobleme auffallen, kann ich natürlich Breaking Bad als besseres Beispiel anführen, jedoch auch so ziemlich jede andere Serie, die so etwas besser hinbekommt. Natürlich ließe das offene Ende der Serie eine weitere Entwicklung in Form einer potentiellen zweiten Staffel noch zu.
Abschließend lässt sich wohl festhalten, dass der Vergleich hiesiger Serien mit international anerkannten Erfolgsserien gegebenenfalls eher vonseiten der Zuschauer kommen sollte, anstatt vonseiten der Produzenten. Wenn ich diesen gesamten Vergleich jedoch versuche auszublenden, bleibt für mich immer noch eine kleine, feine Miniserie, in der mich Bastian Pastewka vor allem von seinem schauspielerischen Talent überzeugen kann und die sich mehr Zeit hätte nehmen können, um einzelne Wendungen und Elemente besser auszuerzählen und die Charaktere passend zu den Geschehnissen zu entwickeln.

Was die Debatte um die Vergleiche angeht, sollten wir uns langsam fragen, ob die deutsche Serienlandschaft, sollte sie das tun, sich wirklich diesem Vergleich mit dem amerikanischen Serienmarkt eins zu eins stellen will oder stattdessen eher auf eigene Inhalte setzen sollte, wie sich zum Beispiel bei Der Tatortreiniger aufzeigen lässt. Vielleicht sollten wir uns weniger nach einem „deutschen ,Breaking Bad‘“ sehnen und es stattdessen mit dem Braunschlag- und Altes Geld-Regisseur David Schalko halten, dessen Anspruch es sei, besser als Breaking Bad zu sein...
Verfasser: Henning Harder am Samstag, 30. Januar 2016(Morgen hör' ich auf 1x05)
Schauspieler in der Episode Morgen hör' ich auf 1x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?