Jessica Jones 2x01

Jessica Jones 2x01

Marvels Jessica Jones ist zurück und feiert zum Weltfrauentag die Premiere seiner zweiten Staffel. Wie geht es für die hartgesottene Privatermittlerin weiter? Was kommt nach ihrem großen Widersacher Kilgrave auf sie zu? Ein kleine Vorschau und Kritik zu den ersten Folgen der neuen Staffel.

„Marvel's Jessica Jones“ (c) Netflix
„Marvel's Jessica Jones“ (c) Netflix
© ??Marvel's Jessica Jones“ (c) Netflix

Diese Kritik bezieht sich auf die ersten fünf Folgen der zweiten Staffel von „Jessica Jones“.

In Zeiten wie diesen, in denen ein spürbarer Ruck durch die Unterhaltungsbranche geht und das marode System der Film- und TV-Industrie mit all seiner Ungleichbehandlung, Diskriminierung und widerwärtigen sexuellen Übergriffen hoffentlich früher als später zum Einsturz gebracht wird, kommt uns eine Superheldin wie Jessica Jones genau recht. Wobei, sie selbst würde niemals so weit gehen, sich als eine derartige Heldenfigur zu bezeichnen, noch entspricht der Marvel-Charakter dem klassischen Verständnis einer Superheldin. Das war bereits in der ersten Staffel des stilsicheren Noir-Thrillers zu erkennen, in dem die Titelfigur als komplexe Persönlichkeit mit tiefgreifenden Traumata gezeichnet wurde, die vornehmlich an sich selbst denkt, in der aber auch ein großes Mitgefühl und Fürsorge für ihre Nächsten schlummert.

Allein diese vermeintliche Schwäche und Verwundbarkeit preiszugeben, war und ist die Herausforderung für Jessica Jones, an der sie immer wieder scheitert. In der ersten Staffel haben die Zuschauer einen sehr guten Eindruck davon bekommen, was den Charakter antreibt, wie Jessica Jones tickt und welche Dämonen der Vergangenheit sie plagen. Letztlich setzte sie sich erfolgreich gegen ihren Peiniger Kilgrave (faszinierend psychopathisch von David Tennant gespielt) durch, der Mann, der sie körperlich sowie mental missbraucht hat, der wie ein finsterer Schatten über ihr und vielen anderen Menschen hing und skrupellos perverse Spielchen mit seinen Opfern trieb.

Start at the beginning

Jessicas Kampf gegen dieses Monster war extrem persönlich, aber eben auch übertragbar auf das, was zuletzt mehr als deutlich geworden ist: wie perfide viele Frauen in unserer Gesellschaft unterdrückt und misshandelt werden. Die erste Staffel von „Jessica Jones“ war mehr Charakterstudie als Superheldendrama, ein gelebter Aufschrei und Aufstand, eine Geschichte dominiert von dem toxischen Verhältnis zwischen der Hauptfigur und ihrem Erzfeind. In der Darstellung dieses komplexen Konfliktes entfaltete das Format auch seine große Stärke - bis man dann leider im letzten Drittel der Staffel in den altbekannten Trott der Marvel-Serien auf Netflix verfiel. Showrunner Melissa Rosenberg und ihrem Team ging die Luft aus.

Also zimmerte man irgendetwas zusammen, um das zugegeben starke Staffelfinale herbeizuführen. Der Weg dorthin (ab Episode neun in etwa) war jedoch gepflastert mit seltsamen Plotentwicklungen, hanebüchenen Twists sowie vergleichweise uninteressanten Nebengeschichten. Auch in der neuen, zweiten Staffel von „Jessica Jones“ sieht man sich bereits früh dem Risiko ausgesetzt, in ähnliche Schwierigkeiten zu kommen, wie man es bereits in der zweiten Staffel von Daredevil, Luke Cage oder gar The Defenders hat sehen können. Nun gut, besser man verliert an Erzähltempo, als dass man von Anfang an gar nicht erst in der Lage dazu ist, ein solches aufzubauen. Nicht wahr, Iron Fist?

Die neue Staffel von „Jessica Jones“ geht zu Beginn ein Wagnis ein. Einen aufregenden Schnellstart sollte man nicht erwarten, das Pacing bleibt gemäßigt, woran sich in den ersten fünf Episoden auch nicht wirklich viel ändert. Nach der Auseinandersetzung mit Kilgrave und dem kurzen Zusammenspiel mit den anderen Helden New Yorks kehrt Jessica (Krysten Ritter) zu ihrem alten, unspektakulären Leben als Privatermittlerin zurück. Der eigentliche Plot der Staffel wird von ihrer besten Freundin Trish (Rachael Taylor) angestoßen, die nach den Ereignissen der letzten Staffel ganz besessen ist herauszufinden, wer oder was sich hinter der dubiosen Organisation IGH verbirgt. Diese könnte für Jessicas Kräfte verantwortlich sein und ist ohnehin in allerlei dunklen Machenschaften verstrickt, wie Trishs Recherche ergeben hat.

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Netflix - © Netflix

With a little help from my friends

So beginnt die Suche nach Antworten auf zahlreiche Fragen, vor allem aber eine: Wie ist Jessica Jones zu der Person geworden, die sie heute ist? Diese Frage bezieht sich sowohl auf die besonderen Fähigkeiten, über die der Charakter verfügt, als auch auf die Persönlichkeit, die Jessica seit dem Tag des tragischen Unfalls entwickelt hat, bei dem sie ihre gesamte Familie verlor. Was hat sie an diesen Punkt in ihrem Leben geführt, an dem sie sich jetzt befindet? Woher stammen ihre Verlust- und Bindungsängste sowie das mangelnde Vertrauen in andere und ihr verbitterte Zynismus? Kilgrave hat in der jüngeren Vergangenheit großen Einfluss auf sie genommen und stellt einen entscheidenden Faktor in ihrer Persönlichkeitswerdung dar. Doch da ist mehr.

Jessica versucht nun, mit der Summe ihrer diversen Traumata zu leben. Dabei sucht sie via schmerzstillenden Alkohol oder unverbindlichen Sexgeschichten nach wie vor ein Pflaster für diese klaffende Wunde. Es gibt aber auch andere Wege, etwas Wärme und Zuversicht und Hoffnung in ihr Leben zu lassen. Zwar wird sie durch alltägliche Erlebnisse daran erinnert, was ihr widerfahren ist. Jessica kann vielleicht aber nicht nur sich selbst, sondern auch anderen helfen, wenn sie sich eben nicht einigelt und dafür die direkte Konfrontation mit diesen Schmerzen sucht - so schwierig es auch ist. Die zweite Staffel von Jessica Jones setzt anfänglich sehr prominent auf diese Karte, auf das Innenleben der Charaktere, ihre Ängste und den Ballast, der sie beschäftigt. Ein Aufhänger, der den zentralen Handlungsstrang vorantreibt, entspinnt sich eher gemächlich. Mit der Zeit erfahren die Zuschauer mehr über IGH, das Puzzle setzt sich jedoch sehr behutsam zusammen.

Zu behutsam, werden einige nach den ersten fünf Folgen sagen, die immer wieder darunter leiden, dass die Geschichte oft etwas schleppend und ziellos vorangeht. Ein Fixpunkt wie in Staffel eins, wo Jessica bereits früh auf Kilgrave trifft, gibt es der zweiten Staffel zunächst nicht. In der ersten Staffel konnten sich die Macher darauf verlassen, dass dieser Aspekt - Jessica versus Kilgrave - stets Spannung garantiert hat. Diese Art dramaturgischer Treibstoff fehlt „Jessica Jones“ zu Beginn der neuen Staffel, in die man sich durchaus ein wenig reinkämpfen muss. Bleibt man jedoch am Ball, dann wird man nicht nur mit hervorragend ausgearbeiteten Charakteren, sondern auch mit starken Darbietungen belohnt. Allen voran Krysten Ritter merkt man an, dass sie noch einmal einen kleinen Sprung gemacht hat und schauspielerisch neue Maßstäbe setzt.

Ein Grund dafür ist, dass sie und Serienschöfperin Melissa Rosenberg sich nun endgültig gefunden haben. So hat es zumindest Krysten Ritter höchstpersönlich zu Protokoll gegeben. In der ersten Staffel probierte man noch vieles aus, die Entwicklung des Charakters war ein langwieriger Prozess, bei dem nicht immer alles nach Plan verlief. Nun fühlt man sich als Gespann gefestigter, Schauspielerin und Showrunner sprechen eine Sprache. Ein weiterer Grund, warum Ritter aber auch viele andere Darstellerinnen und Darsteller meines Erachtens besser, wenn nicht sogar befreiter aufspielen, sind die Veränderungen hinter der Kamera. Melissa Rosenberg hat für die 13 neuen Episoden nur Frauen für den Regieposten nominiert. Von erfahrenen Filmemacherinnen (zum Beispiel Deborah Chow, Minkie Spiro oder die gebürtige Deutsche Uta Briesewitz) bis hin zu aufstrebenden Talenten, die gerade in der Branche Fuß fassen, ist jede Frau vertreten.

Und der Cast weiß dieses weiblich geprägte Arbeitsumfeld - in allen möglichen Departments der Produktion - offenbar zu schätzen. Im Vorfeld war unisono zu vernehmen, dass die Atmosphäre am Set der Darstellerriege die Sicherheit gab, sich während der Dreharbeiten noch mehr fallen zu lassen und die Verletzlichkeit, die viele Charaktere in sich tragen, voll auszuleben. Nicht nur das spürt man bei der Sichtung der neuen Folgen, auch der weibliche Blickwinkel auf eine Erzählung aus der Perspektive eines weiblichen Hauptcharakters ist unverkennbar. Es scheint dabei fast so, dass die kreativen Köpfe hinter den Kulissen geschickt ihre eigenen Erfahrungen in den Konflikten und Situationen verarbeiten, in denen sich die Figuren der Serie wiederfinden.

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Not a monster

Ob nun in Jessica, die sich fragt, wer sie eigentlich ist, was sie zu dieser Person gemacht hat und ob sie bereit dazu ist, sich anderen wieder zu öffnen, nachdem sie so verletzt wurde. Ob nun in Trish, die ihrem neuen, erfolgreichen Journalistenfreund nacheifert, sich beweisen will und dabei vielleicht zu viel riskiert. Oder ob in der taffen Anwältin Jeryn Hogarth, eine Karrierefrau wie aus dem Bilderbuch, die ebenfalls ein schweres Trauma mit sich herumträgt und nun plötzlich vor eine neue, unerwartete Herausforderung gestellt wird, die ihr alles nehmen könnte, was sie sich mühevoll aufgebaut hat. (Carrie-Anne Moss ist in den neuen Folgen von Jessica Jones übrigens großartig und stiehlt mit ihrer ungemein kraftvollen Performance mehrfach die Show, nur so viel am Rande.)

Die zweite Staffel von „Jessica Jones“ ist so nah dran an seinen Figuren wie selten eine andere Marvel-Serie zuvor. Dementsprechend ist auch Geduld gefragt, denn Melissa Rosenbergs genereller Ansatz als treibende Kraft hinter der Serie konzentriert sich auf die Charaktere, weniger auf den Plot. „Jessica Jones“ ist eben keine Achterbahnfart à la Daredevil, wo wuchtige Kampfchoreographien zwischenzeitlich immer wieder für Aufregung sorgen. Auch inszenatorisch hält man sich klar zurück, vor allem im Vergleich mit einem Format wie Luke Cage, das auf audiovisueller Ebene fast schon ununterbrochen pulsiert. Jessica Jones ist dezent, unaufgeregt, intim und sensibel, zur gleichen Zeit aber auch hart, direkt und ehrlich. Diese Balance ist ein nicht zu unterschätzender Trumpf auf dem Markt der Superheldenserien, der stetig wächst und mittlerweile keine Grenzen mehr zu kennen scheint.

Wie sieht nun also das Zwischenfazit zur zweiten Staffel von „Jessica Jones“ aus? Der verhaltende Auftakt wird viele Zuschauer womöglich ein wenig enttäuschen, andererseits wird so eindrucksvoll das Vertrauen der Verantwortlichen in ihre Charaktere und den talentierten Cast unterstrichen. Diese tragen die zunächst eher ziellose Geschichte überzeugend auf ihren Schultern, und ab der vierten Episode kommt dann generell etwas mehr Bewegung in den Plot, der schon bald zum Miträtseln einlädt. Darüber hinaus kommen tatsächlich auch die verschiedenen Nebenfiguren, die dem Hauptcharakter in Sachen komplexer Figurenzeichnung in nicht viel nachstehen, mehr zur Geltung, wodurch sich die Serie kompletter und umfangreicher anfühlt.

Wer bereits in der ersten Staffel ein großer Fan des Noir-Stils und des Detective-Story-Flairs gewesen ist, sollte hier auf seine Kosten kommen, wird doch in aller Ruhe ein potentiell vielversprechendes Paket geschnürt, das im späteren Verlauf der Staffel reichlich Spannung mit sich bringen könnte. Dabei scheint es vor allem darum zu gehen, ob Jessica selbst ein Monster ist, das viele aufgrund ihrer Superkräfte in ihr sehen. Oder eben, ob sie einen Weg findet, sich mit der Dunkelheit in ihrem Inneren zu arrangieren. Trotzdem heißt es abwarten, denn 13 Episoden ist und bleibt eine ordentliche Hausnummer. Nach fünf Episoden würde ich einschätzen, dass letztlich wohl auch zehn Folgen ausreichen würden, um sein Ziel zu erreichen. Die Erfahrung lehrt uns einfach, dass in Sachen Marvel-Produktion von Netflix weniger oft mehr ist. Die zweite Staffel von Jessica Jones darf mich aber nur zu gerne eines Besseren belehren.

Trailer zur zweiten Staffel von „Jessica Jones“:

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 8. März 2018

Jessica Jones 2x01 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 1
(Jessica Jones 2x01)
Deutscher Titel der Episode
Fangen Sie ganz am Anfang an
Titel der Episode im Original
AKA Start at the Beginning
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 8. März 2018 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 8. März 2018
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 8. März 2018
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Donnerstag, 8. März 2018

Schauspieler in der Episode Jessica Jones 2x01

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?