Jessica Jones 1x01

Jessica Jones 1x01

Bei Netflix ist nun die erste Staffel von Jessica Jones verfügbar. Wie schlägt sich Jessica Jones als Privatermittlerin und Exsuperheldin, die es mit PTSD und der Rückkehr eines psychopathischen Schurken zu tun bekommt?

Krysten Ritter als „Jessica Jones“ / (c) Netflix
Krysten Ritter als „Jessica Jones“ / (c) Netflix

Nachdem Daredevil schon im April 2015 ordentlich vorgelegt hat, reicht der Streamingdienst Netflix nun mit Jessica Jones die zweite Serie aus dem Marvel-Universum nach. Hier spielt die aus Breaking Bad, Veronica Mars oder Don't Trust the B---- in Apartment 23 bekannte Krysten Ritter die Hauptrolle der emotional völlig kaputten gleichnamigen Marvel-Figur.

Wer ist Jessica Jones?

Jessica Jones wurde 2001 vom Comicautoren Brian Michael Bendis und dem Zeichner Michael Gaydos für den Start des MAX-Comic-Imprints von Marvel erfunden. Dabei handelt es sich um das Label für Erwachsene, in dem Themen wie Sex, Gewalt und explizite Sprache ermöglicht wurden. Die Figur wurde per retcon (retroactive continuity), also nachträglich, mit Figuren wie Spider-Man verknüpft. Sie wird als eine Art vergessene Superheldin namens Jewel dargestellt, die mit Peter Parker auf die Highschool gegangen ist und nach einer kurzen Karriere das Heldendress an den Nagel hing. In der Comicvorlage macht sie sich dann selbstständig und eröffnet Alias Investigation. Dabei kümmert sie sich um Fälle, die mit Superwesen zu tun haben.

Für die von Melissa Rosenberg (Dexter, The OC, „Twilight“-Saga) auf kreativer Ebene betreute Serie braucht man allerdings weder Kenntnisse über das Marvel-Cinematic-Universe (außer vielleicht, dass es Menschen mit Superkräften gibt) oder die Comicvorlage, denn die Netflix-Serie ist vielleicht die einsteigerfreundlichste Marvel-Produktion bisher.

Worum geht es in der TV-Serie „Jessica Jones“?

Die Pilotepisode AKA Ladies Night von Jessica Jones stellt die zentralen Figuren der Serie vor. Dabei gibt es kaum eine Szene, die ohne Krysten Ritter als Protagonistin auskommt. Als Genre hat sich Marvel diesmal eine Mischung aus Noir-Thriller und Horrorfilm mit übernatürlichen Elementen ausgesucht. Dabei wird bisweilen ein Voice-over eingesetzt, das nicht nur an den Film Noir erinnert, sondern auch an andere Privatermittlerserien wie Veronica Mars, aber auch eine gewisse Comicnote mit reinbringt. Damit werden Jessicas Gedanken zu sich selbst und ihrer Gefühlswelt transportiert. Glücklicherweise geht man damit sparsam um.

Jessica ist eine freiberufliche Privatermittlerin, die allerdings mit großer Vorliebe mit der Anwältin Jeryn Hogarth (Carrie-Anne Moss) zusammenarbeitet, die ihr auch eine feste Stelle angeboten hat. Doch das Trauma, das Jessicas Leben bestimmt und sie nun wieder einzuholen droht, verhindert, dass sie sich auf Bindungen einlässt. Ihr Büro ist dabei gleichzeitig ihre Wohnung, wo sie unangemeldete Besuche vom Junkie-Nachbarn Malcolm (Eka Darville) erhält oder die lauten Nachbarn ständig zur Weißglut bringen. Jessica selbst betäubt ihr Trauma mit reichlich Alkohol und schnellem, bedeutungslosem Sex und ihr Leben ist auch sonst ein ziemlicher Scheiterhaufen, da sie sich selbst bei ihrer besten Freundin, der Radiopersönlichkeit Patsy Walker (Rachael Taylor) erst dann meldet, wenn sie dringend Geld braucht, um aus dem Land zu kommen.

Als Privatermittlerin dringt sie in das Leben anderer Menschen ein, beschattet sie, fotografiert sie aus der Distanz und entblößt so ihre Verfehlungen. Vor allem Fremdgeher und Ehebrecher sind dabei ihre Klientel, aber auch Menschen wie die Eltern der vermissten Leichtathletin Hope (Erin Moriarty), die beim Polizeirevier eine Empfehlung für ihre Dienste erhalten haben, engagieren sie.

Blast from the past

Über Hopes ehemalige Mitbewohnerin erfährt Jessica, dass ein neuer Mann in ihr Leben getreten ist und sie deswegen plötzlich ausgezogen ist. Die Kreditkartenabrechnungen führen Jessica dann auf ein ihr bekanntes Muster, das sich spätestens bei ihrem Besuch in einem asiatischen Fusionrestaurant bestätigt, bei dem der Mitarbeiter ihr von einem hoch merkwürdigen Vorfall erzählt, in dem sich alle Beteiligten nicht mehr wie sie selbst benommen haben. Der Grund ihrer PTSD und ihres Traumas, den sie für tot gehalten hat, ist wieder da und hat sich Hope als neues Opfer ausgesucht.

Für Jessica ist das ein Grund, schnellstmöglich die Stadt oder gar das Land zu verlassen, denn die suggestive Einflussnahme von Killgrave (David Tennant) lässt sich nur über zeitliche und räumliche Distanz zu ihm überwinden.

Szenenfoto aus %26bdquo;Jessica Jones%26ldquo; © Netflix
Szenenfoto aus %26bdquo;Jessica Jones%26ldquo; © Netflix

Das Gespräch mit ihrer besten Freundin Patsy, die weiß, wie knapp die letzte Begegnung ausgegangen ist, bringt Jessica zum Umdenken und weckt ihren Kampfgeist. Killgraves Spiel läuft nämlich nach einem Muster, das ihr wohlbekannt ist. Hope wird in einem Hotelzimmer gefangen gehalten und hat vom unheimlichen britischen „Gentleman“ den Befehl erhalten, sich nicht zu bewegen. Jessica schafft sie trotz starkem Widerstand fort und ruft die Eltern dann zu sich in die Kanzlei und scheint ihren Job erledigt zu haben, doch im Aufzug zieht Hope eine Pistole und erschießt ihre Eltern auf Killgraves Geheiß. Für Jessica ist damit die Grenze überschritten und sie nimmt erneut den Kampf gegen Killgrave auf und will versuchen, Hopes Unschuld in dem Fall zu beweisen.

Die düstere Seitengasse des Marvel-Universums

Die Marvel-Serien von Netflix beschäftigen sich mit den street level heroes, also denjenigen, die zwar durchaus Superkräfte haben können, dabei aber eher mit Gangstern oder Betrügern zu tun haben. Bei Daredevil war das Wilson Fisk sowie die anderen Verbrecherfamilien rund um die Russen, die Chinesen und die Japaner, während bei Jessica Jones ein persönliches Psychodrama erzählt wird. In der Pilotfolge ist die Präsenz von David Tennants Killgrave noch sehr unterschwellig und hintergründig, was die Erzählung auf eine unheimlich intime Ebene bringt. Doch allein die Art der Kräfte des Schurkens, der jedem nur mit Worten seinen Willen aufdrücken und diese Person somit zu den unvorstellbarsten Dingen zwingen kann, ist so düster wie selten eine Marvel-Serie zuvor.

Dabei baut Jessica Jones konsequent auf das von Stan Lee in den 60er Jahren propagierte Motto des fehlbaren Helden mit großen Schwächen auf. Jessicas Leben ist ein einziger Ruin, anders als Captain America oder Iron Man ist sie kein strahlender Held, der die Welt rettet, denn sie kann zumindest zum Serieneinstieg ja nicht mal sich selbst retten, geschweige denn nüchtern bleiben. Allerdings macht das Ende des Piloten deutlich, dass sich das ändern soll.

Fazit

Szenenfoto aus %26bdquo;Jessica Jones%26ldquo; © Netflix
Szenenfoto aus %26bdquo;Jessica Jones%26ldquo; © Netflix

Jessica Jones bietet in der Pilotepisode eine neue Erzählfarbe für die Fans des Marvel-Cinematic-Universe und vermischt Film Noir mit Psychothriller und bodenständigen Superkräften. Das stark weiblich geprägte Ensemble liefert eine gute Leistung ab, allerdings ist hier der Name Programm, denn Ritter steht als Jessica Jones klar im Fokus. Der Pilot macht neugierig auf die genaue Vergangenheit zwischen Killgrave und Jones und der ehemalige Doctor Who-Darsteller schindet bereits durch seine kurzen Auftritte im Hintergrund ordentlich Eindruck. Mit dem Wissen über die kommenden Episoden kann man bereits jetzt sagen, dass sich Tennant, wie es schon Vincent D'Onofrio in Daredevil gelungen ist, einen Platz im Marvel-Schurkenolymp erspielt.

Für mich persönlich kommt die Pilotfolge im direkten Vergleich nicht ganz an den Mann ohne Furcht, Daredevil, heran, ist aber dennoch sehenswert.

Nachfolgend noch einige Impressionen von den ersten sieben Episoden, die der Presse vorab zur Verfügung gestellt wurden. Ab hier Spoiler auf diese Folgen möglich.

Der Cast

Szenenfoto aus %26bdquo;Jessica Jones%26ldquo; © Netflix
Szenenfoto aus %26bdquo;Jessica Jones%26ldquo; © Netflix

Der gesamte Cast der Serie ist, wie man es von Netflix gewohnt ist, sehr gut besetzt. Ritter passt wunderbar zur Figur und kann sowohl die starke als auch die verletzliche Seite des Charakters mit Bravour zur Geltung bringen. Überraschend früh wird Mike Colter als Luke Cage eingeführt und stark mit Jessica verknüpft. Colters Präsenz ist dabei die eines Cage, der in dieser Serie Besitzer einer Kneipe ist, würdig. Ich würde behaupten, dass er zusammen mit Ritter und Tennant quasi die dritte Hauptperson ist und schon vor seiner eigenen Netflix-Serie so eine ordentliche Einführung erhält. Auch eine Sexszene, die im Comic damals Kontroversen verursachte, findet sich in leicht abgewandelter Form im Serienpiloten wieder. So offen wie hier wurde in einer Marvel-Produktion bisher nicht mit Sex umgegangen.

Rachael Taylor und Carrie-Anne Moss sind zwei weitere starke Aktivposten der Serie, die allesamt mit eigenem Ballast daherkommen. Taylors Figur Patsy Walker (die übrigens Captain Marvel aka Carol Danvers aus den Comics ersetzt) etwa ist ein Gewaltopfer, während Hogarth, die sich beruflich als Anwältin damit beschäftigt, Ehebrecher zu enttarnen, selbst eine ist. Sie ist so etwas wie ein Mutterersatz für Jessica, die ihr aber auch gerne Paroli bietet.

Eine Klasse für sich ist Tennant als Killgrave, dessen Performance angsteinflößend, unheimlich und extrem creepy ist. Den Autoren muss ein Lob ausgesprochen werden, das sie hier zum Understatement, also der schlichten Eleganz tendieren und oft Tennants Stimme den Löwenanteil der Arbeit leisten lassen. Die Superkraft der Suggestion spielt mit der Vorstellungskraft der Zuschauer, denn der bloße Gedanke daran, fremdkontrolliert zu werden und nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein, reicht schon aus, um sich zu fürchten. Denn dadurch wird es viel schwerer, die Gefahr am Schopf zu packen, wenn man nicht weiß, wo sie lauern könnte und wer alles unter seiner Fuchtel steht. Die sieben bisher gesehenen Episoden reichen aus, um zu demonstrieren, dass das ganz großes Kino ist, was Tennant hier aufspielt.

Die Action und die Optik

Auch wenn manche vielleicht die Vergleiche zu Daredevil stören mögen, so ist es doch die Serie, die sich am ehesten für Vergleiche eignet und anbietet. Fest steht: Jessica Jones ist nicht Matt Murdock, weswegen man auch von ihr keine durchgestylten Kampfchoreografien erwarten sollte. Sie ist aufgrund ihrer gesteigerten Körperkräfte eher die Frau für das Grobe, bei der gegen normale Menschen eben bereits wenige Schläge reichen - was besonders bei einer Gelegenheit zur großen Tragödie wird. Deswegen ist die Action auch bei weitem nicht so beeindruckend oder abwechslungsreich wie bei der anderen Netflix-Marvel-Serie.

Ohnehin spielt sich das meiste aber auf der psychischen Ebene ab. Killgrave ist ein Widersacher, der auf mind games steht und andere vorschickt, die sich die Hände schmutzig machen.

Wo bei „DD“ die Gelbtöne allgegenwärtig sind, die die schmutzigen Ecken der Stadt noch etwas unangenehmer erscheinen lassen, sind es hier die Blau- und Lilanuancen, die aufdringlich Jessica und die Zuschauer heimsuchen und Killgraves Nähe symbolisieren. Einflüsse des Noirs und des amerikanischen Kinos der 70er Jahre („Taxi Driver“ etwa) lassen sich ebenfalls immer wieder feststellen.

Ich muss allerdings kritisieren, dass sich die Folgen vom Aufbau teilweise etwas repetitiv anfühlen. In mehreren Episoden wird die Affäre von Jessica und Luke Cage auf sehr ähnliche Art und Weise dargestellt, was nicht unbedingt Spannung pur darstellt. Allerdings verbindet die beiden mehr, als Cage ahnt - und das nicht im positiven Sinn. Da Killgrave der einzige große Schurke der Staffel zu sein scheint, beschäftigt sich die erste Staffelhälfte fast ausschließlich mit dem mühsamen Kampf gegen ihn, anders als bei Daredevil, wo die vier Köpfe der Verbrecherorganisationen und ihre jeweiligen Handlanger mehr Optionen und damit auch Vielfalt angeboten haben.

Das Erzähltempo der Serie ist ebenfalls eher gemächlich, hier wird nicht wie bei Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. pro Einsatz oder Halbstaffel die Welt gerettet, sondern bedächtig um die eigene Seele gekämpft.

Dafür sind die Themen der Serie im Superheldengeschäft ziemlich einzigartig: Obsession und Stalking, Machtfantasien und Fremdkontrolle über andere Menschen, Starrummel und seine Schattenseiten sowie die Konsequenzen und Verantwortungen von Superkräften werden hier verhandelt.

Fazit nach sieben Folgen

Szenenfoto aus %26bdquo;Jessica Jones%26ldquo; © Netflix
Szenenfoto aus %26bdquo;Jessica Jones%26ldquo; © Netflix

Jessica Jones ist eine einsteigerfreundliche Marvel-Serie, die weder große Vorkenntnisse voraussetzt noch zu penetrant auf Superkräfte setzt. Stattdessen stellt sie eine intime und fast schon introvertierte Auseinandersetzung mit dem Thema Machtmissbrauch dar, die ausgesprochen sehenswert ist. Die fantastischen Hauptdarsteller auf Helden- und Schurkenseite tragen dabei maßgeblich zur Unterhaltung bei. Es fällt schwer, nicht sofort alle Folgen hintereinander zu schauen.

Wenn die Episoden noch etwas abwechslungsreicher wären, könnte man durchaus mit dem fantastischem Daredevil auf einer Ebene spielen.

Trailer zur US-Serie „Jessica Jones“:
Verfasser: Adam Arndt am Freitag, 20. November 2015

Jessica Jones 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Jessica Jones 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Ladies' Night
Titel der Episode im Original
AKA Ladies Night
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 20. November 2015 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 20. November 2015
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 20. November 2015
Regisseur
S.J. Clarkson

Schauspieler in der Episode Jessica Jones 1x01

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?