Lovecraft Country 1x10

© zenenfoto aus der US-Serie Lovecraft Country (c) HBO
Wo soll man bei Lovecraft Country nur anfangen? Vielleicht bei den scheußlichen Shoggoth-Höllenhunden, die unseren Protagonisten Atticus Freeman (Jonathan Majors) erst jagen und ihn dann zum großen Staffelfinale plötzlich beschützen, nachdem sein zunächst verschollener Vater, gespielt von Michael K. Williams (The Wire), als Legastheniker einen Zauberspruch falsch vorliest? Oder vielleicht bei der koreanischen Krankenschwester Ji-Ah (Jamie Chung), die mit ihren haarigen Tentakeln beim Sex die Seelen ihrer Liebhaber sammelt? Bei der blauhaarigen Hippolyta (Aunjanue Ellis), die bei ihrem Astrotrip erst mit Josephine Baker den Charleston tanzt und dann als Amazone die Soldaten der Konföderierten Staaten besiegt? Oder etwa bei Topsy und Bopsy, den Psychoschwestern aus „Onkel Toms Hütte“, die der armen Dee (Jada Harris) den Arm abbeißen? Oder doch beim Geheimbund der „Sons of Adam“, die durch Blutopfer ins Paradies einziehen wollen?
Beschreibt man jemanden, der das HBO-Horrordrama von Misha Green (Underground), basierend auf dem gleichnamigen Matt-Ruff-Roman, nicht kennt, was in den einzelnen Episoden der zehnteiligen Auftaktstaffel vor sich geht, läuft man wohl Gefahr, für verrückt gehalten zu werden. Zumindest in Sachen Einfallsreichtum kann der Serie dieses Jahr niemand das Wasser reichen - und das macht sie bereits in ihrer brillanten Eröffnungsszene deutlich (mehr dazu in unserer Pilotreview). Gleichzeitig ist Lovecraft Country vielleicht sogar etwas zu schlau, denn immer wieder verliert die Geschichte bei all den aufregenden Abenteuer den Fokus. Wie ein hochbegabtes Kind, das sich in der Schule einfach nicht konzentrieren kann.
Worum geht's?
Wie gesagt: Zusammenzufassen, was auf dem Papier geschieht, hat bei dieser Serie kaum einen Sinn. Nur ganz allgemein: Im Zentrum steht der Koreakriegsveteran Tic, der nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten nach seinem Vater sucht. Gemeinsam mit seiner Freundin Leti, gespielt von Jurnee Smollett - die viele zurecht als eigentlichen Star bezeichnen -, begibt er sich auf eine Odyssee durch die Exsklavenstaaten. Ihnen begegnen Monster und noch monströsere Menschen, die den beiden immer wieder vor Augen führen, wie schrecklich das Leben für Schwarze Amerikaner in Jim-Crow-Zeiten war (und teilweise noch heute ist, was im vergangenen Sommer nach dem Tod von George Floyd leider deutlicher denn je wurde).
Viele der Gruselgestalten aus Lovecraft Country sind inspiriert von H. P. Lovecraft, wobei die Serie mindestens genauso eine Kriegserklärung an den bekanntermaßen rassistischen Schriftsteller ist, wie auch ein Liebesbrief. Ein unheimlich eleganter Schachzug, Lovecrafts eigene Fantasie, die man durchaus bewundern kann, gegen sein abscheuliches Weltbild einzusetzen. Zumal hier nun die Weißen als böse Biester dargestellt werden beziehungsweise als Hexenmeister, die Deals mit dem Teufel machen. Und trotzdem müssen sie als Charaktere nicht eindimensional ausfallen, wie das Beispiel Christina Braithwhite (Abbey Lee) beweist. Eine fabelhafte Schurkin, die einerseits das Blut unseres Helden vergießen will, um Unsterblichkeit zu erreichen, und andererseits das Leben unserer Lieblinge Dee und Leti beschützt. Man hasst sie und ist ihr trotzdem dankbar - und hasst sie umso mehr, weil sie uns eben zwingt, ihr zu allem Überfluss auch noch dankbar sein zu müssen.

Christina und ihr Vater William (Jordan Patrick Smith) sprechen als Figuren auch für den Humor von Misha Green, die Weißen so übertrieben weiß wie möglich darzustellen. Dabei hat sich die Serienschöpferin vermutlich auch vom „Get Out“-Regisseur Jordan Peele beeinflussen lassen, der bei Lovecraft Country ebenfalls seine Finger mit im Spiel hat. Allgemein gehört Witz oder zumindest Sinn für Ironie zu den Grundsäulen der Serie, zu denen neben dem grandiosen Gruselfaktor zweifelsohne auch die politische Relevanz und die mutige Inszenierung zählen. Allein über Letzteres könnte man stundenlang schwärmen, besonders bezüglich des genialen Einsatzes von Musik, mit dem wiederum die Symbiose der Säulen Horror und Humor gelingt (bestes Beispiel: „Stop Dat Knocking“ in der Episode Jig-a-Bobo). Allerdings sollte man diese Dinge vielleicht besser selbst sehen, statt darüber zu lesen. Also will ich nun nochmal auf den wichtigen Punkt Politik eingehen.
In vielerlei Hinsicht erinnert Lovecraft Country an Watchmen, die HBO-Serie, die im Vorjahr vermutlich am meisten diskutiert wurde. Obwohl wir es bei erstgenanntem Format mit einem Horrordrama zu tun haben und bei letztgenanntem mit einer Comicadaption oder Superheldengeschichte, haben beide Werke doch gemeinsam, dass ihnen weder stilistisch noch inhaltlich Grenzen gesteckt zu sein scheinen. So düster und brutal die Serien zuweilen sein mögen, haben sie doch etwas Verspieltes. Umso wichtiger ist es für sie, dass sie irgendwas erdet. Und in beiden Fällen ist das die historische Relevanz, indem man das amerikanische Fernsehpublikum mit etwas konfrontiert, was ihm lang genug erspart blieb: Rassismus.
Manche nörgeln, dass sich inzwischen alles darum drehe, doch der Realitätscheck zeigt, dass der Großteil der Geschichte eben von den Geschichten der Weißen dominiert wurde und Schwarze Stimmen unterdrückt wurden. Eine Serie wie Lovecraft Country im Jahr 2020 revolutionär zu nennen, hat für niemanden etwas Triumphales, sondern etwas Trauriges; denn sie sollte längst nicht mehr revolutionär sein.
Der Episodentitel Whitey's on the Moon führt vor, wie egal historische Ereignisse wie etwa die Mondlandung für viele Afroamerikaner waren. Was der weißen Mehrheit wichtig war und ist, wurde seit jeher mit unzähligen Erzählungen bedacht. Andererseits müssen erst HBO-Serien wie Watchmen oder nun diese um die Ecke kommen, damit sie zum ersten Mal vom Massaker von Tulsa erfahren, bei dem ungefähr 300 Schwarze US-Bürger brutal gelyncht wurden. Klar, dass die Nachfahren der Täter so was lieber verdrängen, aber genau das darf nicht geschehen.
Fazit
Alles in allem bleibt festzuhalten, dass Lovecraft Country auf jeden Fall eine der aufregendsten Serien des Jahres ist, wenngleich sie nicht perfekt ist. Wie bei vielen sehr guten Serien, will auch das HBO-Drama teilweise zu viel und verstrickt sich in verschiedenen Handlungssträngen. Trotzdem fällt es schwer, konkrete Ereignisse zu benennen, auf die man gern hätte verzichten können. Zumal die Serie die alte Kunst der Einzelepisode beherrscht, so dass es sowieso von Woche zu Woche genug Abwechslung gab und keine Längen entstanden, wie man sie von den selbsternannten Zehnstundenfilmserien kennt, die heutzutage immer häufiger werden. Ein wilder Ritt, der oft lustig war und manchmal ziemlich wehtat...
Hier abschließend noch der Trailer zur gerade neu angelaufenen HBO-Serie „Lovecraft Country“:
Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 27. Oktober 2020Lovecraft Country 1x10 Trailer
(Lovecraft Country 1x10)
Schauspieler in der Episode Lovecraft Country 1x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?