BoJack Horseman 4x12

© oJack flüchtet in der vierten Staffel vor seinen Verpflichtungen und Freunden. / (c) Netflix
Geschichten können sich um vieles drehen: Manche handeln von der Liebe, andere handeln vom Tod. Wieder andere handeln von der Suche nach Sinn, doch letzten Endes geht es eigentlich immer um dasselbe, um die eine große Tragödie des Lebens: die Unaufhaltsamkeit der Zeit. Von allen Serien, die momentan auf Sendung sind, ist es ausgerechnet BoJack Horseman, eine Zeichentrickkomödie über ein sprechendes Pferd, die sich mit diesem universellen Thema am schonungslosesten und tiefschürfendsten befasst.
Gestartet als nette kleine Animationsserie, die mit Insiderwitzen und Gaststars versuchte, die Traumfabrik Hollywood (später „Hollywoo“) zu demontieren und währenddessen ohne erkenntlichen Grund von humanoiden Tierfiguren bevölkert wurde, konnte sich die Netflix-Serie spätestens mit ihrer zweiten Staffel das Prädikat „herausragend“ verdienen. BoJack Horseman brilliert sowohl als Komödie als auch als Drama. Und Staffel vier kann in beiderlei Hinsicht sogar noch eine Schippe drauflegen, dabei tritt die Hauptfigur zunächst eher in den Hintergrund.
Die Frage nach BoJacks (Will Arnett) Verbleiben steht im Zentrum dieser Staffel, aber eigentlich tut sie das schon seit Anbeginn der Serie. Es ist weniger eine Frage des Ortes als vielmehr eine des seelischen Zustandes. BoJack ist depressiv, ein abgewrackter Fernsehstar, ein pathologischer Lügner und Frauenheld. Gefangen im Käfig des Selbsthasses kann er nichts tun, um sich besser zu fühlen. Er stößt jeden von sich weg und ertränkt sein Bewusstsein im Alkohol. Nach dem gescheiterten Comebackversuch mit „Secretariat“ sieht er für sich daher nur einen logischen Schritt: die Flucht.
Where's BoJack?
So geht es anfangs vor allem um die Nebencharaktere, die ihre unverhoffte Aufmerksamkeit gut zu nutzen wissen: Princess Carolyn (Amy Sedaris) packt zum Beispiel der innige Wunsch, Mutter zu werden, doch muss sie leider erkennen, dass es vielleicht schon zu spät sein könnte. Nicht zufällig stürzt sie sich deshalb auf ihr neues Herzensprojekt, eine Serie über die Vergänglichkeit des Lebens. Und auch bei Diane (Alison Brie) dreht sich alles um das Thema Zeit, so gesteht sie sich nun endlich ein, dass sie ihre als zweitklassige Onlinejournalistin und als Frau von Mr. Peanutbutter (Paul F. Tompkins) verschwendet.

Diane beschreibt ihre Ehe als Magic-Eye-Poster: Nur, wenn man die Augen fest zusammenkneift, erkennt man überhaupt noch einen Sinn. Selbst der sorglose Mr. Peanutbutter sieht schließlich ein, dass sie Recht hat. Zuvor geraten die beiden allerdings auch schon wegen seiner Einstellungen zum Thema Fracking aneinander, das er als Kandidat um den Posten des kalifornischen Gouverneurs öffentlich befürwortet - natürlich ohne vorher darüber nachzudenken. Diese Storyline funktioniert insgesamt am wenigsten, was sicherlich daran liegt, dass hier zu viel von einem sonst eher seichten Comic-Relief-Charakter abverlangt wird.
Anders ist es da bei Todd (Aaron Paul), der weiter genau das tun darf, was er am besten kann: albern sein. Und seine Abenteuer werden verrückter denn je: Erst wird er zum modischen Trendsetter, wodurch ein fantastischer Running Gag für die gesamte Staffel eingeleitet wird, dann lässt er sich beinahe mit einem It-Girl vermählen, für das er nicht einmal Gefühle hegt und schlussendlich bekommt er es auch noch mit Clownzahnarztzombies zu tun - ganz recht, mit Clownzahnarztzombies. In kreativer Hinsicht sind der Serienschöpfer Raphael Bob-Waksberg und seine Kollegen also mal wieder nicht zu bremsen, doch ihr Meisterstück haben sie sich erneut für BoJack aufgehoben.
The only way out is through!
Welch bessere Chance könnte sich für einen Mann auftun, sein Leben in den Griff zu kriegen als eine plötzliche Vaterschaft? Genauso kommt es für BoJack, als kurz nachdem er doch wieder nach Hause kehrt, ein junges Mädchen mit dem schönen Namen Hollyhock Manheim-Mannheim-Guerrero-Robinson-Zilberschlag-Hsung-Fonzerelli-McQuack (Aparna Nancherla) vor seiner Tür steht und nach ihrer Mutter fragt. An BoJack selbst hat sie kein Interesse, da sie zu viele Geschichten über ihn gehört hat und ohnehin schon acht liebevolle Adoptivväter hat (mein persönlicher Favorit: Quackers McQuack).
Das Einzige, was Hollyhock von ihm verlangt, ist, ihr zu sagen, mit wem er neun Monate vor ihrer Geburt Sex hatte. Natürlich ist die Liste lang und für BoJack zugleich ein schmerzhafter Ausflug in die Vergangenheit, vor der er sonst immer versucht zu fliehen. Doch nimmt er das für Hollyhock auf sich und beweist damit, dass sie ihm in der Tat etwas bedeutet. Ihrer Mutter kommen die beiden trotzdem nicht näher, BoJack selbst allerdings seiner eigenen. Denn, wenn Hollyhock schon nicht ihre Mutter treffen kann, dann wenigstens ihre Großmutter. Und so wird die demente Beatrice Horseman (Wendie Malick) kurzerhand in BoJacks Villa verlegt. Ein großer Fehler, wie sich herausstellen soll...

Nicht nur, dass Beatrices Anwesenheit bei BoJack alte Kindheitswunden aufreißt, nein, sie vergiftet auch Hollyhock - und in diesem Fall ist vergiften wörtlich gemeint. Weil sie ihre Enkelin für zu dick hält, mischt sie ihr Tabletten ins Essen und kritisiert ihre Figur. BoJack bekommt von alldem zunächst nichts mit, da er zur eigenen Schande ständig aus dem Haus ist, weil er sonst an der Verantwortung für die beiden wichtigsten Frauen in seinem Leben zerbrechen würde. Die Episode Stupid Piece of Sh*t (4x06) zeigt eindrucksvoll, wie seine innere Stimme ihn unentwegt traktiert. So ungefähr muss es sich anfühlen, unter Depressionen zu leiden. Deutlich wird dadurch aber auch, dass Hollyhocks Ankunft für BoJack weniger eine Chance, sondern vielmehr eine zusätzliche Belastung darstellt.
But I've never had a brother...
BoJack kann in seiner jetzigen Verfassung einfach kein Vorbild sein. Und die Schuld für sein verkorkstes Leben gibt er vor allem seiner lieblosen Mutter. Zunächst sind auch wir dazu geneigt, Beatrice zu verteufeln, doch bei BoJack Horseman gibt es keine Schurken, sondern höchstens noch mehr Opfer. In Time's Arrow (4x11), der denkwürdigsten Episode dieser Staffel, die als angemessener Nachfolger für Fish Out of Water (3x04) aus dem Jahr davor betrachtet werden kann, sehen wir Beatrices eigene Version der Geschichte. Es ist eine schmerzhafte Geschichte, eine über die Rolle der Frau und über das Erwachsenwerden. Und am Ende verstehen wir, wie Beatrice werden konnte, wie sie ist. Kinder erben das Trauma ihrer Eltern. Nichts ist schwieriger, als den Kreis des Unglücks zu durchbrechen und sich zu ändern. Genau das ist die Botschaft dieser Serie.
Seit Don Draper (Jon Hamm) repräsentiert keine Figur im Fernsehen diesen Konflikt der eigenen Identität und Herkunft besser als BoJack. Ohnehin scheint sich keine Serie besser für einen Vergleich mit BoJack Horseman anzubieten als Mad Men, so gibt es beim Telefonat zwischen BoJack und Diane sogar eine direkte Anspielung auf das Finale des AMC-Dramas. Und genau wie Don darf auch BoJack am Ende dieser Staffel einen kleinen, aber wichtigen Triumph genießen: Wie sich herausstellt, ist Hollyhock doch nicht seine Tochter, sondern seine Halbschwester, das Kind von seinem Vater und der Haushälterin Henrietta, mit deren Namen seine Mutter ihn ständig anspricht. BoJack wäre an der Vaterrolle zerbrochen, doch als großer Bruder scheint er sich perfekt zu eignen. Später bietet ihm Princess Carolyn sogar noch die Hauptrolle in ihrer neuen Fernsehserie an, für die er ebenfalls wie geschaffen wirkt. Man darf bei BoJack nie zu optimistisch sein, allerdings stehen die Zeichen aktuell ziemlich gut für ihn.
Und bei all den tiefgründigen Erkenntnissen, die BoJack Horseman über die Tragik des Menschseins oder eher des Pferdseins zu Tage fördert, sollte man nicht vergessen, dass die Serie zugleich auch als fantastische Popkultursatire funktioniert. Man denke nur an die Episode Thoughts and Prayers (4x05) oder an ein Zitat wie dieses: „TV pitching is like the Israeli flag - it's nothing without a big star.“ Liefe da nicht zufällig noch Rick and Morty bei adult swim, so wäre „BoJack“ fraglos die beste Animationsserie, die zur Zeit zu sehen ist. Die beste Netflix-Serie ist sie für meine Begriffe allemal und in gewissen Momenten ist sie eben auch eine der besten Dramaserien. Man kann nur hoffen, dass dieses Meisterwerk fortgesetzt wird und dass uns Bob-Waksberg und Konsorten noch häufiger Tränen lachen und weinen lassen dürfen.
Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 12. September 2017(BoJack Horseman 4x12)
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