
Zeljko Ivanek, Bebe Neuwirth, William Sadler, Sebastian Arcelus, Mozhan Marno, Keith Carradine, Tim Daly und natürlich Tea Leoni: Das Ensemble des neuen CBS-Politdramas Madam Secretary ist bis in die kleinsten Nebenrollen mit arrivierten TV-Schauspielern besetzt. Warum das so ist, bleibt im Piloten ein Geheimnis, denn hier hat nur eine Figur wirklich etwas zu tun: Tea Leoni als neue amerikanische Außenministerin Elizabeth McCord.
I had some unfinished business
Zu Beginn bekommen wir eine Einführung in ihr harmonisches Familien- und Berufsleben, das bald durcheinander gewirbelt werden soll. Sie lehrt Politische Geschichte an der gleichen Universität, wo auch ihr Ehemann Henry (Tim Daly) als Religionsprofessor tätig ist. Der wird von seinen Studentinnen verehrt und bewährt sich schnell als einfühlsamer und verständnisvoller Ehemann. Von dieser Front sind also zunächst keine Konflikte zu erwarten. Auch mit den gemeinsamen Kindern kommt das Ehepaar gut zurecht: Der Sohnemann Jason (Evan Roe) geriert sich als Anarchist, was von seinen Eltern jovial belächelt wird. Tochter Allison (Kathrine Herzer) erfährt indes noch weniger Figurenzeichnung als ihr Bruder. Von ihr ist bislang lediglich bekannt, dass sie ihren Freund vermisst.
Die Pilotepisode gerät denn auch schnell zum Porträtfestival der Hauptfigur. Nachdem der amtierende Außenminister unter mysteriösen Umständen mit dem Flugzeug abgestürzt ist, will US-Präsident Conrad Dalton (Keith Carradine) Elizabeth zu dessen Nachfolgerin machen. Dalton kennt sie gut aus deren gemeinsamer Zeit beim Auslandsgeheimdienst CIA, laut eigener Aussage wollte er sie bereits bei seinem Amtsantritt zur Außenministerin machen, konnte sich aber nicht gegen innerparteiliche Widerstände durchsetzen. Er schätze sie besonders - und hier ist erstmals Augenrollen erlaubt -, weil: „You don't just think outside the box, you don't even know there is a box.“ („Du schaust nicht nur über den Tellerrand hinaus, du weißt nicht mal, dass es einen Tellerrand gibt.“)
Wenig überraschend lässt sie sich also dazu überreden, ihren kuscheligen Uni-Job aufzugeben und in die hohe Politik zu wechseln. Sie hat dafür auch eine Erklärung parat, sie habe nämlich das Gefühl, ihren Job bei der CIA unvollendet aufgegeben zu haben. Nach einem Zeitsprung von zwei Monaten kann sie also täglich nachholen, was damals zu kurz gekommen ist. Ihre erste Aufgabe hat mit harter Realpolitik aber wenig zu tun: Gemeinsam mit ihrem Beraterstab muss sie die optimale Sitzordnung für das Treffen mit dem König von Swasiland und seinen unzähligen Ehefrauen ausbaldowern. Dabei wird sie angemahnt, keine politisch sensiblen Themen wie die AIDS-Epidemie im südlichen Afrika anzusprechen. Am Ende tut sie das aber natürlich trotzdem - „outside the box“ und so.

Die Swasiland-Geschichte bildet eine Klammer für mehrere interessantere Handlungsstränge. Die erste große außenpolitische Krise ihrer Amtszeit wird durch die Gefangennahme zweier amerikanischer Jugendlicher in Syrien ausgelöst. Diese sollen wegen angeblicher Spionageaktivitäten innerhalb einer Woche exekutiert werden. Elizabeth und ihr mächtigster politischer Gegenspieler, Stabschef Russell Jackson (Zeljko Ivanek), sind uneins über die Vorgehensweise.
I came here to do the job that you said only I could do
Elizabeth plädiert dafür, die Jungs in einer Black-Ops-Befreiungsaktion aus dem Gefängnis zu holen. Sie kann sich mit ihrem Ansinnen durchsetzen, steckt jedoch eine herbe Niederlage ein, als sich Geheimdienstinformationen als falsch herausstellen und das Einsatzkommando das falsche Gebäude stürmt. Präsident Dalton gibt daraufhin dem Vorschlag Jacksons den Vorzug, einen politischen Poker einzugehen und darauf zu hoffen, die Syrer mögen die angekündigte Strafmaßnahmen aus Angst vor einem Vergeltungsschlag nicht ausführen.
Für Elizabeth ist diese kleine Niederlage gegen Jackson aber noch lange kein Grund, nicht doch über diverse verdeckte Kanäle eine weitere Befreiungsaktion zu planen. Über einen russischen Kontaktmann aus ihrer Zeit als CIA-Agentin stellt sie Verbindung zu den syrischen Machthabern her und handelt einen Deal aus: Für 1,5 Millionen US-Dollar an Hilfsgütern sollen die Häftlinge freigelassen werden. Die Syrer nehmen den Deal an, wenige Stunden später können die zuvor verzweifelten Eltern, die Elizabeth ihr volles Vertrauen ausgesprochen haben, ihre Söhne in Empfang nehmen.
Ein Erfolg auf ganzer Linie also. Hinter den Kulissen brodelt jedoch eine Verschwörung, deren Ausmaß bislang unbekannt ist. Elizabeth' ehemaliger CIA-Kollege George (William Sadler) taucht eines Abends leicht verwirrt an ihrer Haustür auf und berichtet, Beweise dafür gefunden zu haben, dass der Absturz ihres Vorgängers kein Unfall gewesen sei. Am Ende trifft es George selbst, Elizabeth erfährt nach ihrer erfolgreichen AIDS-Kampagne für Swasiland vom „Unfalltod“ ihres Freundes.

Die ernsten Politdramen werden zwischenzeitlich durch manch humoristische Einlage aufgelockert. So verpasst Stabschef Jackson der Außenministerin mit Roxanne Majidi (Mozhan Marno) eine Stylistin, weil ihm offensichtlich ihr Look nicht gefällt. Nach anfänglicher Skepsis lässt sich Elizabeth darauf ein - mit durchschlagendem „Erfolg“. Die Medien berichten nun nicht mehr von ihrer Politik, sondern nur noch von ihrem veränderten Äußeren und was das wohl zu bedeuten habe - ein schöner Kommentar auf den momentanen Zustand amerikanischer Nachrichtenorganisationen.
Now is not a good time for substance
Außer mit diesem kleinen Seitenhieb bleibt die Pilotepisode von Madam Secretary aber auffallend zahnlos. Russland wird einmal als „Schweinestall“ bezeichnet und die bösen Gegenspieler kommen aus Syrien (wenngleich man hier keine Gesichter zu sehen bekommt), bezüglich Afrika wird eines der kleinsten Länder überhaupt thematisiert, das weltpolitisch von keinerlei Bedeutung ist. Ansonsten beschränkt sich die Geschichte auf das Porträt ihrer Heldin und die Verwicklungen innerhalb der höchsten amerikanischen Politzirkel. Das ist teilweise ganz amüsant, bleibt aber im Endeffekt harmlos.
Das Format wurde von der erfahrenen TV-Autorin Barbara Hall (Judging Amy, Homeland) ersonnen und ist wohl als Polit-Procedural angelegt: In jeder Episode wird es ein neues außenpolitisches Problem geben, das von Leonis Figur gelöst werden will. Im Hintergrund brodelt die tieferliegende Verschwörung, die von George in der Auftaktepisode aufgedeckt wurde.
Es gibt zwei Pfade, auf denen sich das neue Drama entwickeln kann: Auf dem Pfad von Vorbildern wie The Blacklist würde die Verschwörung lediglich als Teaser dienen, um die Zuschauer Woche für Woche mit kleinen Häppchen neuer Informationen zu ködern. Auf dem Pfad vom Ausstrahlungspartner The Good Wife („Secretary“ läuft sonntags immer davor) könnte die Serie dem angestaubten Format neue Impulse geben - so wie „Good Wife“ das einst für das Justizgenre gelang. Nach dem Pilot deutet sich eine solche Entwicklung noch nicht an, sollte das ausgezeichnete Ensemble aber das richtige Material bekommen, bleibt das nicht ausgeschlossen.