South Park 18x03

Beim vorherigen Recherchieren über die Handlung der aktuellen South Park-Episode gingen bei mir ehrlich gesagt ein wenig die Alarmglocken los. Gerade Gendersensibilität und (sprachliches) Feingefühl werden des Öfteren ungerechtfertigterweise mit übertriebener „Political Correctness“ oder gar Zensur gleichgesetzt und sind leider häufig genug Zielscheiben des Spotts. Umso angenehmer war es, zu entdecken, dass Trey Parker und Matt Stone mit der Folge The Cissy abermals ein Herz am rechten Fleck beweisen konnten.
Trust me, you don't want this hot potato
Cartman muss dank seiner üppigen Mahlzeiten dringend auf die Toilette. Er kann und will nicht mehr darauf warten, dass seine Schulkameraden ihm einen Platz auf dem Porzellanthron freimachen und so rast er zum Mädchen-WC, um endlich mehrere Mr. Hankeys in die Schüssel entlassen zu können. Als Ausrede behauptet er spontan, Transgender zu sein, auch wenn er zunächst glaubt, das Wort heiße „Transginger“. Typisch Cartman versucht er schließlich, natürlich ohne Rücksicht auf jene, deren Leben sich durch solchen Gendertrouble tatsächlich schwierig gestaltet, für seine „Rechte“ in einer Welt voller Cisgendermitschüler zu kämpfen. Schließlich ist es auf der Toilette der Mädchen sehr viel angenehmer als bei den Jungs nebenan.
Allen ist sofort klar, dass Eric(a) sich nicht wirklich als Mädchen identifiziert und wie in den Folgen wie Le Petit Tourette nur so tut, einer betroffenen Minderheit anzugehören. Aber Mr. Garrison rät der Direktorin, sich nicht der Kritik auszusetzen, welche über die Schule hereinbrechen würde, sollte ein Schüler mit vermeintlicher Transidentität nicht auf die für ihn passende Toilette dürfen. So lässt man Cartman gewähren, doch als die Mädchen sich zu beschweren beginnen, wird ein Kompromiss ausgearbeitet: Eric erhält seinen eigenen „Executive Bathroom“, für den er sich prompt eine Innenarchitektin kommen lässt.
I am Lorde, ya ya ya!
Unterdessen untersucht ein Reporter vom Spin Magazine in South Park, was es damit auf sich hatte, dass die Sängerin Lorde sich in der vergangenen Episode (Gluten Free Ebola) auf einer Kinderparty in der Provinz die Ehre gegeben hatte. Wir erinnern uns: Randy Marsh sollte die Künstlerin für die Party der Jungs organisieren und stand am Ende selbst kostümiert auf der Bühne. In Wahrheit hat Randy jedoch nicht so getan als sei er Lorde... Randy ist Lorde. Ganz wie Walter White alias Heisenberg aus Breaking Bad führt er ein Doppelleben, von dem seine Frau nichts weiß und das daraus besteht, seinen Lieferanten (den Plattenfirmen) den „heißen Stoff“ zu liefern.
Die Freude über das Spezial-WC hält bei Cartman (der das Klo mit einer SM-Session einweiht) nicht lange an, denn wie immer ist Wendy bereit, ihm Paroli zu bieten. Sie kommt als Wendell zur Schule und dringt somit in das heilige Örtchen ein, das Eric für sich allein beanspruchen wollte. Verwirrt über die Situation an der Schule sucht Stan das Gespräch mit seinem Vater, der sich bei der Gelegenheit als Teensensation Lorde outet und vorführt, wie mithilfe von Auto-Tune und ein paar Klicks am Computer die Superhits der Sängerin entstehen. Stan lässt diese Enthüllung noch verwirrter zurück als zuvor und so sorgt er für einen kleinen Eklat, als er selbst die dritte Toilettenoption aufsucht.
Feelin' Good on a Wednesday
Am geologischen Institut, für welches Randy arbeitet und zu welchem er nun auch als Lorde erscheint, bekommt er durch seine neue Identität eigene Probleme. Auch ihm bietet man eine eigene Sondertoilette an. Wie eine Kollegin ihm erklärt: „Meine Mädchen sind große Fans deiner Musik, Lorde, aber die Frauen hier fühlen sich nicht wohl, ein Badezimmer zu teilen mit...“ - „Mit was?“, fragt Randy und taucht als Lorde unter. Ermutigende Worte seiner Frau Sharon, die ihm (wohl wissend um die andere Seite ihres Mannes) verrät, was sie Lorde in diesem Moment mitteilen würde, holen Randy schließlich aus seiner Depression. Er liefert einen neuen Song ab, der eine der besten Montagen begleitet, die South Park in den letzten Jahren hervorgebracht hat.
Schließlich verzichtet der investigative Journalist auf seine Enthüllungsstory über die „wahre“ Identität von Lorde und sowohl die Schule von South Park als auch das geologische Institut verabschieden sich vom Konzept eines Sonder-WCs für Transgender. Jene, die Probleme mit Transmitschülern haben, sollen fortan das für sie designierte cissy-Klo benutzen.
Fazit
Die Episode The Cissy nimmt sich des Genderthemas ernsthafter an, als South Park es in der Vergangenheit getan hatte, wenn es etwa um Mr. beziehungsweise Ms. Garrison ging, deren Transidentität als Sprungbrett für billige Lacher benutzt wurde. Klar ist das Thema auch hier nicht so tief behandelt worden, wie es möglich gewesen wäre und die Pseudotransthematik an der Schule, die parallel zu Randys Charakterstück läuft, welches das Thema auch eher in Form eines Gleichnisses streift (es ging wohl eher um seine Selbstverwirklichung im Allgemeinen), mag vielen zu sehr um die Ecke formuliert sein. Aber sowohl die Ansprache von Sharon als auch die „empowernde“ Montagesequenz triefen vor Aufrichtigkeit und einer wertvollen Message, die vor allem für ein jugendliches Publikum (und natürlich jene, die selbst mit ihrer Identität kämpfen) wichtig im Rahmen einer populären Sendung zu hören ist.
Auch hätte ich nie gedacht, zur Primetime den Begriff „Cisgender“ zu hören, was eine weitere angenehme Überraschung darstellt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil daraus mein neues Lieblingsschimpfwort für transphobe Pappnasen (siehe Episodentitel) generiert wird.
Die echte Lorde hat unterdessen Humor bewiesen und sich über ihren Auftritt in South Park gefreut, nachdem sich die Serie letzte Woche ihren Spaß mit ihr erlaubt hatte. Ein Artikel im Onlinemagazin Spin hatte sich daraufhin über den „unfairen“ Gag beschwert, was den Reporter in dieser Folge erklärt: „Lorde is an incredibly talented and down to earth young lady. It would be a shame if someone was... having fun at her expense!“ („Lorde ist eine unglaublich talentierte und am Boden gebliebene junge Lady. Es wäre eine Schande, wenn jemand... sich auf ihre Kosten einen Scherz erlauben würde!“)
Interessant ist auch, dass South Park weiterhin und mit der 18. Staffel in dieser Form zum ersten Mal an Kontinuität festhält. Neben dem Auftritt von Lorde aus der Vorgängerepisode wurde abermals Butters' Abwesenheit und sein Hausarrest angesprochen. Was war da los? Bekommen wir etwa noch eine zeitlich früher angesetzte Episode oder wo führt uns dieser plötzliche rote Faden hin? Bisher ist die aktuelle Staffel auf einem guten Kurs und hält die hohe Qualität aufrecht, die bereits letztes Jahr an der Tagesordnung stand, weshalb ich Trey und Matt vertrauensvoll in die verbleibenden sieben Episoden folge.
Verfasser: Mario Giglio am Samstag, 11. Oktober 2014(South Park 18x03)
Schauspieler in der Episode South Park 18x03
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?