South Park 19x10

Trey Parker und Matt Stone, die Schöpfer der animierten Comedy South Park, haben sich ganze 18 Jahre Zeit gelassen, um ihrer Serie in der neunzehnten Staffel eine neue Ausrichtung zu verpassen. Das Format, das einst so sehr auf serielles Erzählen pfiff, dass die Figur Kenny McCormick in jeder Episode von Neuem umgebracht wurde, hat ebendiese Erzählform nun für sich entdeckt. Die Konstruktion eines staffelübergreifenden Handlungsbogens bedeutet jedoch nicht, dass „South Park“ seine legendäre Aktualität verlieren würde - sie ist eben in den Erzählstrang integriert.
You're letting paranoia and suspicion get the better of you
Das wird kaum irgendwo deutlicher als in der Finalepisode PC Principal Final Justice, in der nicht nur die Staffelgeschichte ihre Klimax erreicht, sondern auch die nach dem Anschlag von San Bernardino einmal mehr aufgeflammte Diskussion um Amerikas absurde Waffengesetze eingearbeitet wird. Andere brandaktuelle Themen sind die Präsidentschaftskandidatur des (größen-)wahnsinnigen Bauunternehmers Donald Trump, die Terrororganisation IS, die Flüchtlingsströme nach Europa, fehlgeleitete Polizeigewalt sowie soziale Medien inklusive der Auswüchse nerviger Onlinewerbung und außer Kontrolle geratener Kommentarspalten.
Eingebettet ist all das in der Betrachtung der sogenannten outrage-culture, die zu einer Spaltung der amerikanischen Gesellschaft in linke wie rechte Hardliner geführt hat. Personifiziert ist das durch die Ankunft des „PC Principal“ an der South Park High School, ein durchtrainierter Verbindungstyp, der mit seinen bros Mikroaggressionen mit Mikroaggressionen bekämpft und einem kruden Leitbild folgt: „(We) love nothing more than beer, working out and the feeling that you get when you rhetorically defend a marginalized community from systems of oppression!“
Nun sind Trey Parker und Matt Stone für ihre nihilistische Ablehnungshaltung von allem bekannt, wofür sich Menschen begeistern oder einsetzen können. Bei ihrem meist jungen und männlichen Publikum kommt das auch im 19. Jahr noch hervorragend an, während ebenjene Marginalisierten, Engagierten und für soziale Veränderungen Eintretenden leicht davon genervt sein können. Nihilismus ist nämlich eine sehr einfache Einstellung - wenn man davon ausgeht, dass die Menschheit nicht zu retten ist, ist es ein Leichtes, sich über sie lustig zu machen.

Umso überraschender ist es, welch feinfühlige und sensible Botschaft am Ende herauskommt, wobei man sich wirklich bis zur letzten Episode gedulden muss, um zu erkennen, in welche Richtung das Ganze läuft. Davor gehen Parker und Stone gewohnt schonungslos mit allem ins Gericht, was sie im Amerika des Jahres 2015 besonders stört. Weil PC Principal seine aufklärerischen, bisweilen aufrührerischen Aktivitäten nicht auf die Schule beschränkt, entsteht im Süden South Parks ein gentrifiziertes Viertel namens „SoDoSoPa“ (South of Downtown South Park), das um das Haus der bitterarmen Familie McCormick aufgebaut wird.
You're expelled
Wer „South Park“ kennt, den überrascht kaum, dass Randy Marsh zum Wortführer der neuen politisch korrekten Hipsterwelt aufsteigt - bis er erkennt, dass die Gentrifizierung so rasend schnell voranschreitet, dass er sich sein eigenes Haus nicht mehr leisten kann. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch die Anlockung eines „Whole Foods“-Supermarktes (eine Entsprechung in Deutschland ist wohl die „Biocompany“) nach South Park, der sich am Ende als Wurzel allen Übels herausstellt. Dort wird Randy so lange vom vordergründig freundlichen Kassierer beschämt, bis er eine viel zu hohe Spende entrichtet.
Die Episode You're Not Yelping zieht all jene ins Lächerliche, die sich auf Internetplattformen wie „Yelp“ dazu berufen fühlen, jede einzelne Dienstleistung zu bewerten, die sie in Anspruch nehmen. In der düstersten Episode der Staffel, Safe Space, wird Butters beinahe in den Tod getrieben, nachdem er dazu auserwählt wurde, das Internet von potentiell beleidigenden Kommentaren zu säubern. Die als Naughty Ninjas verkleideten Jungs treiben den Bewohnern von South Park indes den Angstschweiß auf die Stirn, weil sie glauben, der „Islamische Staat“ sei über ihren Ort hergefallen.
Die Episode Where My Country Gone? nutzen Stone und Parker zur brutalen Abrechnung mit dem rassistischen Demagogen Trump, in dessen Rolle Mister Garrison schlüpft, um die Kanadier dazu zu überreden, sich mit einer gigantischen Mauer abzuschotten - und dann festzustellen, dass es diese Mauer längst gibt, sie aber ein riesiger Fehler war. Der mit Sponsored Content eingeleitete dreiteilige Schlussakt widmet sich schließlich der Verwischung von Nachrichten und Werbung im Internet und der damit einhergehenden Desinformation unserer Gesellschaft.

Hier läuft die Serie zu absoluter Hochform auf, hier wird das Ansinnen der Serienschöpfer offensichtlich, eine Geschichte erzählen zu wollen, die zu genuinem Nachdenken anregt. Stan und Kyle finden heraus, dass PC Principal als unwissender agent provocateur nach South Park geschickt wurde. Die Gentrifizierung dieses und tausender anderer Orte wurde von einer außerirdischen Macht vorangetrieben, die sich mittels Werbung der Menschheit entledigen will. Ihre Werbemaßnahmen machen jedoch nicht vor dem Internet Halt - sie haben sogar menschliche Form angenommen.
All of us, together
Als PC Principal davon Wind bekommt, mutiert er zum Helden, der überall auf der Welt mit brutaler Gewalt gegen all jene vorgeht, die den Außerirdischen zuarbeiten. Seine mächtigste Gegenspielerin ist die kleine Leslie, eine wandelnde Reklame in Menschenform, die - in einer wunderbaren Referenz an den tollen Science-Fiction-Film 'Ex Machina' - bereits Kyle in ihren Bann gezogen hat. Am Ende kommt es zum Showdown bei einer Waffenshow in South Park, die auf ebenso komisch-absurde wie erschreckend reale Weise an eine Hundeshow erinnert.
Mit einem beherzten Schlag ins Gesicht der niedlichen Leslie beendet PC Principal den Spuk, woraufhin auch Randy noch seinen großen Moment bekommt, indem er das Whole Foods-Gebäude zum Verschwinden auffordert, das dann als Raumschiff tatsächlich davonrauscht. Die letzten - sehr ehrlichen und berührenden - Worte gehören wiederum PC Principal: „We have the burning desire for social justice. We are at war, but the only way to win this war is to be as understanding, non-biased, and politically correct as possible.“ Es ist ein schönes, ein wahres, ein für das nihilistische South Park außergewöhnlich hoffnungsvolles Statement.
Aber es ist auch ein Ansinnen, das schwer umzusetzen ist, wie Stan sogleich erkennt: „This is gonna be really hard.“ Ja, es ist schwierig, es bedarf Anstrengung, es bedarf des Willens zur Weiterentwicklung, zur persönlichen Einschränkung, zur Rücksichtnahme auf Dinge, die zunächst vielleicht lächerlich erscheinen. Jeder kann sich auf ein Podest stellen und einem johlenden Publikum Hetze und Propaganda entgegenschreien. Sich aber aufeinander einzulassen, das können oder wollen viele nicht. Dass sich Trey Parker und Matt Stone indes auf etwas Neues, Komplizierteres eingelassen haben, ist äußerst lobenswert.
Diese neunzehnte Staffel war seit langem die beste - für die bereits bestellte zwanzigste können sie sich dann ja vornehmen, weibliche Figuren zu schreiben, die etwas anderes sind als Hausfrauen, Mütter, Prostituierte oder Maschinen. Wird bestimmt auch nicht einfach.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 12. Dezember 2015(South Park 19x10)
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