American Horror Story 5x08

Das Internet hat unseren Fernsehkonsum in vielerlei Hinsicht verändert, unter anderem ist es für Kreative heutzutage nahezu unmöglich, eine große Wendung unter Verschluss zu halten. Bestes Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit ist der vermeintliche Tod einer Hauptfigur in The Walking Dead, der von Fans und Journalisten schon so stark auseinandergepflückt worden war, dass die Auflösung keinerlei Wirkung hinterlassen konnte.
Mein Glückwunsch geht also raus an all jene User, die vorausgesagt haben, dass Mordermittler John Lowe (Wes Bentley) The Ten Commandments Killer aus der fünften Staffel von American Horror Story ist. Die nach ihm benannte Episode erzählt nun seine origin story - wie konnte der rechtschaffene Polizist zum brutalen Serienmörder werden? Die Antwort ist ganz einfach: Cortez-Erbauer James Patrick March (Evan Peters) machte es sich zum neuen Hobby, aus John seinen Nachfolger zu modellieren.
Serienschöpfer Ryan Murphy hat sich hierzu selbst an die Schreibmaschine gesetzt, weshalb aus einer wenig spannenden Prämisse eine sehenswerte Episode wird. Gekonnt präsentiert er seine Fähigkeiten als Wortakrobat, indem er seinen Schauspielern elegante Dialoge schreibt, die unsere Ohren umarmen wie der warme Hauch des Todes die Opfer des Zehn-Gebote-Killers. Weil die Episode überwiegend in Rückblenden erzählt wird, sind echte WTF-Momente rar gesät. Deshalb sind auch ein paar ungewöhnliche dabei. Aber seht doch einfach selbst.

WTF-Moment 1: It's always been you
Als John zusammenzubrechen droht, bekommt er von Hotel-Dauergast Sally (Sarah Paulson) endlich Aufklärung darüber, dass er der Zehn-Gebote-Killer ist. Sie zeigt ihm das von James Patrick March (JPM) begonnene Opus magnum, das nun von ihm beendet werden soll - jedes der zehn biblischen Gebote muss mit dem Körperteil oder Organ eines Opfers, das gegen das entsprechende Gebot gesündigt hat, bestückt werden.
Er gesteht hernach gegenüber seinem Kollegen Andy (Richard T. Jones), und weil der das nicht glauben will, erzählt er die Geschichte seiner Wandlung.

WTF-Moment 2: Real criminals never pay
Das diabolische Grinsen von JPM ist kein echter WTF-Moment, jedoch von Evan Peters so wunderbar wahnsinnig gespielt, dass ich es in diese Liste aufnehmen musste. Er kann sich ebenjenes nicht verkneifen, nachdem John eine bittere Wahrheit ausgesprochen hat: „Death is the only thing in life that has any meaning.“
Nun weiß JPM, dass er den richtigen Kandidaten gefunden hat, um sein Werk zu vollenden. Jedoch weiß er auch, dass es einer behutsamen Herangehensweise braucht, um John unwiederbringlich auf die dunkle Seite zu ziehen: „He needs to hate the whole world and everything in it.“

WTF-Moment 3: Accountant Henry
Als ersten Schritt zeigt JPM seinem Protegé die Trophäensammlung. Sie besteht nicht nur aus tierischen Exponaten. Am Ende eines langen, dunklen Gangs hängt der Kopf von Buchhalter Henry, der es sich erlaubt hatte, für seine eigenen Vergnügungen Gelder aus dem Hotel abzuzweigen. Der Schritt hätte etwas zu früh kommen können, denn John stürmt empört davon und verkündet, die Polizei alarmieren zu wollen. Doch JPM bleibt gelassen - er weiß, dass sich John längst von seiner einstigen Rechtschaffenheit verabschiedet hat: „A law had nothing to do with justice.“

WTF-Moment 4: A man who likes to write about movies on the internet
Es ist nun an der Zeit für Johns erstes Opfer seiner Selbstjustiz. JPM lenkt seine Aufmerksamkeit auf den pädophilen Filmblogger Martin Gamboa (Kevin Fry-Bowers), den noch in der gleichen Nacht der Tod durch Oscarstatue ereilt. John kommt damit jedoch schlechter zurecht als angenommen. Von Selbsthass geplagt, will er sich aufhängen. Gerettet wird er von JPM höchstpersönlich, während Sally nur danebensitzt und dem Todeskampf zuschaut.
Gamboas Selbstbeschreibung als „a man who likes to write about movies on the internet“ ist ein offensichtlicher Seitenhieb von Murphy an die schreibende Zunft, was an eine kürzlich von Jesse Eisenberg im New Yorker veröffentlichte Polemik über Filmkritiker erinnert. Vielleicht ist Murphy ja ein bisschen säuerlich wegen der durchwachsenen Kritiken seiner jüngsten Werke.

WTF-Moment 5: Now you remember
Mit dem Mord an Kollege Andy hat John seine Entwicklung abgeschlossen, was JPM in freudige Erregung versetzt: „Finish my work. Make it your own.“ Tatsächlich ist John dazu nicht nur bereit, er wird nun auch von einem unstillbaren Hunger nach weiteren Morden angetrieben. Von JPM wird er deswegen als Künstler geadelt - und als jemand, der endlich dort angekommen sei, wo er hingehöre: „You're home.“
Diese Episode mag den Plot nicht nennenswert vorangetrieben haben, aber sie ist ein echtes showcase für Ryan Murphy und seine Darsteller. Befänden sich sein Dialog und ihr Schauspiel nicht auf einem solch hohen Niveau, wäre aus The Ten Commandments Killer eine belanglose Füllerfolge geworden. So jedoch macht sie genau das, was American Horror Story so gut kann - hoffnungslos überstilisierte Geschichten erzählen.
Trailer zu Episode 5x09: 'She Wants Revenge'
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 3. Dezember 2015American Horror Story 5x08 Trailer
(American Horror Story 5x08)
Schauspieler in der Episode American Horror Story 5x08
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