American Horror Story 1x01

Nun ist sie also da, die viel angekĂŒndigte und vor allem angeteaserte neue Horrorserie American Horror Story. Im Vorfeld wurden einige AnkĂŒndigungen darĂŒber gemacht, dass die Serie so gruselig wird, wie es die serielle TV-Unterhaltung lange nicht mehr gesehen hat. Aber werden diese Versprechen im Serienpilot eingehalten? Zumindest werden eine Menge Fragen aufgeworfen...
PrÀmisse der Serie American Horror Story
Die Harmons sind eine schrecklich zerrĂŒttete Familie. Der Psychiater Ben (Dylan McDermott, The Practice) betrĂŒgt seine Frau mit einer anderen und wird auf frischer Tat ertappt. Diese hĂ€lt gerade - aus GrĂŒnden der Selbstverteidigung - ein Messer in der Hand, weil sie merkwĂŒrdige GerĂ€usche aus dem Haus vernimmt und sticht ihrem betrĂŒgerischem Mann in den Arm. SpĂ€ter erhĂ€lt der Zuschauer auch den Grund fĂŒr den Seitensprung: Vivien (Connie Britton, Friday Night Lights) hatte vor einiger Zeit eine Fehlgeburt und hat seitdem nicht mehr mit ihrem Mann geschlafen.
Grund genug also, das bisherige Leben hinter sich zu lassen und den Wohnort zu wechseln. Statt Boston ist nun Los Angeles das designierte Ziel. DafĂŒr hat man sich ein zunĂ€chst nett erscheinendes Haus ausgesucht und zieht zusammen mit der Tochter Violet (Taissa Farmiga) um. Doch das Haus hat eine dunkle Vorgeschichte: Die Immobilienmaklerin ist verpflichtet, dem Paar mitzuteilen, dass die Vorbesitzer im Haus umgekommen sind und deswegen der Preis fĂŒr das riesige Anwesen so niedrig ist. Das schreckt sie zunĂ€chst nicht ab, soll sich aber bald rĂ€chen.
Die Streitigkeiten der Eltern gehen auch an ihrer Tochter nicht spurlos vorbei. Denn in der neue Schule gerĂ€t Violet schnell mit den neuen MitschĂŒlern aneinander und trĂ€gt erste Blessuren davon. Nur mit einem gleichaltrigen versteht sie sich. Ausgerechnet mit Tate (Evan Peters), einen konfliktbeladenen Patienten ihres Vaters, scheint sie auf einer WellenlĂ€nge zu sein.
Bald machen die einzelnen Familienmitglieder Bekanntschaft mit einigen Eigenarten des Hauses. Dazu gehört ein DienstmĂ€dchen, das Vivien als alte Dame Moira (Frances Conroy,Six Feet Under) erscheint und ihrem Ehemann Ben als jugendlich-attraktive Version (Alexandra Breckenridge) derselben. DarĂŒber hinaus gibt es einen gruseligen Keller, den man am besten nicht im Dunkeln betreten sollte und einen Dachboden inklusive Lederanzug mit Eigenleben. Und auch die Nachbarn - allen voran Constance (Jessica Lange) und ihre Tochter Adalaide (Jamie Brewer), die wohl eine Vorgeschichte in dem Wohnort haben - sowie der ehemalige Bewohner Larry (Denis O'Hare) machen sich auf die ein oder andere erschreckende Art bemerkbar.
Die Marke Ryan Murphy

Man sieht dem Serienpiloten durch die Gestaltung klar an, dass Ryan Murphy und sein Serienpartner-in-crime Brad Falchuk fĂŒr ihn verantwortlich sind. Ihre Handschrift ist in der optischen Ausrichtung klar zu erkennen. Der Einsatz von Steady Cams, das kurze Nachzoomen auf Gesichter und das Mise-En-Scene erinnern mehr an Nip/Tuck als an Glee, wenn auch bei der Musicalserie einige dieser Kamerakniffe bereits Einzug gehalten haben.
Eine besondere Schnitttechnik fĂŒhrt dabei dazu, dass sich American Horror Story von sonstigen derzeitigen Serienproduktionen abhebt. Gemeint ist der hĂ€ufige Ansatz von Sekundenschnitten in GesprĂ€chen oder beim Beobachten der Figuren, die beim Zuschauer den Eindruck hinterlassen, dass etwas ausgelassen wurde oder dass Zeit vergangen ist. Das kann man wahrscheinlich interessant oder nervig finden. Noch sieht der Schreiber dieser Zeilen dies als interessante Möglichkeit, die aber im Serienpilot bis zur Grenze des UnertrĂ€glichen ausgereizt wurde. Hoffentlich werden zukĂŒnftige Episoden diesen Effekt etwas runterschrauben.
Wie die Zeit vergeht...
Damit hĂ€ngt auch ein weiterer Kritikpunkt der erzĂ€hlerischen Darbietung des Serienpiloten zusammen. Als Zuschauer bleibt man hĂ€ufig desorientiert zurĂŒck. Ist das in der EinfĂŒhrung mit den beiden rothaarigen ZwillingsbrĂŒdern noch zu verschmerzen, weil dort durch eine Zeittafel das Jahr 1978 gekennzeichnet wird, ist das bei manch andere Stelle im Handlungsverlauf unklarer. Manchmal fĂ€llt es reichlich schwer abzuschĂ€tzen, wie viel Zeit vergeht. Es mĂŒssen aber mehrere Tage oder Wochen sein, denn gewisse Ereignisse ergeben sonst noch weniger Sinn als ohnehin schon.
Ein Streit ĂŒber den Umzug fĂŒhrt zu Versöhnungssex, dann betritt eine Person im Lackanzug das Schlafzimmer und schlĂ€ft mit Vivien, die davon spricht, dass sie bereits Sex hatten, weil sie die Person fĂŒr ihren Ehemann hĂ€lt. Aber in einer darauffolgenden Szene erzĂ€hlt sie ihrem Mann, dass sie wieder schwanger ist. Hier mĂŒssen mindestens Wochen vergangen sein.
Somit besteht nun die unangenehme Möglichkeit, dass die Person im Lackanzug der Vater ist.
Gruselfaktor oder Ekelfaktor?

Eine Serie wie American Horror Story steht und fĂ€llt damit, wie sehr sie den Zuschauer in Beschlag nimmt und ihn das FĂŒrchten lehrt. Da aber Grusel genauso wie Humor oder Geschmack höchst subjektiv und von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist, muss jeder fĂŒr sich entscheiden, ob das Gesehene als gruselig empfunden wird oder nicht.
Der Rezensent hĂ€lt die AtmosphĂ€re zwar stellenweise fĂŒr reichlich creepy, aber so richtig gruselig wurde es bis auf zwei Stellen doch eigentlich nicht. Die Ausnahmen bilden die Szene im Familienkeller und das Ende der Episode. Denn dort wird der Ekel wunderbar mit Ahnungslosigkeit und RĂ€tselraten verbunden.
Positiv hervorzuheben ist die Credit-Sequenz, deren Schwere dabei hilft, in die intendierte Stimmung fĂŒr die Serie zu kommen. Leider wurde die Kunst eines guten Intros bei vielen Networkserien in den letzten Jahren in den Hintergrund gerĂŒckt. Umso erfreulicher ist es, dass die Kabelsender die Stellung halten. Und auch wenn das Intro mit dem absoluten Klassiker von Twin Peaks nicht mithalten kann, liefert man doch einen guten Versuch ab.
Fragen ĂŒber Fragen
Insgesamt wirft der Serienpilot erstaunlich viele Fragen auf, was zum gesteigerten Interesse an den kommenden Episoden fĂŒhrt. Wenn man dem Piloten eines attestieren kann, dann, dass er vollgestopft mit Informationen, Figuren und WTF?-Momenten ist.
Was hat es mit dem jugendlichen Klienten von Ben auf sich? Warum kennt er das Haus so gut? Was zur Hölle war das im Keller? Warum sieht die HaushĂ€lterin einmal jung und einmal alt aus? Warum entwickelt der eigentlich weggeworfene Lackanzug ein Eigenleben? Und wer steckt in ihm? Was meinte Constance mit der Aussage „Don't make me kill you again“? Warum sterben scheinbar fast alle, die das Haus betreten? Wie lange hĂ€lt es die Familie Harmon dort aus, bevor sie versucht zu flĂŒchten? Oder lĂ€sst das Haus das ĂŒberhaupt zu?
Dabei ist die wichtigste Frage eigentlich, ob die Figuren in die Klischeé-Falle geraten und einfach im Haus verweilen, wenn um sie herum Menschen oder gar Familienmitglieder zu Tode kommen.
Ein kleines bisschen Horror-Show?

Ein Versprechen trifft ganz klar zu: American Horror Story wird beeinflusst durch Horrorfilme der 70er und 80er Jahre. Das wird unterstrichen durch die Eröffnungsszene, die offenbar in diesem Zeitabschnitt angesiedelt ist. Aber auch sonst werden die Spannungsmomente eher nach Vorbild solcher Klassiker wie dem Original-„Halloween-Film“, „Poltergeist“, „The Shining“ oder „Der Exorzist“ geschaffen. Damit grenzt man sich eindeutig zur letzten gröĂeren Horrorserie Harper's Island ab. Denn diese Stand eher in der Tradition, die von den „Scream“-Filmen und den zahlreichen Klonen ab Mitte der 90er Jahre begrĂŒndet wurde.
Auch atmosphĂ€risch unterscheidet sich American Horror Story von anderen Mysteryserien mit einer groĂen Portion Horror, wie beispielsweise Supernatural oder die Zombie-Survival-Serie The Walking Dead. Anders ist hier das Stichwort. Ob diese Andersartigkeit gefĂ€llt, muss jeder fĂŒr sich entscheiden. Manchmal beschleicht einen jedoch das GefĂŒhl, dass gewisse Dinge einfach eingefĂŒgt wurden, um kontrovers zu sein. Die Masturbationssequenz, die Figur von Constances Tochter oder der Lackanzug kommen einem da in den Sinn.
Genug Potenzial hat der Serienpilot auf alle FĂ€lle geliefert, um den Schreiber dieser Zeilen dazu zu bewegen, auch die nĂ€chsten Episoden anzuschauen. Auch wenn The Walking Dead deutlich besser zu gefallen wusste. Aber das ist ein Vergleich von Ăpfel und Birnen. Doch der Serienmarkt ist groĂ genug - und damit wĂ€re auch die Berechtigung fĂŒr American Horror Story gegeben.
Fazit
Mit American Horror Story haben Murphy und Falchuk einen ĂŒberdurchschnittlich interessanten und stellenweise recht unterhaltsamen Serienpiloten geschaffen, der jedoch an einigen kleineren und gröĂeren Problemen krankt.
Kleine nervigen PrĂ€sentationsprobleme und too much information sowie die Aneinanderreihung von Szenen ohne klar erkennbare KausalzusammenhĂ€nge - und damit ist nicht gemeint, dass dem Zuschauer sofort alles auf die Nase gebunden werden muss, sondern einfach kleine Orientierungshilfen erwĂŒnscht sind - wĂŒrden zukĂŒnftige Episoden bereichern. Ansonsten muss man selbst entscheiden, ob American Horror Story zum Gruseln oder zum GĂ€hnen anregt.
Was meint Ihr, liebe Serienjunkies? Endlich wieder einmal eine Horrorserie nach Eurem Geschmack oder schaut Ihr lieber echte Horrorfilme?
Verfasser: Adam Arndt am Montag, 10. Oktober 2011(American Horror Story 1x01)
Schauspieler in der Episode American Horror Story 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?