Harry 1x01

Harry 1x01

Die neuseelĂ€ndische Dramaserie Harry bringt den actionverwöhnten Serienjunkie zurĂŒck auf den Boden der Tatsachen und erzĂ€hlt eine unaufgeregte, scheinbar gewöhnliche Kriminalgeschichte. Auf BrutalitĂ€t und Melodram muss dennoch nicht verzichtet werden.

Harry Anglesea (Oscar Kightley) und Jim „Stocks“ Stockton (Sam Neill) in der Kriminalserie „Harry“ / Foto (c) TV3
Harry Anglesea (Oscar Kightley) und Jim „Stocks“ Stockton (Sam Neill) in der Kriminalserie „Harry“ / Foto (c) TV3

Die KriminalitĂ€tsrate von Neuseeland nahm in der Vergangenheit eine Ă€hnliche Entwicklung wie die der meisten westlichen Industrienationen. Der grĂ¶ĂŸte Teil des 20. Jahrhunderts war gekennzeichnet von einer stetig steigenden Wachstumsrate, ab den 1990er Jahren fingen diese Werte erstmals an, zurĂŒckzugehen. Dieser Trend setzte sich im neuen Jahrtausend fort. Seitdem hĂ€lt sich die Rate von MordfĂ€llen und anderen Schwerverbrechen stabil bei circa zehn Prozent.

NeuseelÀndische Medienökonomie

Trotzdem spielt die öffentliche Sicherheit und die KriminalitĂ€tsrate in der politischen Kultur Neuseelands eine dominante Rolle, was auf ein großes öffentliches Interesse an diesem Themengebiet zurĂŒckzufĂŒhren ist. Nicht unbeteiligt an dieser Entwicklung sind die diversen neuseelĂ€ndischen Medienorgane, die FĂ€lle von gewaltsamen Kriminalvergehen tendenziell eher aufbauschen. Trotz der seit Jahren fallenden KriminalitĂ€tsrate fĂŒhrt dies also zu der öffentlichen Fehlinterpretation, die Zahl der Gewaltdelikte steige, was wiederum die Angst der Bevölkerung, selbst zum Opfer eines solchen Verbrechens zu werden, erhöht.

So spielen die Medien denn auch eine tragende Rolle in der Auftaktepisode This is Personal der neuen Krimiserie Harry. Ein in der fĂŒhrenden Tageszeitung des Handlungsortes Auckland abgedrucktes Überwachungsbild des flĂŒchtigen SerientĂ€ters Lua Mataola (Beulah Koale) fĂŒhrt zu dessen Identifikation. Ausgerechnet die eigene Mutter (Ruth Keresoma) erkennt ihn an seinen auffĂ€lligen Turnschuhen. Außerdem will Polizeichef Mark Henderson (Will Wallace) kurz vor der Ergreifung des TĂ€ters die Medien einschalten, um ein starkes öffentliches Bild der Polizei zu reprĂ€sentieren. Die ĂŒberhastete Reaktion ist wiederum ein direktes Resultat der medialen Sensationalisierung von Gewaltverbrechen.

Einem gefĂ€llt dieses Vorgehen ĂŒberhaupt nicht. Chefermittler Harry Anglesea (Oscar Kightley) hatte kurz zuvor der Familie des TĂ€ters versprochen, ihn ohne großes Polizei- oder Medienaufgebot festnehmen zu wollen, sollten sie sein Versteck verraten. Nur so war es ihm gelungen, Vertrauen zu ihr aufzubauen. Aber wie so oft im strikten Hierarchieapparat einer öffentlichen Institution haben die mittleren VerantwortungstrĂ€ger nicht die letzte Entscheidungsbefugnis. Oftmals kommt noch hinzu, dass die Vorgesetzten nicht das Interesse der betroffenen Familien, sondern ihr eigenes beziehungsweise das ihrer Institution im Hinterkopf haben.

In Harry werden diese klassischen Konflikte im Hintergrund erzĂ€hlt, vordergrĂŒndig entspannt sich eine unspektakulĂ€re Kriminalgeschichte. Lua Mataola ist Teil einer Bande von drogenabhĂ€ngigen Kleinkriminellen. Da er seine Schulden bei BandenfĂŒhrer Afa Sorrenson (Matthias Luafutu) nicht begleichen kann, wird er von diesem und seinem Handlanger Joseph Schmidt (Fasitua Amosa) dazu gezwungen, bewaffnete ÜberfĂ€lle auf eine Bank, ein WettbĂŒro und einen Spielsalon durchzufĂŒhren.

It's a hard knock life

Der eigentliche BankĂŒberfall und die anschließende Flucht glĂŒcken zwar, fordern aber einen unfassbar hohen Preis. Aus Angst vor Entdeckung ermordet Lua den Bankangestellten. Umso nervöser ist er also vor den nĂ€chsten beiden RaubzĂŒgen, die folglich schiefgehen. Das WettbĂŒro verlĂ€sst er mit ein paar lĂ€cherlichen Kröten, seinen letzten Überfall bezahlt er mit der Inhaftierung. Obwohl er von den Fluchtwagenfahrern Afa und Joseph zurĂŒckgelassen wurde, verpfeift er sie vorerst nicht an die Polizei. Womöglich ist die Furcht vor seinen Auftraggebern und deren Kontakten ins GefĂ€ngnis grĂ¶ĂŸer als die Aussicht auf eine Haftmilderung.

Harry Anglesea hat neben der Suche nach Lua auch schwerwiegende persönliche Probleme. Erst vier Wochen zuvor hat er seine Ehefrau verloren, wobei lediglich angedeutet wird, dass sie sich selbst umgebracht haben könnte. Er selbst leidet schwer darunter, muss jedoch gleichzeitig fĂŒr seine Tochter Mele (Hunter Kamuhemu) sorgen und will schnellstmöglich in seinen Beruf zurĂŒckkehren. Letztgenanntes gelingt ihm unter der Auflage, regelmĂ€ĂŸige Sitzungen bei einer Psychologin wahrzunehmen. Mit erstgenanntem hat er jedoch grĂ¶ĂŸere Schwierigkeiten. Mele verprĂŒgelt eine MitschĂŒlerin, nachdem diese sie auf das Übelste beleidigt hat: „Fuck off orphan bitch.

Die Ermittlungsarbeit scheinen seine hĂ€uslichen Probleme dabei nicht zu beeinflussen. Unaufgeregt und akribisch arbeitet er mit seinen Kollegen Jim „Stocks“ Stockton (Sam Neill) und Mosese „Moss“ Tuitonga (Michael Koloi) an der Ergreifung des FlĂŒchtigen. Ihre Spur fĂŒhrt sie zu einem Kontaktmann im GefĂ€ngnis „Mt. Eden“ und zur Prostituierten „Star“ (Ashleigh Keating), die ihnen entscheidende Hinweise liefern.

Überhaupt verlĂ€uft die Suche nach dem TĂ€ter recht unaufgeregt und reibungslos. Dies lĂ€sst vermuten, dass Harry nach der Auftaktepisode eine weitaus vielschichtigere Geschichte erzĂ€hlen wird. GestĂŒtzt wird diese These durch das PortrĂ€t von Afa als kleinem Fisch. Nach der Ergreifung Luas sucht der nĂ€mlich Unterschlupf bei einer Rockerbande. Die lassen ihn jedoch knallhart abblitzen, drohen ihm gar mit dem Tod, sollte er sich noch einmal in ihrer NĂ€he blicken lassen. Er steht also fast ganz unten auf der kriminellen Nahrungskette. Unter ihm nur noch Lua.

Fazit

Harry erzĂ€hlt eine sehr gewöhnliche Kriminalgeschichte. Keine der Figuren fallen durch ungewöhnliche Manierismen auf. Die Handlung wird unaufgeregt vorangetrieben und enthĂ€lt keinerlei ĂŒberraschende Wendungen oder kuriose AusnahmefĂ€lle. Auch die ErzĂ€hlstruktur weist keine Besonderheiten auf.

Dementsprechend fĂ€llt es schwer, ein entschiedenes Urteil ĂŒber Harry zu fĂ€llen. Soll nun gelobt werden, dass die Geschichte ohne jeglichen dramaturgischen oder visuellen Spezialeffekte erzĂ€hlt wird oder soll ebendiese Abwesenheit kritisiert werden? In ihren besten Momenten erinnert die Dramaserie an das amerikanische Format The Killing, in ihren schwĂ€chsten an eine besonders blutleere Tatort-Folge.

Positiv hervorzuheben sind jedenfalls die Leistungen der Schauspieler. Sowohl die Routiniers Neill und Kightley als auch die Jungschauspieler Koale und Kamuhemu liefern ĂŒberzeugende Darstellungen ab. WĂŒnschenswert wĂ€re - zumindest fĂŒr das außerpazifische Publikum - eine eingehendere Thematisierung der samoanisch-neuseelĂ€ndischen Kultur. Ein mutiger Schritt der Produzenten ist es jedenfalls, einzelne Passagen ohne Untertitel in einer der Landessprachen, Maori, zu inszenieren.

Die Auftaktepisode von Harry kann also als durchschnittliche Krimiware eingestuft werden. Je nachdem, welche Sichtweise man wÀhlt, können die zuvor erwÀhnten charakteristischen Elemente positiv oder negativ bewertet werden. Ein kurzer Blick in den Vorspann auf die nÀchste Episode Déjà Vu verspricht schon etwas mehr Action. Deshalb bekommt die Premiere vollkommen unentschiedene drei Sterne.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 31. Mai 2013
Episode
Staffel 1, Episode 1
(Harry 1x01)
Titel der Episode im Original
This is Personal
Erstausstrahlung der Episode in Neuseeland
Mittwoch, 8. Mai 2013 (Three)

Schauspieler in der Episode Harry 1x01

Darsteller
Rolle
Oscar Kightley
Hunter Kamuhemu
Michael Koloi
Ana Tuigamala

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?