Maya und die Drei 1x01

© erienposter zur Serie Maya und die Drei (c) Netflix
Nach dem epischen Finale von Maya und die Drei bin ich mir ehrlich gesagt unsicherer denn je, ob diese Animationsserie jemals für Kinder gedacht war. Aber zumindest ich als Erwachsener liebe die mexikanische Eigenproduktion von Netflix nun umso mehr. Der visuell und erzählerisch überwältigende Neunteiler ist wahrscheinlich meine persönliche Serienüberraschung 2021. Und weil ich ahne, dass die meisten noch nichts davon gehört haben, hier noch mal unser Streamingtipp.
Zunächst zum Mastermind Jorge R. Gutierrez, der das abenteuerlich actionreiche Fantasy-Format erfunden hat. Zuvor schuf der Emmypreisträger schon „El Tigre: The Adventures of Manny Rivera“ für Nickelodeon, was im Kontrast seine rapide Evolution untermauert. Um den Voice-Cast für Maya und die Drei zu bestücken, rief er scheinbar jeden Latinx-Star an, der zu haben waren: Zoe Saldana („Avatar“), Diego Luna („Rogue One“), Allen Maldonado (Heels), Stephanie Beatriz (Brooklyn Nine-Nine), Gael Garcia Bernal (Mozart in the Jungle), Danny Trejo („Machete“) und Alfred Molina („Spider-Man 2“) sowie die grandiose Rita Moreno (One Day at a Time).
Doch nicht nur hinter den Kulissen hat Gutierrez aus den Vollen geschöpft, denn auch in Sachen mesoamerikanischer Mythologie, Charakterdesign und Story allgemein zündet der Serienmacher ein wahres Feuerwerk. Maya und die Drei ist eine Serie, die buchstäblich die Grenzen des Vorstellbaren sprengt. Die Botschaft bleibt am Ende zwar die immer selbe - nämlich, dass Freundschaft und Liebe stärker sind als jede Macht des Bösen -, doch so bunt und lebendig wurde dieser einfache Punkt schon lang nicht mehr gemacht...
If it is to be...
Der Reihe nach, was bei einer derart hyperaktiven Serie gar nicht mal so selbstverständlich ist: Zunächst lernen wir die Titelheldin Maya (Saldana) kennen, die zur neuen Herrscherin des Königreichs Tecal gekrönt werden soll. Ihr Charakter kommt der Protagonistin aus Avatar: The Legend of Korra am nächsten, wobei dies nur die erste von vielen, vielen Parallelen zum „Avatar: Der Herr der Elemente“-Franchise sein soll. Statt brav zu regieren, will Maya lieber als Adlerkriegerin das Schwert schwingen. Genau wie ihre drei mutigen Drillingsbrüder (alle gesprochen von Bernal).

Am Tag der Krönung kommt sowieso alles ganz anders: Der sexy Fledermausprinz Zatz (Luna) stört die Zeremonie und erinnert König Teca (Gutierrez selbst), den Vater von Maya, an eine alte Schuld. Denn Maya war dem Gott des Krieges, Lord Mictlan (Molina), versprochen, der sie nun als Opfergabe einfordert, um seine Macht weiter auszubauen. Außerdem erfahren wir, dass Maya selbst zur Hälfte Göttin ist, denn ihr Vater zeugte sie mit Lady Micte (Kate del Castillo), der Göttin des Todes, die leider Gottes mit besagtem Superschurken verheiratet ist.
Langsam werden die Dinge kompliziert, zumal noch eine verwirrende Prophezeiung dazukommt, die entweder König Teca und seine drei Söhne oder aber Maya und drei Unbekannte als Helden markiert. Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass natürlich Maya im Zentrum dieser Geschichte steht. Und nach der ersten Episode lernen wir dann bald auch die anderen drei Titelfiguren kennen. Wer die Serie allerdings noch nicht gesehen hat, sollte trotzdem hier nun aufhören zu lesen. Und mich beim Wort nehmen, dass sich diese neun Episoden wirklich lohnen werden.
...it is up to me.
Der wunderbare Weltenbau von Maya und die Drei führt uns zu Beginn nach Luna Island. Dort lernt Maya ihren ersten Gefährten kennen, den stotternden Zauberer Rico (Maldonado). Ihm wird nachgesagt, dass er eventuell der größte Magier aller Zeiten sein könnte, doch sein bisheriger Lebenslauf spricht eine andere Sprache. Hier findet man vor allem Tragik und Trauma, aber davon hat die Kinderserie sowieso recht viel. Wissenswert über den sogenannten Rooster Wizard ist erst mal nur: Er hat Potential, ist aber sehr unsicher und überspielt dies meist, indem er plappert, plappert, plappert.
Als Nächstes lernen wir in den Jungle Lands das Monstruo Blanco kennen, den legendären Skull Archer, auch Chimi (Beatriz) genannt. Ihre Hintergrundgeschichte ist nicht leichter als die von Rico, was vielleicht die Anziehung der beiden erklärt. Dabei wuchs sie völlig anders auf als er, denn aufgrund ihres Albinismus wurde sie von ihren Mitmenschen verstoßen und lebte zusammen mit Tieren. Das hat zur Folge, dass sie bis heute ein wenig verwildert klingt. Aber mit Pfeil und Bogen ist sie eine echte Virtuosin. Und ehrlich gesagt hat sie sogar mehr Herz als alle sozialeren Geschöpfe zusammen.

Komplettiert werden Mayas Drei durch den tapferen Barbarenkrieger Picchu (Gabriel Iglesias), der unter PTSD leidet, nachdem er einen hinterhältigen Feind verschont hat, der später zurückkehrte und seine Familie auslöschte. Ob diese Kinderserie tatsächlich für Kinder geeignet ist (offiziell ist sie ab sieben Jahren freigegeben), kann sicher diskutiert werden. Zumal ja auch die Götter, die Maya und Co unterwegs treffen jede Menge Albtraummaterial bieten. Von ein paar sexuellen Anspielungen hier und da mal ganz zu schweigen...
Da wären zunächst Cabrakan (Trejo), der cholerische Gott der Erdbeben, und seine freundlichere Frau Cipactli (Rosie Perez), die Göttin der Alligatoren. Sie treten zunächst als Horrorkinder in Erscheinung, die selbst mir ein, zwei schlaflose Nächte bereitet haben. Außerdem gibt es noch den Gott der dunklen Magie (Carlos Alazraqui), die Göttin der Illusionen (Grey Griffin), die Göttin des Diebstahls (Alanna Ubach), den Gott der Dschungeltiere (Eric Bauza) und recht früh schon die prächtige Göttin der Tattoos (Chelsea Rendon). All diese Charaktere basieren übrigens auf echten Vorlagen der Kultur der Maya und Azteken, was an sich schon sehr cool ist, weil diese bis heute ziemlich vernachlässigt wurden in der westlichen Aufarbeitung.
Das große Finale
Die finale Auseinandersetzung zwischen Maya und Lord Mictlan nimmt Dimensionen an, die sogar mit den Avengers und Thanos mithalten können. Vier Königreiche vereinigen sich, um dem Gott des Krieges, der inzwischen die Macht aller anderen Götter absorbiert hat, entgegenzutreten. Visuell schießt Gutierrez hier noch mal aus allen Rohren. Öfter als je zuvor zieht er auch den brillanten Trick, das Bildformat mit 3D-Effekten zu sprengen, indem er die Bildränder oben und unten absichtlich durchbricht. Dieses wirklich einzigartige Stilmittel bleibt bis zum Schluss höchsteffektiv und ermüdet, wie auch der Rest der Serie, kein Stück. Hinzu kommen die wunderbaren Neonfarben, die Maya und die Drei so herausstechen lassen.
Auch wird ein weiteres Mal deutlich, dass die Serie vielleicht nicht wirklich für Kinder gedacht ist. Denn die Zahl der bedeutungsvollen Toten ist höher als in vielen Hollywood-Streifen. Allerletzte Spoiler-Warnung: Nachdem bereits Picchu seinen ehrenvollen Kriegertod sterben durfte, trifft es nun auch Mayas leibliche Mutter Micte und sogar ihre große Liebe Zatz. Ja, am Ende trifft es natürlich auch die Heldin selbst, deren Prophezeiung immer darin lag, sich selbst zu opfern, um ihre Freunde und Familie vor dem Untergang zu bewahren. Nur so kann der böse Lord Mictlan aufgehalten werden, der in seiner finalen Form ein doppelköpfiger Drache geworden ist. Epischer geht es kaum noch...

Gut möglich, dass einige die Auflösung gar nicht mehr mitbekommen haben, weil sie schon schluchzend am Boden lagen, deshalb hier noch mal fürs Protokoll: Die mächtige Dreifaltigkeitsgöttin Ah Puch (Moreno) lässt nach der Vernichtung des Schurken kurz alle Toten zurückkehren, um sich von ihren Hinterbliebenen zu verabschieden. Eine Nähe zum Tod, den man bisher nur im Pixar-Streifen „Coco“ sah, der wie Avatar: The Legend of Korra ebenso als Vergleichswerk genannt werden kann und muss. Und Maya gebührt die große Ehre, zur neuen Göttin der Sonne aufzusteigen, während ihr Zatz zum Mond werden darf. Ein unfassbar poetisches Ende, das nicht perfekter ausfallen könnte. Maya und die Drei macht vor, wie man ein Finale mit echten Kosten und gleichzeitig großer Schönheit aufs Parkett zaubert.
Unser Urteil
Die neunteilige Netflix-Animationsserie Maya und die Drei liefert ein vollkommenes Abenteuer, das nicht nur eine Mythologie zum Leben erweckt, die bislang übersehen wurde, sondern sich auch visuell von allem unterscheidet, was man kennt. Das Format vom Visionär Jorge R. Gutierrez wartet mit kinoreifen Bildern, einer gigantischen Heldengeschichte und liebenswürdigen Figuren auf. Es wird die optimale Balance gefunden aus vertrautem Erfolgsrezept und frischen Einflüssen, wodurch etwas entsteht, das auf jeden Fall auf breite Liebe stoßen wird, wenn die Serie an Bekanntheit dazugewinnt.
Wie sagenhaft der Animationsstil der Serie ist, lässt sich kaum in Worte fassen, sondern muss einfach mit eigenen Augen gesehen werden. Dafür kann man nochmals unterstreichen, wie rührend die zentrale Freundschaft von Maya und die Drei ausfällt. In sehr kurzer Zeit baut die Serie ihre Figuren auf und führt sie damit zum Finale ran, das die Ernte hart, aber höchst zufriedenstellend einfährt. Dank dieser gutgeplanten Reise lassen sich auch ein paar Holprigkeiten auf dem Weg vergessen. Ich persönlich bin zum Beispiel nicht der allergrößte Fan vom Humor des Formats, wobei mir von wichtigen Menschen in meinem Leben versichert wurde, dass sie das ganz anders sehen. Das bleibt eben Geschmackssache...
Alles in allem will man Netflix für Maya und die Drei einfach applaudieren. Denn die Animationsserie, die meiner Meinung nach nicht nur - oder aufgrund ihrer Epik vielleicht gar nicht - für Kinder gedacht ist, hat alles, was man sich nur wünschen kann: Herz, Einfallsreichtum, Spannung und natürlich ganz viel Schönheit. Einziger Wehrmutstropfen: Das Finale lässt kaum Spielraum für eine Fortsetzung, wobei man sich genauso gut auf den ersten oder nächsten und übernächsten Rewatch dieser Serie freuen kann, die sicherlich jedes Mal neue Details zu bieten hat. Immerhin gleicht hier jede Einstellung einem Gemälde, das es zu erkunden gilt. Ein Meisterwerk?
Hier abschließend noch der Trailer zur Netflix-Serie Maya und die Drei:
Avatar - The Legend of Korra: Staffel 1 (Stream bei Amazon Prime Video)
Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 8. November 2021Maya und die Drei 1x01 Trailer
(Maya und die Drei 1x01)
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