Good Times: Die neuen Evans - Review der Pilotepisode

Good Times: Die neuen Evans - Review der Pilotepisode

Die US-Sitcom „Good Times“ lief ursprünglich in den 70er Jahren erfolgreich im Fernsehen. Der jüngst verstorbene Norman Lear und Seth MacFarlane präsentieren nun zusammen eine animierte Fortsetzung bei Netflix, die die Themen von einst in einer übersteigerten Gegenwart präsentiert. Dabei wird das „Family-Guy“-Modell für die Familiendynamik geliehen.

Die Evans in der Serie „Good Times“
Die Evans in der Serie „Good Times“
© Netflix

Norman Lear hat in seiner illustren Karriere und seinem geschäftigen Leben, das er bis ins Alter von 101 führen durfte, viele Serien und besonders Sitcoms mitgestaltet. Von „All in the Family“, „The Jefferson“, „Sanford and Son“, dem alten „Good Times“, „Maude“, „Mary Hartman“ bis hin zum ursprünglichen One Day at a Time.

Bräuchte man ein modernes Äquivalent dazu, dann wäre das womöglich Chuck Lorre als Mastermind hinter The Big Bang Theory, Two And A Half Men, Mom, The Kominsky Method, Bookie, Young Sheldon und vielen mehr. Oder eben Seth MacFarlane, mit dem Lear für den Streamingdienst Netflix die 2024er Version von Good Times als Zeichentrick auf die Beine gestellt hat. MacFarlane ist als Sprecher oder Macher/Kreativer an Formaten wie Family Guy, American Dad, The Cleveland Show, Dads, The Orville oder Ted involviert und eben nun auch an diesem Sequel.

Das Original war ein Spin-off eines Spin-offs - nämlich von „Maude“, was wiederum aus „All in the Family“ hervorgegangen war. Aber nun langsam genug des Namedroppings. Mit welcher Art Serie haben wir es hier inhaltlich und gestalterisch zu tun?

Darum geht es in der Serie „Good Times“ von Netflix

Die Evans im väterlichen Taxi in „Good Times“
Die Evans im väterlichen Taxi in „Good Times“ - © Netflix

Wie schon das Original ist eine Schwarze Familie im Zentrum, der es finanziell nicht unbedingt gut geht und die in einem der letzten Sozialbauprojekten von Chicago lebt. Lear und MacFarlane setzen außerdem auf Autorin Ranada Shepard, die die Drehbücher beisteuert.

Im Zentrum steht dabei Taxifahrer Reggie (J. B. Smoove, Curb Your Enthusiasm), seines Zeichens Enkel der Figur, die John Amos einst spielte. Unterstützt wird er von seiner hoffnungsvollen und gut aufgelegten Frau Beverly (Yvette Nicole Brown, Community), die trotz Geldsorgen alles tut, um die Familie und die Kinder bei Laune zu halten und die Miete oder Nebenkosten fristgerecht abzuliefern.

Mit dabei ist auch ihr künstlerischer Teenagersohn Junior (Jay Pharoah; White Famous, „Saturday Night Live“), der Street-Art mit Black Jesus in den Hausflur sprayt oder Aktivistentochter Grey (Marsai Martin), die in der Pilotfolge gerade auf einem Hungerstreik ist, der jedoch für sie ungeahnte Nebenwirkungen hat. Denn sie ist nicht nur wahnsinnig erschöpft, sondern ihr Atem und Geruch ziehen buchstäblich Fliegen an... Dazu kommt der drogendealende Säugling namens Dalvin (Gerald „Slink“ Johnson).

So weit, so eine Mischung aus „The Boondocks“ und Family Guy plus ein Hauch The Cleveland Show. Schaut man sich die Historie der amerikanischen Animationsserien an, dann waren sie oftmals von weißen, mittelständischen Familien geprägt, wie eben „Family Guy“, „King of the Hill“, The Simpsons, American Dad, Bob's Burgers, Duncanville, Bless the Harts, Central Park, The Great North, South Park und sicherlich noch einige andere, weniger langlebige Beispiele.

Darum ist es erfreulich, dass man der vergleichsweise kurzen Liste an Formaten mit BiPoc einen weiteren Eintrag hinzufügt. In Deutschland war das freche „The Boondocks“ leider nie sonderlich bekannt, das ich persönlich während meines US-Studiums konsumieren konnte. Wer ähnliche Formate mit etwas mehr Diversität im Cartoonbereich sucht, kann diese bei „Black Dynamite“, der bereits erwähnten „The Cleveland Show“, „Filmore!“, „Die Prouds“ oder im Sci-Fi-Serien/Superheldenbereich bei „Black Panther“, „Static X“ und dem jüngst gestarteten Iwájú finden.

Hier schon mal der Originaltrailer zur Serie „Good Times“:

Are we having Good Times?

Die drogendealenden Babys aus der Serie „Good Times“
Die drogendealenden Babys aus der Serie „Good Times“ - © Netflix

Die Serie von Netflix und Sony TV, bei welchem Lear seinen Rahmenvertrag hatte, hebt sich von vielen FOX-Zeichentrick-Produktionen allein schon durch den etwas schrägeren Stil der Stadt und der Figuren ab, die am ehesten noch wie bei Big Mouth in ihren Proportionen etwas überzeichnet sind. Chicago selbst und die Wohnareale sind ebenfalls schief und krumm, was eine eigene Dynamik mit sich bringt.

Waren die Lear-Serien früher Multi-Kamera-Sitcoms im Theaterstil mit Publikum, hat man es hier mit einer modernen Comedyserie der Marke MacFarlane zu tun - mit allen Vor- und Nachteilen. Das bedeutet zuallererst, dass man eine gewisse Freche und edgyness im Humor findet. Schimpfwörter, N-Words (mit beep), aber auch Themen wie Drogen, Waffen, Verbrechen und Armut spielen eine Rolle. Das bedient sich einiger Klischees, kann aber auch die Zielgruppe, die sich dafür interessiert, gut unterhalten. Es repliziert aber natürlich auch gewisse Tropen, die man von den Fuzzy-Door-Serien so kennt...

So ist das Baby wieder mal ein Neunmalklug, diesmal aber eben eher als Drogen-Kingpin-Gangster statt als Mad Scientist wie Stewie oder der Too-Cool-for-School Rallo in „The Cleveland Show“. Zudem ist die Beziehung zu ihm und seinem Vater ablehnend und antagonistisch, also auch hier wieder eine „Family-Guy“-Parallele, wobei Stewie eher immer an Lois geraten war.

Grey steht irgendwo in der Tradition von Lisa Simpson, Summer aus Rick and Morty, Meg aus „Family Guy“ und Hayley aus „American Dad“ als eine Aktivistin und Punching Ball, obwohl sie unter dem Nachwuchs wahrscheinlich zu den schlaueren gehört... Trotzdem muss sie schon im Auftakt einsehen, dass der Kampf auch körperliche und gesellschaftliche Folgen für sie hat und zermürbend sein kann...

Junior ist wie Theo Huxtable aus „Der Cosby Show“ oder Robbie aus „Die Dinos“ ein Möchtegern-cooler-Teenager, der in der Pilotfolge aber immerhin mit tatsächlich coolen Fight-Moves überrascht. Der Vater ist irgendwo eine Mischung aus loveable loser und Brotverdiener (man denke an Homer, Bob, Peter und zig andere). Die Mischung hat sich im Laufe der Zeit sicherlich als etwas herauskristallisiert, was funktioniert, ist aber nun auch etwas, was man so schon oft sehen konnte...

Generell kann man fragen: Warum ist das Baby nicht mal ein Mädchen mit solchen Ambitionen? Warum gibt es so wenige männliche Aktivisten-Teens/Nerds (außer vielleicht Mark in The Conners und vielleicht Brick aus The Middle). Da hätte man durchaus für neue Variationen sorgen können. Geschenkt, man hat sich entschieden und die Pilotfolge zeigt, wie die Familieneinheit trotz aller Widrigkeiten an einem Strang zieht, auch wenn man versuchen muss, in einer Pool-Partie Geld zu verdienen, dann aber doch auf Drogendeals von Junior setzt, der am Ende die Vermieterin erpresst, die Familie rettet und das Penthouse über der elterlichen Wohnung bezieht. Witzig finde ich etwa die Idee, dass zahlreiche Babys den Drogenmarkt unter sich klären und dabei Namen wie Baby Jr., Baby Baby und Lil' Baby tragen.

Der Humor und Erzählstil ist zudem natürlich auf eine Animationsserie gemünzt, so dass Realismus nicht immer notwendig ist, also Tiere sprechen können, gesellschaftliche Trends auf die Schippe genommen oder Gesetze der Physik nicht wirklich umgesetzt werden. Ein paar kleine easter eggs, wie zum Beispiel das Singen des alten Titelsongs unter der Dusche oder ein Nutzen der catchphraseDamn! Damn! Damn!“ bringt man in der meist vergnüglichen ersten halben Stunde auch noch unter.

Fazit: Damn! Damn! Damn!

Good Times“ ist sicherlich nicht für jede:n, aber wenn einige der hier referenzierten Animationsserien gemocht und auch mal eine Schwarze Perspektive gesehen werden möchte, so ist das Netflix-Format, das zunächst mit zehn Folgen daherkommt, sicherlich passend. Ist es die cleverste Comedy-Animationsserie für Erwachsene aller Zeiten? Nach dem Ersteindruck sicher noch nicht, aber es gibt durchaus kurzweilige Unterhaltung und wahrscheinlich den einen oder anderen netten Abend, den man mit Familie Evans verbringen kann, wenn man bei „The Simpsons“, „Bob's Burgers“, „South Park“, „Rick and Morty“, „Family Guy“ und Co auf dem neuesten Stand ist oder sich in ein weiteres TV-Wohnzimmer einmieten will.

Dreieinhalb von fünf dealenden Babys dafür.

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