
Die Kriminalitätsrate von Neuseeland nahm in der Vergangenheit eine ähnliche Entwicklung wie die der meisten westlichen Industrienationen. Der größte Teil des 20. Jahrhunderts war gekennzeichnet von einer stetig steigenden Wachstumsrate, ab den 1990er Jahren fingen diese Werte erstmals an, zurückzugehen. Dieser Trend setzte sich im neuen Jahrtausend fort. Seitdem hält sich die Rate von Mordfällen und anderen Schwerverbrechen stabil bei circa zehn Prozent.
Neuseeländische Medienökonomie
Trotzdem spielt die öffentliche Sicherheit und die Kriminalitätsrate in der politischen Kultur Neuseelands eine dominante Rolle, was auf ein großes öffentliches Interesse an diesem Themengebiet zurückzuführen ist. Nicht unbeteiligt an dieser Entwicklung sind die diversen neuseeländischen Medienorgane, die Fälle von gewaltsamen Kriminalvergehen tendenziell eher aufbauschen. Trotz der seit Jahren fallenden Kriminalitätsrate führt dies also zu der öffentlichen Fehlinterpretation, die Zahl der Gewaltdelikte steige, was wiederum die Angst der Bevölkerung, selbst zum Opfer eines solchen Verbrechens zu werden, erhöht.
So spielen die Medien denn auch eine tragende Rolle in der Auftaktepisode This is Personal der neuen Krimiserie Harry. Ein in der führenden Tageszeitung des Handlungsortes Auckland abgedrucktes Überwachungsbild des flüchtigen Serientäters Lua Mataola (Beulah Koale) führt zu dessen Identifikation. Ausgerechnet die eigene Mutter (Ruth Keresoma) erkennt ihn an seinen auffälligen Turnschuhen. Außerdem will Polizeichef Mark Henderson (Will Wallace) kurz vor der Ergreifung des Täters die Medien einschalten, um ein starkes öffentliches Bild der Polizei zu repräsentieren. Die überhastete Reaktion ist wiederum ein direktes Resultat der medialen Sensationalisierung von Gewaltverbrechen.
Einem gefällt dieses Vorgehen überhaupt nicht. Chefermittler Harry Anglesea (Oscar Kightley) hatte kurz zuvor der Familie des Täters versprochen, ihn ohne großes Polizei- oder Medienaufgebot festnehmen zu wollen, sollten sie sein Versteck verraten. Nur so war es ihm gelungen, Vertrauen zu ihr aufzubauen. Aber wie so oft im strikten Hierarchieapparat einer öffentlichen Institution haben die mittleren Verantwortungsträger nicht die letzte Entscheidungsbefugnis. Oftmals kommt noch hinzu, dass die Vorgesetzten nicht das Interesse der betroffenen Familien, sondern ihr eigenes beziehungsweise das ihrer Institution im Hinterkopf haben.
In Harry werden diese klassischen Konflikte im Hintergrund erzählt, vordergründig entspannt sich eine unspektakuläre Kriminalgeschichte. Lua Mataola ist Teil einer Bande von drogenabhängigen Kleinkriminellen. Da er seine Schulden bei Bandenführer Afa Sorrenson (Matthias Luafutu) nicht begleichen kann, wird er von diesem und seinem Handlanger Joseph Schmidt (Fasitua Amosa) dazu gezwungen, bewaffnete Überfälle auf eine Bank, ein Wettbüro und einen Spielsalon durchzuführen.
It's a hard knock life
Der eigentliche Banküberfall und die anschließende Flucht glücken zwar, fordern aber einen unfassbar hohen Preis. Aus Angst vor Entdeckung ermordet Lua den Bankangestellten. Umso nervöser ist er also vor den nächsten beiden Raubzügen, die folglich schiefgehen. Das Wettbüro verlässt er mit ein paar lächerlichen Kröten, seinen letzten Überfall bezahlt er mit der Inhaftierung. Obwohl er von den Fluchtwagenfahrern Afa und Joseph zurückgelassen wurde, verpfeift er sie vorerst nicht an die Polizei. Womöglich ist die Furcht vor seinen Auftraggebern und deren Kontakten ins Gefängnis größer als die Aussicht auf eine Haftmilderung.
Harry Anglesea hat neben der Suche nach Lua auch schwerwiegende persönliche Probleme. Erst vier Wochen zuvor hat er seine Ehefrau verloren, wobei lediglich angedeutet wird, dass sie sich selbst umgebracht haben könnte. Er selbst leidet schwer darunter, muss jedoch gleichzeitig für seine Tochter Mele (Hunter Kamuhemu) sorgen und will schnellstmöglich in seinen Beruf zurückkehren. Letztgenanntes gelingt ihm unter der Auflage, regelmäßige Sitzungen bei einer Psychologin wahrzunehmen. Mit erstgenanntem hat er jedoch größere Schwierigkeiten. Mele verprügelt eine Mitschülerin, nachdem diese sie auf das Übelste beleidigt hat: „Fuck off orphan bitch.“
Die Ermittlungsarbeit scheinen seine häuslichen Probleme dabei nicht zu beeinflussen. Unaufgeregt und akribisch arbeitet er mit seinen Kollegen Jim „Stocks“ Stockton (Sam Neill) und Mosese „Moss“ Tuitonga (Michael Koloi) an der Ergreifung des Flüchtigen. Ihre Spur führt sie zu einem Kontaktmann im Gefängnis „Mt. Eden“ und zur Prostituierten „Star“ (Ashleigh Keating), die ihnen entscheidende Hinweise liefern.
Überhaupt verläuft die Suche nach dem Täter recht unaufgeregt und reibungslos. Dies lässt vermuten, dass Harry nach der Auftaktepisode eine weitaus vielschichtigere Geschichte erzählen wird. Gestützt wird diese These durch das Porträt von Afa als kleinem Fisch. Nach der Ergreifung Luas sucht der nämlich Unterschlupf bei einer Rockerbande. Die lassen ihn jedoch knallhart abblitzen, drohen ihm gar mit dem Tod, sollte er sich noch einmal in ihrer Nähe blicken lassen. Er steht also fast ganz unten auf der kriminellen Nahrungskette. Unter ihm nur noch Lua.
Fazit
Harry erzählt eine sehr gewöhnliche Kriminalgeschichte. Keine der Figuren fallen durch ungewöhnliche Manierismen auf. Die Handlung wird unaufgeregt vorangetrieben und enthält keinerlei überraschende Wendungen oder kuriose Ausnahmefälle. Auch die Erzählstruktur weist keine Besonderheiten auf.
Dementsprechend fällt es schwer, ein entschiedenes Urteil über Harry zu fällen. Soll nun gelobt werden, dass die Geschichte ohne jeglichen dramaturgischen oder visuellen Spezialeffekte erzählt wird oder soll ebendiese Abwesenheit kritisiert werden? In ihren besten Momenten erinnert die Dramaserie an das amerikanische Format The Killing, in ihren schwächsten an eine besonders blutleere Tatort-Folge.
Positiv hervorzuheben sind jedenfalls die Leistungen der Schauspieler. Sowohl die Routiniers Neill und Kightley als auch die Jungschauspieler Koale und Kamuhemu liefern überzeugende Darstellungen ab. Wünschenswert wäre - zumindest für das außerpazifische Publikum - eine eingehendere Thematisierung der samoanisch-neuseeländischen Kultur. Ein mutiger Schritt der Produzenten ist es jedenfalls, einzelne Passagen ohne Untertitel in einer der Landessprachen, Maori, zu inszenieren.
Die Auftaktepisode von Harry kann also als durchschnittliche Krimiware eingestuft werden. Je nachdem, welche Sichtweise man wählt, können die zuvor erwähnten charakteristischen Elemente positiv oder negativ bewertet werden. Ein kurzer Blick in den Vorspann auf die nächste Episode Déjà Vu verspricht schon etwas mehr Action. Deshalb bekommt die Premiere vollkommen unentschiedene drei Sterne.