
Das TV-Network PBS, das sich in jüngster Vergangenheit vor allem einen Namen dadurch gemacht hat, Fernsehproduktionen aus Großbritannien (z.B. Doctor Who, Downton Abbey oder Wolf Hall) für das amerikanische Publikum zugänglich zu machen, präsentiert uns mit dem Historiendrama Mercy Street eine detailgetreue Eigenproduktion. Die erste Staffel wird sechs Episoden umfassen und in enger Zusammenarbeit mit zahlreichen Experten entstanden ist (unter anderem wurden Briefe und Aufzeichnungen von echten Doktoren und Krankenschwestern zu Rate gezogen, die in dem Krankenhaus des Handlungsortes tätig waren). Die sehenswerte Pilotepisode lässt zumindest kaum Zweifel daran, dass „Mercy Street“ genau den Geschmack des einen oder anderen geschichtsinteressierten Serienkonsumenten treffen wird.
Die von Lisa Q. Wolfinger und David Zabel (die beide neben Großmeister Ridley Scott auch als Executive Producer fungieren) entworfene Serie entführt den Zuschauer in eine der turbulentesten Phasen der amerikanischen Historie: den Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten. Eine prägende Zeit für die sehr junge Nation. Die Auftaktepisode von „Mercy Street“ zeichnet dabei ein sehr authentisches Bild der kulturellen, sozialen und politischen Umständen dieser Zeit. Die Serienmacher und die äußerst erfahrene Fernsehregisseurin Roxan Dawson (The Good Wife, Scandal) folgen dabei dem Lehrbuch, indem sie den Mechanismen des Genres treu bleiben. Genrefans, die sich an hervorragend ausgestatteten Kostümdramen mit (leichten) Hang zum Melodram erfreuen können, kommen so auf ihre Kosten.
Intruders
Auf der anderen Seite wünscht man sich, dass sich die Verantwortlichen hier und da vielleicht etwas Experimentierfreude hätten zeigen können. So fehlt dem Format zunächst etwas Eigenes. „Mercy Street“ vermag noch nicht wirklich aus dem großen Pool an Geschichtsdramen und period pieces herauszustechen - was sich jedoch in den nächsten Episoden noch fügen kann. In der Pilotepisode wird dieser Kritikpunkt ohnehin größtenteils durch die Ansammlung etlicher fähiger Darsteller und Darstellerinnen wettgemacht.
The Duchess
Angeführt wird die Schauspielerriege von Mary Elizabeth Winstead (Les Revenants), hier in der Rolle der verwitweten Mary Phinney, die nach dem Tod ihres wohlhabenden Ehemanns einer Berufung als Krankenschwester nachgehen will. Nach einer herrlich schroffen Einführung durch eine alteingesessene Krankenschwester (Gastdarstellerin Cherry Jones spielt in dieser kurzen Szene wunderbar auf) wird Mary in ein Hotel in Alexandria, eine Stadt im Süden der Nation, die gerade von den Streitkräften der Union „befreit“ wurde, verfrachtet. Aus dem Hotel ist ein Krankenhaus geworden, in dem sowohl Soldaten der Nord- als auch der Südstaaten behandelt werden.
Die Unruhen des Krieges und die Behandlung Angehöriger beider Seiten ist natürlich der perfekte Nährboden für diverse Konflikte, während sich die liberal denkende und durchsetzungsfähige Mary von jetzt auf gleich in ihrer neuer Umgebung zurechtfinden muss. So trifft sie nicht nur auf eine gönnerhafte Pflegerin, die gar nicht glauben kann, dass Mary zur neuen Oberschwester werden soll, sondern auch auf den zivilen Arzt Jedediah Foster (Josh Radnor), der andere Methoden als seine Kollegen vom Militär verfolgt und mit seinen Überzeugungen aneckt. Doch auch die junge Südstaatlerin Emma (Hannah James), aus gutem Hause und zutiefst empört, wie die Invasoren aus dem amerikanischen Norden mit ihrer Heimatstadt und Familie umgehen, kreuzt Marys Weg und zieht wie diese in Erwägung, endlich selbst aktiv zu werden und sich ihrer neuen Verantwortung in diesen schweren Zeiten bewusst zu werden.
Instruments of mercy and order
Zunächst fällt in Mercy Street auf, dass mit Roxan Dawson eine absolute Fachfrau auf dem Regiestuhl platz genommen hat. Es macht einfach einen visuellen Unterschied, wenn die vielen, mit gefühlt hunderten Darstellerinnen und Darstellern vollgepackte Szenen der Pilotepisode so unaufgeregt und sicher inszeniert werden. Manch andere Regisseure verlieren bei solchen Massenszenen, gelegentlich den Überblick. Dawson behält jedoch stets den Fokus, sodass wir stets genau wissen, wo wir uns gerade befinden. Darüber hinaus schafft sie dann noch ein paar wunderbar fließende Szenenübergänge.
Der hohe Authentizitätsgrad sowie die sehenswerte Ausstattung der Serie machen es uns sehr einfach, uns in diese historische Epoche zu versetzen. „Mercy Street“ behandelt eine Vielzahl an relevanten Themen, so zum Beispiel die Sklaverei, die Differenzen zwischen Nord- und Südstaaten sowie den Fortschritten in der Medizin und Krankenpflege. Wolfinger und Zabel kratzen dabei zunächst an den Oberflächen dieser Themengebiete und tauchen je nach Belieben etwas tiefer in die Materie ein. Für die Zukunft deutet man so bereits früh an, dass man vor derartigen wichtigen Themen nicht zurückweichen wird und anhand der verschiedenen Charaktere gesellschaftliche und politische Streitpunkte in und um den amerikanischen Bürgerkrieg behandeln will.

The wounded
Dies zeigt sich zum Beispiel in den Szenen zwischen Mary und Dr. Foster. Erstere ist eine überzeugte Gegnerin der Sklaverei, die den schwer verletzten Soldaten der Konföderation wenig Aufmerksamkeit zukommen lässt und somit gemäß ihrer Berufung sehr verantwortungslos handelt. Foster setzt sich indes für die Gleichbehandlung aller Patienten ein und hält der selbstgerechten Mary den Spiegel vor. Dass Foster jedoch selbst recht gleichgültig mit dem Problem der Sklaverei umgeht, wirft indes einige Fragen auf, die noch einer Erklärung bedürfen.
Wenn er sich schon so für die Gleichbehandlung der Verwundeten stark macht, warum sollten ihm die drangsalierten Sklaven der Südstaaten dann egal sein? Insbesondere, weil er selbst in einer Familie groß geworden ist, die Sklaven gehalten hat, sollte er sich als reflektierter Mensch (als nichts anderes wird er hier etabliert, gerade im Vergleich mit seinen Ärztekollegen) mit dem Thema auseinandersetzen. Die Figurenzeichnung Fosters ist hier etwas schwammig geraten, vielleicht geben die nächsten Episoden diesbezüglich etwas Aufklärung. Die beiden vermeintlichen Hauptdarsteller schlagen sich derweil sehr gut: Winstead bringt den natürlichen Charme, die Durchsetzungsfähigkeit und Unerschrockenheit mit, die ihren Charakter so auszeichnen, während es bei Josh Radnor ein Weilchen dauert, bis der geneigte Serienfan nicht mehr nur Ted Mosby aus How I Met Your Mother in ihm sieht. Ist dies geschafft, fällt einem Radnors sehr nuancierte Darbietung auf.
Alongside compatriots
Neben Winstead und Radnor lassen sich noch so einige hervorragende Namen finden, die sich hier in den verschiedensten Nebenrollen die Ehre geben. Den furchtbar talentierten Cameron Monaghan (Shameless) kann man hier zum Beispiel in der Rolle des schwer verletzten, jungen Konföderierten-Soldaten Tom Fairfax sehen, ebenso wie Gary Cole (Veep) als Patriarch der Familie Green. Auch Peter Gerety (The Wire) als Oberarzt des Krankenhauses. McKinley Belcher III (Show Me a Hero) wird ebenfalls eine prominente Rolle zuteil, verkörpert er doch den medizinisch begabten und äußerst fähigen Samuel, welcher aber aufgrund seiner afro-amerikanischen Herkunft nicht praktizieren darf. Anhand seines Charakters wird deutlich, wie sinnlos die ungleiche Behandlung von Afro-Amerikanern zu dieser Zeit ist, könnte er doch eine große Hilfe im Hospital sein - würde man ihn nur lassen.
Die bedeutendste Figur neben Mary und Foster ist jedoch Emma Green, die sich für die längste Zeit der Pilotepisode wie ein zickiges Püppchen präsentiert, das schleunigst erwachsen werden sollte. Auf der anderen Seite bekommen wir über ihren Charakter einen interessanten Einblick, wie es ist, wenn man stolz auf seine Südstaatenherkunft ist, jedoch plötzlich nichts mehr zu melden hat. Während Mary relativ schnell den blutigen Tatsachen ihrer neuen Beschäftigung ins Auge blicken und ihre Frau stehen muss, wird die weitere Entwicklung von Emma erst angestoßen.
Contribute
Im Großen und Ganzen präsentiert man uns in Mercy Street also eine bunte Mischung an äußerst meinungsstarken Protagonisten, die früher oder später aneinandergeraten werden. Dass sie sich dabei mit hochinteressanten Themen auseinandersetzen werden, steht außer Frage. Etwas Sorge bereitet mir nur, dass ein Großteil der Charaktere in der Pilotepisode doch recht stereotypisch aufgezogen sind: die bockige Unternehmertochter, die letztlich doch zur Einsicht gelangt und ihr Leben verändern will. Der aufrührerische Arzt mit dunkler Vergangenheit (und einem Drogenproblem?). Die taffe, unerfahrene, aber nimmermüde und unerschrockene Neukrankenschwester, die es allen beweisen muss. Ich verlange ja nicht die ausgefallensten Charaktere, in „Mercy Street“ lässt sich aber bei vielen Figuren bereits in der Auftaktepisode erahnen, wohin die Reise geht.

Victims
Hier liegt vielleicht auch das größte Problem von „Mercy Street“: So gut das Historiendrama auch aussieht und mit tollen Schauspielern besetzt ist, so gewöhnlich ist es in seiner Aufmachung. Genrefans sollten sich daran jetzt nicht besonders stören, manch anderer, hatte sich aber vielleicht einen frischeren Ansatz oder ein besonderes Alleinstellungsmerkmal erhofft. Wodurch kann sich das Format von der Konkurrenz abheben? Was ist das Besondere der Serie? Die Geschichte über ein Krankenhaus zur Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs, in dem sowohl Soldaten der Nord- als auch Südstaaten behandelt werden, ist auf jeden Fall etwas anderes. Ob das jedoch ausreicht, um die Zuschauer restlos zu überzeugen, darf bezweifelt werden.
Der Auftakt von Mercy Street liefert aber dennoch genügend Argumente, um dem Format eine Chance zu geben. Ein Historiendrama, das weiß, was es sein möchte, und seiner Bezeichnung mehr als gerecht wird. Wenn einen mal wieder die Lust packt, in ein authentisches und nebenbei informatives period piece beziehungsweise Charakterdrama vor historischen Hintergründen einzutauchen, dann ist „Mercy Street“ zweifellos ein Kandidat dafür. Kenner des Genres dürften ebenfalls ihre Freude an dem Serienneustart haben, wenngleich noch das gewisse Etwas fehlt. Vielleicht zeigt sich das noch in den nächsten Episoden.
Trailer zu „Mercy Street“: