
Die Hauptfigur aus der Serie Heartbeat ist für ihre unorthodoxen Mittel bekannt - am und neben dem Operationstisch. Als Herztransplantationsexpertin hat sie nur wenige Kolleginnen, das Feld wird von den Herren der Schöpfung bestimmt. Doch dadurch lässt sie sich nicht einschüchtern, ganz im Gegenteil. Wer es so weit geschafft hat, dem steht ein gewisses Maß an Exzentrik nun wirklich mehr als zu. Ob man ihr dabei zusehen will, hängt von der eigenen Toleranz gegenüber exaltierter Niedlichkeit ab.
Worum es geht
Dr. Alex Panttiere (Melissa George, Alias) ist mehr als erfolgreich. Trotz nicht besonders guter Startchancen hat sie es zur Herztransplantationsexpertin an einem sehr renommierten Krankenhaus gebracht. Mit Mut, Witz und einer gehörigen Portion Exzentrik hat sie sich in einer von Männern dominierten Welt durchgesetzt. Zu Beginn der Pilotepisode fliegt sie daher zu einem Kongress, um über ihre Erfolge zu berichten. Da beginnen jedoch schon die Probleme mit dem anderen Geschlecht, denn eine besonders niederträchtige Ausgeburt dieser Art hat sich auf dem Platz der gefeierten Ärztin breitgemacht und ein Nachwuchsnerventöter macht ihr anschließend vom Sitz hinter ihr das Leben schwer.
Immerhin gibt es in Heartbeat so etwas wie schnell wirkende ausgleichende Gerechtigkeit, denn noch während des Fluges muss die Medizinerin dem Sitzplatzdieb das Leben retten, mit einer Kreditkarte und einem Essstäbchen.
Zuhause warten auf die Alleskönnerin zwei kleine Kinder. Und das Verhältnis zu ihrem mittlerweile offen homosexuell lebenden Exmann Max (Joshua Leonard, Togetherness) ist einfach sensationell gut. Er gibt ihr nicht nur Modetipps und bereitet das Familienessen vor, er versteht sich auch noch blendend mit ihrem neuen Lebensgefährten Pierce (Dave Annable, Brothers & Sisters). Der ist natürlich auch ein Kollege der Ärztin, am selben Krankenhaus beschäftigt, versteht sich, schließlich ist das ein ungeschriebenes Gesetz der Medizinerserie.
Puh, doch die Idylle ist nicht ganz so strahlend, schließlich hat Pierce sich schon einmal einen Fehltritt erlaubt und Alex scheint sich so generell auch nicht ganz sicher zu sein. Besonders jetzt, wo ihr ehemaliger Mentor und Schwarm Dr. Jesse Shane (Don Hany, „White Collar Blue“) zurück ans St. Matthews Research Medical Center kommt. Oh nein, was für ein Timing, das darf doch nicht wahr sein!
Na ja, immerhin hat Alex ja den Tag über noch andere Beschäftigungen, wie zum Beispiel den Kleinkrieg gegen ihre Chefin Millicent Patel (Shelley Conn), der sie einst in grauer Vorzeit den Platz am Operationstisch gestohlen hat, um in der Nähe von Jesse sein zu können. Doch Bezeichnungen wie Doctor Pain-in-my-ass hin oder her - die beiden werden hinter den Streits über Budgets ihre gemeinsame Liebe zur Chirurgie und ihre Einsamkeit als Frauen in einer Männerdomäne entdecken und eine wunderbare Hass-Freundschaft entwickeln, die uns durch die Serie Heartbeat begleiten wird.
Ganz nebenbei geht Alex natürlich auch stets neue und rebellische Wege, um ihren Patienten zu helfen. In der Pilotepisode zum Beispiel führt sie eine Operation durch, bei der sie einer todkranken Patientin zwei Herzen verpasst, die am Ende zusammen als eins schlagen sollen. Ob die Herzen der Zuschauer auch so schnell mit der Serie gleichzuschalten sind, bleibt abzuwarten.
Wie kommt es rüber?
Denn ob man es überhaupt durch die Pilotepisode schafft, hängt von der eigenen Nachsicht gegenüber aufmerksamkeitssüchtigen Menschen ab. Zuschauer, deren Blutdruck ansteigt, wenn sie Jess in New Girl sehen, sollten aus gesundheitlichen Gründen nicht mit Heartbeat anfangen.
Die erste Szene kann als Lackmustest für die kommende Beziehung zwischen Zuschauer und Serie dienen. Alex will angesehen werden, gleichzeitig will sie aber auch niedlich, cool, clever, schlagfertig, lässig, locker, sexy und ungefähr hundert andere Eigenschaften gleichzeitig sein. Wann immer möglich geht sie den weniger logischen, aber doppelt so exzentrisch-niedlichen Weg. Sie beleidigt alle um sich herum, außer Kinder und Patienten, denn das wäre ja schließlich nicht mehr ganz so liebenswert. Besser also mal auf dem Praktikanten herumtrampeln. Kann man sich ja auch erlauben als Koryphäe auf dem eigenen Fachgebiet. Wem die Augen schon hinten im Kopf feststecken vor lauter Rollen, als die Medizinerin in einem sexy und niedlichen Stewardessenoutfit ans Pult des Kongresses tritt, der sollte einfach abschalten. Es wird nicht besser in dieser Hinsicht. Alex und ihr Leben bleiben der Traum eines präpubertierenden Rom-Com-Fans. Sie hat zwei Kinder, perfekt, ein Punkt auf der Lebensliste abgehakt. Natürlich lieben die Kleinen sie abgöttisch, aber groß Zeit nehmen sie nicht ein. Praktisch. Das bekommt man, wenn man einen Rockstar heiratet, herausfindet, dass er homosexuell ist und ihn anschließend zum besten Freund macht, der in jeder erdenklichen Situation aushilft. Also viel besser hätte es ja nicht laufen können für alle, die sich Kinder und einen aufopfernden Mann, aber auch jede Menge moralisch akzeptable Romantik in den 30ern und 40ern wünschen. Niemand ist eifersüchtig, niemand ist verletzt.
Auch von der beruflichen Sache bekommen wir nur die Sonnenseiten mit. Fachlich ist nichts und niemand Alex gewachsen und auf die Erklärung der medizinischen Seite legen die Heartbeat-Autoren ohnehin nicht viel Wert. Klar, sie wird sexistisch von einem Kollegen angemacht, aber, klar, sie hat einen anderen Kollegen, der den ersten sofort auf denkbar coole Art in die Schranken weist und ihn zum Dümmling abstempelt. Komisch, worüber andere Frauen sich immer so aufregen. Man braucht doch nur übertrieben liebenswert, niedlich, exzentrisch, attraktiv und schlagfertig zu sein und die Benachteiligungen als Frau prallen einfach so an einem ab.
Die Story der Medizinerin basiert auf dem echten Leben einer Pionierin, Dr. Kathy Maglioto. Doch auch wenn die Eckdaten noch so korrekt sein mögen, der Weichzeichner über der angeblichen Biographie ist dann doch nur schwer zu ertragen.
Sie muss ja nicht gleich ein geheimes Drogenproblem haben, aber ein bisschen Tiefgang und Reflexion würden der Figur gut tun. Alex ist die einzige, die es geschafft hat, in einer langweiligen Welt Kind zu bleiben und durch die Gänge des Krankenhauses stürmt, während alle anderen spießig bis zum Umfallen sind und sie angeblich deswegen nervig finden oder sie für ihre Art lieben. Nicht nur der Charakter, auch die Geschichte, lassen einige Schichten vermissen. Natürlich legt Alex sich für die kranke Patientin mit der wunderbaren Schwester so ins Zeug, weil - Achtung, festhalten - Alex selbst eine Schwester hatte, die im Krankenhaus gestorben ist.
Fazit
„Go find someone else to worship!“ Diesen Rat gibt Alex ihren Nachwuchsmedizinern mit auf den Weg, als sie sie unsanft fortschickt. Das möchte man auch selbst gerne machen. Was die echte Dr. Maglioto, Vorbild für die Figur Alex, geschafft hat, ist beeindruckend, aber es auf diese eindimensionale Geschichte herunterzubrechen, tut dem Anliegen der Serienmacher und der Ärztin keinen Gefallen. Statt eine Inspiration zu sein, zeigt Alex sich in der Pilotepisode als egoistische, überperfekte Figur, der alles gelingt, die vom OP-Tisch ins Abendkleid springt und sofort bezaubernd aussieht. Das ist kein sehr gesunder Anspruch, um ihn an Frauen zu stellen. Statt zu beleuchten und zu feiern, wie sie es in der Männerdomäne an die Spitze gebracht hat, wird der Weichzeichner rausgeholt. Am Ende kommt eine Geschichte raus, die sich anhört wie eine Mischung aus dem idealistischen Traum einer Zwölfjährigen und den verwässerten Erinnerungen einer Frau, die es geschafft hat und in deren Erinnerung nun alles von einem gnädigen Schleier überzogen wird.
Wen das nicht stört, der kann in Heartbeat natürlich durchaus einiges an Unterhaltung finden. Wie gesagt, wer es ohne Augenrollen durch die erste Szene schafft und vielleicht sogar lacht, als sie ans Rednerpult tritt, der sei beglückwünscht: Von hier an wird es nur besser!
Trailer zur US-Serie „Heartbeat“: